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Allein unter Frauen : Auf die Familie lässt der Franzose nichts kommen

Der Franzose singt die Marseillaise Bild: Jan Bazing

Für mehr als die Hälfte der französischen Männer ist die Familie mit drei oder vier Kindern ein Ideal. Das mag auch daran liegen, dass Elternschaft für den Franzosen keine sakrale Aufgabe ist. Permanente Nähe, Alltag ohne Einschränkung und wenig Schlaf – darüber kann er nur lachen.

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          Mann und Mensch - in der französischen Sprache sind sie eins. Mit dem Selbstverständnis des „l’homme“, der die Menschheit verkörpert, konnte Mann in Frankreich lange gut leben. Kriege und Umbrüche ließen das Virilitätsideal des Franzosen fast unberührt. In keinem französischen Erziehungsratgeber werden Kinderzimmer zu antimilitaristischen Zonen erklärt. Die Buben schießen unbekümmert mit Plastikknarren und Wasserpistolen, und Maman findet nichts dabei. Später ziehen sie mit echten Gewehren durch den Wald: Die Jagd bleibt der bedeutendste Volkssport. Und am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, starren sie am Bildschirm auf Panzer und Kampfflieger, die blau-weiß-rote Streifen in den Himmel spucken.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Patriotismus und Kampfgeist bleiben angesehene Werte in Frankreich, dessen Soldaten gerade an zwei Krisenschauplätze in Afrika ausgeschwärmt sind. Da irritiert es niemanden, dass inzwischen viele Frauen bei der Militärparade auf den Champs-Elysées defilieren. Nein, die Männer fühlen sich geradezu bestätigt, dass sie ihr Tapferkeits- und Kampfideal fortan mit dem Rest der (französischen) Menschheit teilen. Die adrett geschminkte Kampfpilotin mit Modelfigur steht für die Emanzipation à la française.

          „Sei ein Mann“

          Die Wellen des Feminismus haben die Geschlechterunterschiede nicht überspült. „Sei ein Mann“ bleibt ein Spruch, der auf Spielplätzen noch immer zu vernehmen ist, wenn ein Junge heult. „Sois un homme!“, schreibt Elisabeth Badinter in ihrem Klassiker „XY - Die Identität des Mannes“, lasse aber auch die Schlussfolgerung zu, dass ein Mann nicht „ist“, sondern es erst „werden“ muss, anders als das zur Frau vorbestimmte Mädchen, dem niemand „sei eine Frau“ gebietet. Das aber soll sich ändern, hat sich zumindest die Linksregierung vorgenommen. Nach dem Siegeszug von Justizministerin Christiane Taubira für die „Ehe für alle“ hat Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem den traditionellen Rollenvorstellungen den Kampf angesagt - und wilden Protest geerntet.

          Denn auf die Familie mit klaren Geschlechterunterschieden lassen die Männer in Frankreich nichts kommen. Im europäischen Vergleich zählen sie zu den zeugungsfreudigsten Vertretern ihres Geschlechts und haben Frankreich eine konstant hohe Geburtenrate um 2,0 beschert. Gerade hat eine Umfrage ergeben, dass für mehr als die Hälfte der französischen Männer die Familie mit drei oder vier Kindern ein Ideal bleibt. Das mag auch daran liegen, dass Elternschaft für den Franzosen keine sakrale Aufgabe ist. Er schuldet dem Kind nicht all seine Zeit und seinen Schlaf. Permanente Nähe, Alltag ohne Einschränkung - über solche Ratschläge kann er nur lachen.

          Er lässt Kinder nicht im Ehebett übernachten, das den Eltern vorbehalten bleibt, und er glaubt auch nicht, dass Stillen bis zur Einschulung dem Kindeswohl mehr nützt als eine entspannte Mutter. Vater Staat bleibt sein Verbündeter: Mit einem gut entwickelten Krippensystem und der gebührenfreien ganztägigen „école maternelle“ vom dritten Lebensjahr an kann der Franzose die Vereinbarkeit von Beruf und Familie loben und den Traum von der Großfamilie aus leben. Ihm ist schwer nachvollziehbar, warum die Deutschen „das Projekt Kind“ mit perfektionistischen Ansprüchen überfrachten.

          Keine Antibiotika bei der Mittelohrentzündung, Stoffwindeln statt Pampers und selbstgekochten Brei statt Fertignahrung aus dem Gläschen? Muss das wirklich immer sein? Ein Franzose musste einmal laut lachen, als er in einem Berliner Akademikerhaushalt (mit Söhnen) zur Toilette ging. Da hing ein Schild mit der Anweisung: „Bitte im Sitzen pinkeln!“ In Pariser Altbauwohnungen hingegen wird geschmunzelt, wenn die kleinen Franzosen heimlich ins Bidet urinieren: „tout va bien!“

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