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Alter, was geht (4) : Hähnchen, dreh dich!

Bild: Jan-Hendrik Holst

Von der Omi-Bahn auf die Überholspur: Im Becken ist der Kraulschwimmer der König. Doch kann man mit 42 noch kraulen lernen?

          5 Min.

          Na großartig: Jetzt habe ich auch noch einen Krampf. So ein Wadenkrampf, sagt Annette Gasper, kann mehrere Ursachen haben: Nach einer Stunde Schwimmen ist vielleicht die Muskulatur einfach platt. Oder der Beinschlag kam zu sehr aus dem Knie, nicht aus dem Oberschenkel. „Das kommt vor“, sagt die Schwimmtrainerin, „wenn man sich auf drei, vier andere Sachen konzentriert und den Beinschlag vernachlässigt.“ Klingt logisch, zu konzentrieren versuche ich mich bei diesem Kraul-Training ja auf etliche Sachen: Wasserlage, Wasserposition, Armzug, Körperdrehung, Atmen. . . Wobei: Spätestens beim Atmen hat sich das mit meiner Konzentration erledigt. Jedes Mal, wenn ich Luft holen möchte, hole ich Wasser. Und zwar, was es nicht angenehmer macht, mit der Nase.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In meiner sportlichen Laufbahn ist das Schwimmen ein glanzloses Kapitel gewesen. Nur ungern habe ich als Kind den Kopf ins Wasser getaucht, vielleicht weil mich eine Ostseewelle einmal meiner Brille beraubte. Gut, das Seepferdchen habe ich geschafft und auch den Freischwimmer, wie das damals hieß, aber schon bei der nächsten Stufe, dem Fahrtenschwimmer, habe ich gepasst, weil ich damals partout nicht vom Dreimeterbrett springen wollte; ist ja auch schwer möglich, dabei nicht mit dem Kopf einzutauchen. Etwas später, als ich mich endlich traute, war es mir dann zu peinlich, auf den Aufnäher zu bestehen. Immerhin habe ich diverse Goldene Sportabzeichen gesammelt, die es nur gibt, wenn man auch eine Schwimmstrecke bewältigt. Doch übers simpelste Brustschwimmen bin ich nie hinausgekommen. Ich bin einer derjenigen, denen nach dem Schwimmen nicht Arm- oder Beinmuskeln schmerzen, sondern der Hals, der sich giraffengleich aus dem Wasser reckt.

          „Wer krault ist der Chef im Ring“

          Wurde bei uns im Schulschwimmen Kraulen gelehrt? Ich kann mich nicht erinnern. Ich erinnere mich nur daran, dass ich mit ein paar anderen traurigen Figuren gefühlte Ewigkeiten im brusthohen Wasser herumstand, um irgendwelche Gegenstände vom Boden aufzuheben; was genau für Gegenstände, weiß ich nicht mehr, meistens blieben sie ja unten liegen. Möglich, dass all die anderen in der Zwischenzeit gekrault haben.

          Obwohl: Alle anderen können es nicht gewesen sein. Sonst würde es heute nicht in jeder größeren Stadt Kraulkurse für Erwachsene geben, die oft um sechs oder sieben Uhr morgens beginnen und sich offenbar an vielbeschäftigte Erfolgsmenschen richten. Wer als Büro-Alphatier das große Rad dreht, dem droht halt im Sommerurlaub eine Identitätskrise, wenn er nicht ab und an ein Kleinkind vorm Ertrinken rettet. Kraulen ist schnell, Kraulen ist cool, wer krault, ist der Chef im Ring, dem der Rest ehrfürchtig Platz macht, schon weil der Kraulschwimmer, das Gesicht im Wasser, nichts sieht. Raumgreifend wie ein SUV durchpflügt er das Becken und jagt die Brustschwimm-Nuckelpinnen von der Bahn. Auch ich will jetzt endlich von der Omi-Bahn auf die Überholspur wechseln, und helfen soll mir Annette Gasper. Sie schwimmt, seit sie vier ist, trainiert andere, seit sie 14 ist, und organisiert seit drei Jahren den City-Triathlon in Frankfurt.

          Kritik so warm wie Schwimmbadwasser

          Angehende Triathleten zählen dann auch zur Hauptklientel ihrer Schwimmkurse im Hallenbad eines Fitnessstudios. Den Sieben-Uhr-morgens-Kurs für die Alphatiere indes spare ich mir, sondern vereinbare lieber zwei Einzelstunden um acht. Damit bin ich allerhöchstens ein Betatier, aber immerhin ein halbwegs ausgeschlafenes. Zugleich aber ein nahezu blindes, denn unter die Schwimmbrille passt meine Brille natürlich nicht. Macht nichts, beim Kraulen schaut man eh ins Wasser - und dass ich nicht erkennen kann, wer so alles meine Kraulkrämpfe miterlebt, ist mir sogar sehr lieb. Erfreulicherweise ist das Schwimmbad fast leer, und schön warm ist das Wasser auch noch. Welch ein Unterschied zum Schulschwimmen damals!

          Auch meine Lehrerin heute ist viel netter. Sie trägt keine Brille, die sie abnehmen könnte, und muss das, was ich so unter Schwimmen verstehe, mitansehen - doch sie versteht es meisterhaft, ihre Kritik in Worte zu kleiden, die fast so warm sind wie das Schwimmbadwasser: „Für den Anfang hervorragend“, sagt sie etwa, oder: „Von der Grundidee verstanden.“ Oder auch: „Fast gut.“ Sie sagt auch nicht etwas wie: „Das war jetzt aber ganz schön lahm gerade.“ Sondern: „Und das Ganze steht und fällt ein bisschen mit der Geschwindigkeit.“

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