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Segeln mit Krebspatienten : „Alle müssen mit anpacken“

An Bord: Marc Naumann (links) mit einem Mitglied der Crew Bild: Felix Koch/Segelrebellen

Der Kampf gegen Wind und Wetter ähnelt dem gegen eine schwere Krankheit: Marc Naumann erzählt, wieso er in diesem Augenblick mit jungen Krebspatienten über das Mittelmeer segelt.

          Herr Naumann, bei welcher Windstärke erwischen wir Sie gerade?

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie schwankt zurzeit stark. Bei Windstärke eins bis drei etwa.

          Sie sind gerade an Bord?

          Nein, ich stehe im Moment im Altstadthafen von Marseille mit Blick auf unser Schiff.

          Sie sind am Mittwoch in Port-Saint-Louis im Rhône-Delta gestartet, jetzt ist Freitagnachmittag, und Sie sind in Marseille. Wie viele Seemeilen liegen dazwischen?

          So etwa 30 Seemeilen.

          Segel hissen: Marc Naumann (Zweiter von links) mit einem Teil seiner Crew auf dem Schiff der Segelrebellen.

          Die haben Sie mit einer Crew aus sechs Männern und Frauen bezwungen. Sie alle hat nicht primär die Liebe zum Segeln zusammen aufs Meer getrieben, sondern die Tatsache, dass Sie alle jung sind, die meisten unter 35 Jahren, und an Krebs leiden. Sie selbst waren 28 Jahre alt, als ein Gehirntumor bei Ihnen entdeckt wurde.

          Das war im Jahr 2010. 2012 wurde ein Rezidiv, ein Rückfall, diagnostiziert. Ein solcher Befund zieht jungen Menschen, die gerade mit vielen Plänen ins Leben starten, den Boden unter den Füßen weg. Mir hat nach der zweiten Chemotherapie, unter der ich sehr gelitten habe und die viele Nebenwirkungen hatte, das Segeln geholfen, mit dieser Situation umzugehen, wieder eine Perspektive zu entwickeln.

          Sie haben damals, im Herbst 2012, drei Wochen nach Ende der Hochdosis-Chemotherapie dabei geholfen, ein Segelschiff aus Cuxhaven nach Calais zu überführen. War das nicht gefährlich für Ihre Gesundheit?

          Die Ärzte waren damals erst skeptisch, haben mir aber schließlich ihr Okay geben. Auch, weil ich aus kürzeren Törns zwischen den Zyklen der Chemotherapie die Erfahrung mitgebracht hatte, dass die Seeluft, das Gefühl von Freiheit und Weite mir geholfen hatten, die Nebenwirkungen besser in den Griff zu bekommen. Segeln ist übrigens eher mental als körperlich anstrengend. Auch wenn die Bedingungen auf dieser Überführung sehr rauh waren. Genau das habe ich damals gebraucht.

          Deutliche Ansage: Die Besatzung lässt sich von ihrer Krankheit nicht einschüchtern.

          Sie haben nach diesem Rückfall zwar Ihr Jura-Examen abgeschlossen, arbeiten seitdem aber nicht als Jurist, sondern als Skipper.

          Genau, wenn man an Krebs erkrankt ist, begleitet einen immer die Angst, ein Rezidiv zu bekommen. Man weiß nicht, wie viel Zeit einem noch bleibt. Für mich steht im Moment das Segeln an erster Stelle, es tut mir gut. Was irgendwann einmal sein wird, ob ich doch noch mal als Jurist arbeite, das kann ich jetzt noch nicht sagen.

          Von Ihrer Segel-Begeisterung und Ihrer Einstellung, mit der Erkrankung umzugehen, wollen Sie nun etwas an die Mitsegler und anderen Krebspatienten abgeben?

          Ich habe an meiner eigenen Erkrankung gemerkt, dass gerade die Zeit direkt nach der Therapie, wenn man aus dem Krankenhaus entlassen wird und erst einmal als „geheilt“ gilt, die schwierigste ist. Die Welt um einen herum hat sich weitergedreht, manch ein Erkrankter hat seinen Job verloren, wenig Geld zur Verfügung oder kann die Hobbys von früher nicht mehr aufnehmen. Für junge Krebspatienten, die genau an diesem Punkt stehen, habe ich das Angebot der „Segelrebellen“ entwickelt.

          Am Mast weht die Fahne der Segelrebellen.

          Das Besondere an dem Konzept der „Segelrebellen“ ist, dass Krebspatienten nicht einfach mitfahren, sondern aktiv eingebunden und gefordert sind, das Schiff bei Wind und Wetter von Hafen zu Hafen zu bringen, oder?

          Das ist die Idee dahinter. Ich will, dass die Teilnehmer wieder lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich vergleiche das Segeln immer mit der Krankheit. Gegen zu wenig Wind, Regen oder schlechtes Wetter auf See kann man nichts machen, genauso wie gegen das Schicksal einer schweren Erkrankung. Ich muss mich dem stellen, damit umgehen, aktiv Lösungswege suchen, anpacken, manchmal eben auch ein Rebell sein. Die Kräfte der Natur fordern einen. Die gönnen einem mitunter keine Pause.

          Dies ist die Jungfernfahrt der „Segelrebellen“. Geht Ihr Konzept auf?

          Meinem Eindruck nach schon. Nach ein paar Einführungen freut es mich zu sehen, dass wirklich alle mit anpacken, obwohl mancher dafür Ängste und Unsicherheiten überwinden muss. Immer zwei stehen für einige Stunden am Steuer, und einer der erfahreneren Segler ist „nur“ in Rufweite. Das ist für Anfänger eine Herausforderung.

          Haben Sie eigentlich für den Notfall einen Arzt an Bord?

          Nein. Das würde für viele der Teilnehmer wieder bedeuten: Da gibt es jemanden, an den gebe ich die Verantwortung ab, der kümmert sich um mich und meine Gesundheit. Das ist dann wie ein Therapieangebot. Das genau will ich aber nicht. Für den Notfall habe ich im back-up eine Ärztin und eine Psychoonkologin, die ich anrufen kann. Das aber erst, wenn die Crew wirklich sagt, das können wir absolut nicht mehr alleine händeln.

          Welche körperlichen Voraussetzungen müssen die Teilnehmer denn mitbringen?

          Es gibt erst einmal keine Ausschlusskriterien. Sie müssen auch keine Segelerfahrung haben. Auch bei dieser ersten Fahrt habe ich versucht, alle mitzunehmen, die Interesse haben. Bei einem Teilnehmer hatte der behandelnde Arzt Bedenken. Da haben wir nach mehreren Gesprächen nun aber eine Lösung mit Medikamenten und regelmäßigem Fiebermessen gefunden. Es wissen ja alle an Bord, wie es ist, krank zu sein. Da nimmt man einfach aufeinander Rücksicht und spricht darüber.

          Und dem Teilnehmer, von dem Sie gerade sprachen, geht es bisher auch gut?

          Ja, absolut.

          Sie haben noch eine gute Woche vor sich, wie geht der Törn nun weiter?

          Am Ende wollen wir in Mallorca sein. Heute Abend gegen 19 Uhr werden wir aufbrechen und während der Nacht den Löwengolf durchqueren Richtung Südfrankreich und Spanien. Das wird rund zwanzig Stunden dauern. Der Löwengolf gilt als eins der schwierigsten Segelgebiete der Welt. Da der Wetterbericht erst Windstärken von fünf bis sechs angesagt hatte, habe ich heute kurzzeitig überlegt, erst morgen in der Frühe loszufahren. Mittlerweile hat sich die Vorhersage aber eher gebessert.

          Das heißt, Sie hissen die Segel?

          Wir warten noch auf eine Teilnehmerin, die erst heute zu uns stoßen konnte, dann werden wir gemeinsam auf dem Schiff essen und den Törn vorbereiten. Tja, und dann geht es los in die Nacht und auf das Meer.

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