https://www.faz.net/-hrx-9wzz9

Nach Rückkehr aus Mailand : Ich halte meine Privat-Quarantäne aufrecht

Auch während der Modenschau in Mailand spielt das Coronavirus eine zentrale Rolle: Im Backstage-Bereich schützt sich eine Beteiligte mit Mundschutz. Bild: Helmut Fricke

Unsere Autorin Anke Schipp war vor kurzem in Italien und fragt sich, ob sie zu recht besorgt ist – oder doch vollkommen übertrieben reagiert. Ein Erfahrungsbericht aus dem selbstauferlegten Homeoffice.

          2 Min.

          Das Bild geht mir nicht aus dem Kopf. Wie ich gegen 17 Uhr an der U-Bahn-Station San Babila in Mailand stehe, der Zug einfährt und ich sehe, dass er proppenvoll ist. Eine kurze Sekunde zögere ich. Soll ich einsteigen oder auf den nächsten warten? Ich quetsche mich noch rein, denn ich muss zum nächsten Termin. Ich stehe auf Tuchfühlung, in meinem Nacken spüre ich den Atem eines Mannes. Irgendjemand hustet. Ich bin froh, als ich wieder draußen bin.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist jetzt eine Woche her. Es ist der Freitag auf der Mailänder Modewoche, über die ich für diese Zeitung berichtet habe. Zu dem Zeitpunkt denke ich mir noch nichts. Am Samstag ruft meine Mutter mich auf dem Handy an: „Hast du von den Corona-Fällen in Italien gehört?“  Ich schaue im Netz. Tatsächlich: 60 Kilometer von Mailand entfernt in einer Kleinstadt. Kein Grund zur Sorge, denke ich. Ich mache einfach weiter. Alle machen einfach weiter. Wie das so ist in der Mode: Auf den Bänken am Laufsteg sitzt man eng beieinander, Küsschen links, Küsschen rechts, Gratulationen, Umarmungen und: „Ciao! Muss weiter!“

          Sonntag ist mein letzter Tag. Giorgio Armani präsentiert wegen der Corona-Fälle seine Kollektion ohne Zuschauer. Alle halten das für übertrieben. Auf dem Weg zur Pressekonferenz bei Prada überquere ich den Domplatz. Alles wie immer, Touristen und Tauben. Beim Auschecken im Hotel sagt der Rezeptionist auf meine Frage, ob es für die Hotels schwierig sei, dass die chinesischen Touristen ausblieben: „Aber nein, wir haben chinesische Gäste!“

          Auf der Schau von Boss und  Dolce & Gabbana sieht man die ersten Modeleute mit Mundschutz. Direkt im Anschluss reise ich zurück nach Deutschland. Auf Fotos sehe ich am nächsten Tag einen leeren Domplatz, geschlossene Schulen. Mailand ist lahm gelegt. Ich denke: Gerade noch geschafft! Und halte es immer noch für ein Problem der anderen. Ich gehe arbeiten, einkaufen, besuche meine Eltern, die besorgt sind, aber ich beschwichtige: „Mailand ist eine Millionenstadt, warum soll ausgerechnet ich mich angesteckt haben?“

          Am Dienstagabend ändert sich mein Gefühl. Eilmeldung: Ein junger Mann aus Baden-Württemberg ist positiv auf das Virus getestet worden ist. Nach einem Besuch in Mailand. Seitdem beschäftigt mich das Thema. Ich verfolge die Nachrichten, google Virologen-Interviews, schaue live die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts und höre im Radio ein Interview mit einem Vertreter des Gesundheitsamts, der sagt: Alles nicht so schlimm! Die klassische Grippe sei schlimmer. Das sind die Momente, in denen ich mir hysterisch vorkomme. Auch nach dem Anruf bei der Hotline des Frankfurter Gesundheitsamtes:

          „Ich komme gerade aus Mailand, einem Risikogebiet. Was soll ich tun?“

          „Mailand ist kein Risikogebiet“, werde ich belehrt, „nur die Städte im Südosten von Mailand.“

          „Soll ich arbeiten gehen?“ 

          „Natürlich! Waschen Sie sich zur Sicherheit oft die Hände und vermeiden Sie Umarmungen.“

          „Soll ich mich vorsorglich testen lassen?“

          „Nein, nur wenn Sie Symptome haben.“

          Ich bin verunsichert, komme mir etwas lächerlich vor – und bleibe trotzdem im Homeoffice. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gering, sich angesteckt zu haben. Aber dachte das der junge Mann aus Baden-Württemberg nicht auch? Und wenn ich doch das Virus habe, finde ich die Vorstellung schlimm, dass alle meine Kollegen in Quarantäne müssten. Nicht nur die aus meiner Redaktion, sondern die, die nach mir in der Teeküche einen Kaffee geholt oder die gleiche Türklinke angefasst haben. Und wer weiß das dann überhaupt noch? Heißt es nicht, man sei ansteckend, bevor die Symptome kommen? Oder dass manche überhaupt keine Symptome entwickelten, aber trotzdem ansteckend seien? Oder dass man alles eigentlich gar nicht so genau weiß.

          Ich habe deshalb eine Geburtstagseinladung abgesagt und bleibe, so weit es geht, in der Wohnung. Auch wenn die Experten der Gesundheitsämter denken, man müsste nicht präventiv handeln: Ich halte meine Privat-Quarantäne aufrecht. Vorerst. Wenn der Ernstfall eintreten sollte, ist die „fieberhafte Suche nach Kontaktpersonen“  bei mir zumindest schnell beendet. Andererseits ist meine Privat-Quarantäne vielleicht schon bald sinnlos, denn so wie es aussieht, gibt es in Deutschland so viele neue Corona-Fälle, dass die Rückkehrer aus Norditalien jetzt da sind, wo sie herkommen: im Ansteckungsgebiet.

          F.A.Z.-Newsletter Familie
          F.A.Z.-Newsletter Coronavirus

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Weitere Themen

          Warum diese Länder zu Hotspots wurden

          Weltweite Coronakrise : Warum diese Länder zu Hotspots wurden

          Ob in Italien, Österreich oder Amerika: In manchen Regionen der Welt erkranken besonders viele Menschen an Covid-19. Wie kann das sein? Eine globale Spurensuche.

          Topmeldungen

          Keine Länderspiele, kein DFB-Pokal – keine Einnahmen: Auch der reichste Verband muss da neu rechnen.

          Geldnot beim DFB? : Das Füllhorn versiegt

          Der Deutsche Fußball-Bund durfte stets aus dem Vollen schöpfen, aber die Corona-Krise könnte den Verband schwer treffen. Eine Baustelle belastet den Haushalt besonders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.