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Alternativmedizin : Kneippen gegen Burn-out

  • -Aktualisiert am

Der Hype um Kneipp: Kneipp-Kindertagesstätte an der Ostsee Bild: LAIF

Wer dachte, Wassertreten und Kaltgüsse seien nur etwas für gesundheitsbewusste Senioren, hat sich getäuscht. Die Verfahren, die Sebastian Kneipp im 19. Jahrhundert begründete, sind aktuell wie nie.

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          Kneipp-Therapie? Das klingt nach einem verstaubten Heilverfahren aus dem 19. Jahrhundert. Sofort ist es im Kopf, das Bild von tapferen Mitmenschen, die im Storchengang durch knietiefes kaltes Wasser staksen, Handläufe leiten sie im Kreis durch das Becken. Von den Heilmethoden des Allgäuers Sebastian Kneipp scheint nach weitverbreiteter Ansicht nur noch ebendieses Tretbecken übrig geblieben zu sein. Dabei spielt das Stampfen durchs kalte Nass in der Kneippschen Lehre nur eine Nebenrolle.

          Zu dem mittlerweile wissenschaftlich anerkannten Präventiv- und Heilsystem des Pfarrers und Naturheilkundlers zählt mehr. Neben den Wasseranwendungen (Hydrotherapie) noch vier weitere Elemente: Pflanzenheilkunde (Phytotherapie), Bewegung (Kinesiotherapie), Ernährung (Diätetik) und Lebensordnung (Ordnungstherapie). So aneinandergereiht, lesen sich Kneipps Elemente wie Tipps aus einem aktuellen Gesundheitsratgeber zur Vorbeugung von Bluthochdruck, Schlaflosigkeit oder Stress.

          Sein Lebenswerk verdankt er den Kühen

          Und tatsächlich, was Kneipp damals entwickelt hat, ist wie gemacht für den Kampf gegen viele unserer heutigen Zivilisationskrankheiten. Dass seine Heilmethoden noch lange nach seinem Tod so aktuelle sein würden, hat Kneipp vermutlich nicht erwartet.

          Zu verdanken hat er sein Lebenswerk übrigens den Kühen. Kneipps Familie war arm. Um zum Familienunterhalt beizutragen, hütete er als Junge das Vieh der örtlichen Bauern und half seinem Vater beim Weben in der Heimwerkstatt. Die Arbeit im feuchten Webkeller war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Kneipp 1846 im jungen Erwachsenenalter an Lungentuberkulose erkrankte. Er war Mitte zwanzig, als er aufgrund der schweren Lungenerkrankung von den Ärzten als hoffnungsloser Todgeweihter aufgegeben wurde.

          Kneipp studierte zu dieser Zeit Theologie, und durch einen Zufall fiel ihm in der Münchner Universitätsbibliothek ein kleines Büchlein des Mediziners Johann Siegmund Hahn aus dem Jahr 1743 in die Hände; der Titel: „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen, besonders der Kranken bey dessen innerlichen und äußerlichen Gebrauche. Aus Vernunftgründen erläutert und durch die Erfahrung bestätigt von Johann Siegmund Hahn, Medicinae Doctor und Practicus in Schweidnitz“.

          Er stapfte nicht vorsichtig durch das Flusswasser

          Kneipp fühlte sich beim Lesen dieser Zeilen an seine Zeit als Hütejunge auf den Feldern erinnert. Damals hatte er beobachtet, wie sich lahmende Kühe wiederholt in das eiskalte Wasser eines kleinen Flusses stellten. Damals war ihm noch unerklärlich, so schrieb er später, warum die Tiere nach einiger Zeit nicht mehr lahmten. Das Buch von Hahn gab ihm die Erklärung.

          Kneipp zögerte nicht lange. Es war Mitte November, als er bei fortgeschrittener Krankheit beschloss, es den Kühen gleich zu tun, um sich selbst von der tödlichen Tuberkulose zu heilen. Der Fluss vor seiner Tür war bereits mit einer feinen Eisdecke überzogen. Anders als es die heutigen Tretbecken erwarten lassen, stapfte der junge Theologiestudent nicht vorsichtig durch das Flusswasser.

          Diese vergleichsweise milde Anwendung entwickelte er erst später. Für sich selbst wählte Kneipp sofort die intensivere Ganzkörperversion: Er rannte zum Fluss, zog die Kleidung aus, stieg bis zum Hals in das eisige Wasser, verharrte dort ein paar Sekunden, bevor er wieder hinauseilte, sich flugs die Kleider auf den nassen Körper zog und schnellstmöglich zurück in seine Studentenbude eilte und unter die warme Bettdecke schlüpfte.

          Ausdauer und Zuversicht wurden belohnt

          Damit war das Grundprinzip seiner Hydrotherapie beschrieben: Wasser dient als Träger thermischer Reize. Kommen diese mit dem Körper in Kontakt, wird der Körper zu Gegenreaktionen angeregt, die sich positiv auswirken und die Heilung fördern können. Durch die Kälte verengen sich zunächst die Gefäße, so dass das Blut schneller zirkulieren kann. Die Gegenreaktion des Körpers: Er produziert vermehrt Wärme. Das mit diesen Temperaturreizen verbundene Gefühl beschrieb Kneipp bereits nach seinem ersten Selbstversuch. Als er sich ins Bett legte, habe er ein wohliges Gefühl gespürt, als sich sein Körper erwärmte.

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