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Allein unter Frauen : Cowboys sind in Amerika kaum noch zu finden

  • -Aktualisiert am

Cowboy oder Couchpotato? Bild: Jan Bazing

Wie sieht er aus, der „All American Male?“ An der Küste Santa Monicas tummeln sich braungebrannte Bodybuilder und gestresste Anzugträger mit Smartphones. Aber wo sind eigentlich die Cowboys geblieben?

          Der amerikanische Mann, weiß frau, treibt jeden Tag 25 Minuten Sport, sitzt drei Stunden vor dem Fernseher und trägt - Mark Wahlbergs Unterhosenfotos sei Dank - lieber Baumwollslips als Boxershorts. Zu seinen Traumfrauen zählen Rihanna, Katy Perry und Johnny Depps Verlobte Amber Heard. Im Kino oder auf dem Flatscreen zu Hause bevorzugt er dagegen ältere Geschlechtsgenossen wie Clint Eastwoods „Dirty Harry“, Marlon Brandos „Der Pate“ oder auch Al Pacinos „Scarface“. Da er mit einem Universitätsabschluss durchschnittlich etwa 68.000 Dollar im Jahr verdient, reist er auch gern. Vor allem nach Las Vegas, um dem Glücksspiel und dem Alkohol zu frönen. Oder nach Costa Rica, wo er gerne sportfischt, taucht oder klettert. So far, so good.

          Aber wie sieht er eigentlich aus, der „All American Male“? Bei der Feldbeobachtung an der Strandpromenade in Santa Monica fällt sofort der Typ Bodybuilder/Surfer ins Auge, der an der südkalifornischen Pazifikküste schon wetterbedingt weit verbreitet ist. Kommt braungebrannt mit Bizeps, rasierter Brust und gezupften Brauen auf Rollerblades oder Rennrad daher. Und hat trotz des Tempos noch Zeit, die Bikinis und Spaghetti-Tops weiblicher Strandgänger zu taxieren. „Amerikanische Männer interessieren nur zwei Dinge: Geld und Brüste. Sie haben eine eher beschränkte Perspektive“, klagte bereits der österreichische Hollywood-Star Hedy Lamarr vor mehr als 70 Jahren.

          Fleischgewordene Männlichkeit

          Die als „Suits“ bespöttelten Anzugträger, die gegen Mittag aus klimatisierten Büros für ein schnelles Sandwich an die Promenade kommen, nehmen dagegen selbst die Naturschönheiten kaum wahr. Vertieft ins Gespräch mit den Kollegen oder mit dem Smartphone beschäftigt, wandern sie ein paar hundert Meter bis zur nächsten Fußgängerbrücke, um den Schreibtisch in einem der Bürotürme jenseits des Pacific Coast Highway nicht lange allein zu lassen.

          Wo, fragt sich frau, ist der Cowboy geblieben? Der mystifizierte Ideal-Amerikaner als fleischgewordene Männlichkeit mit der sexy-schlaksigen Figur eines John Wayne oder Gary Cooper? Vielleicht versteckt er sich unter dem Karohemd, das gerade vom Parkplatz auf die Promenade einbiegt? Auch hier Fehlanzeige. Beim Näherkommen fällt an der Stelle, an der Westernheld Cooper den Sixpack hatte, ein fastfoodgewölbter Bauch auf. Und bei der Konversation mit dem Headset sind Satzfetzen wie „Sitzenlassen“ und „Therapie“ zu hören. „High Noon“ sah anders aus.

          Auch wenn die Vereinigten Staaten mit Werten wie Wettbewerbsorientierung und materiellem Erfolg nach dem Maskulinitätsindex des Soziologen Geert Hofstede im oberen Mittelfeld angesiedelt sind, sorgt sich die Wissenschaft längst um den metrosexuellen Nachfahren des Cowboys. An eigens eingerichteten Universitätsfach bereichen für „Men’s Studies“ versuchen Forscher seit den achtziger Jahren, den amerikanischen Mann nach dem Wandel der Geschlechterrollen vom Ideal traditioneller Maskulinität zu befreien.

           „Viele haben noch nicht begriffen, dass Männlichkeit heute anders aussieht. Da Frauen in Ausbildung und Beruf inzwischen Konkurrenten darstellen, bleibt den Männern zum Beweis ihrer Maskulinität nur die körperliche Stärke“, sagt der Kulturtheoretiker Jackson Katz. Die hypermaskulinen Posen des Gangsta-Rap, früher ein Phänomen schwarzer Innenstädte, haben nicht nur auf den einst braven Popstar Justin Bieber abgefärbt, sondern auch auf seine Altersgenossen in den weißen Vororten. Muss frau sich jetzt um den „All American Male“ Sorgen machen? Eigentlich nur, wenn sie nicht gern „Dirty Harry“ sieht, enthaarte Männerhaut abstoßend findet und bei Rap das Radio ausschaltet.

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