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Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die an Twitter nerven

Skandal um Skandal: Auf Twitter ist es selten ruhig. Bild: Reuters

Auf Twitter zu sein ist anstrengend und aufreibend. Ständig herrscht Hass, Häme und Hysterie – oft genug wegen Nichtigkeiten. Unser Autor ist genervt. Abmelden will er sich aber nicht.

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          Seit 2016 bin ich in dem Kurzzeit-Empörungsdienst Twitter angemeldet. Zuvor hatte ich das nicht für notwendig befunden, hatte ich doch schon einen Facebook-Account. Der hatte sich aber überlebt, schließlich ist auf Facebook seit etwa 2015 kaum noch etwas los. Und wenn doch, dann schäumt der Hass in den Kommentarspalten sämtlicher Medien über. Jahrelang habe ich mit dem Gedanken gespielt, mich bei Facebook abzumelden. Vor wenigen Monaten habe ich es endlich getan. Auf Twitter bin ich immer noch.

          Nach anfänglicher Skepsis hatte ich mich vor dreieinhalb Jahren dort angemeldet, weil mich das Argument einer Journalismus-Dozentin überzeugte, man solle neugierig auf soziale Netzwerke sein, um sie zu verstehen. Damit hatte sie recht. Und zunächst war auch alles schön. Im Laufe der Zeit änderte sich das. Und mittlerweile muss ich sagen: Twitter nervt. Das hat fünf Gründe.

          1. Hass, Häme, Hysterie

          Seit zwei Jahren nehmen Hass, Häme und Hysterie auf Twitter gefühlt zu – und vor allem Polemik. Jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Nichts ist mehr grau, alles nur noch schwarz oder weiß, nur noch Skandal, Skandal! Worte werden aus dem Zusammenhang gerissen, übergenau genommen und schon zieht wieder ein Sturm auf.

          Gewiss, es gibt viele Nutzer, die das Getöse auf Twitter nicht mitmachen, es sind sogar die meisten. Einen Weg, Nonsens zu ignorieren, gar konstruktive Debatten zu führen, haben aber nur wenige gefunden. Wiederum andere haben die Plattform verlassen, wie etwa eine Journalistin der Tageszeitung, die es gewagt hatte, die Einführung eines Mietendeckels in Berlin zu kritisieren.

          2. Nichtigkeiten

          Kurz nach Weihnachten bekam ich mit, dass es einen Shitstorm gab, weil der WDR sich doch tatsächlich erdreistet hatte, Kinder ein Satirelied singen zu lassen. Als ich das auf unserer Internetpräsenz las, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Da regt sich, befeuert von Rechtsextremen, die Twitter-Welt über Satire auf und ein Ministerpräsident, Armin Laschet (CDU), meinte allen Ernstes, den Sender auf Twitter maßregeln zu müssen – als hätte er nichts Wichtigeres zu tun. In dem Moment war ich sehr froh, nur eine Zusammenfassung des Unsinns zu lesen, der sich auf Twitter mal wieder Bahn gebrochen hatte – und genoss weiterhin die schöne Zeit zwischen den Jahren.

          3. Die Filterblase

          Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) sagte einmal in einem Interview: „Auf Twitter sind ohnehin nur Politiker, Journalisten und Psychopathen unterwegs.“ Das war freilich eine überspitzte Aussage, aber im Kern traf sie einen Punkt: Twitter ist eine extreme Filterblase. Außerhalb des Journalismus kenne ich so gut wie niemanden, der dort angemeldet ist. Da ist Instagram das Maß aller Dinge, die heile Welt der gestellten Fotos. Trotzdem wird oft so getan, als sei das, was auf Twitter gerade trendet, auch das, was Deutschland oder wenigstens „das Netz“ bewegt. Das stimmt aber nicht.

          4. Was sagt „das Netz“?

          Wir Journalisten tun unser Übriges, um Nichtigkeiten zu pushen. Bitte nicht falsch verstehen: Das heißt nicht, dass man keine Debatten oder Äußerungen auf Twitter außerhalb des Netzwerks aufgreifen sollte. Die Fragen sind nur: Wer ist relevant? Und was ist relevant? Das können in meinen Augen zum Beispiel Hasskommentare im Netz nach Gewaltverbrechen sein, verbunden mit der Frage, welche Wirkung sie haben.

          Für ihre spitze Aussage über Twitter wurde Bär damals auf Twitter selbst, wie könnte es anders sein, gescholten, wie auch für ihre Aussage in einem Interview mit dem ZDF, indem sie von Flugtaxis fabulierte. Das Magazin „Der Stern“ und die „Berliner Morgenpost“ griffen beispielsweise das Thema auf und zitierten einige Tweets, die vor Häme und Polemik strotzten. Gleiches machte die „Rheinische Post“, nachdem Dorothee Bär einmal nach einem Besuch auf der Digitalkonferenz South by Southwest im texanischen Austin getwittert hatte: „Twitter an – Deutsche in der Timeline lesen – sich wieder zurück nach Austin wünschen – Twitter aus.“

          So geschah es auch, als Bundeskanzlerin Angela Merkel 2013 sagte: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Hinz und Kunz wurden schon damals etwa von der „Welt“ oder dem „Tagesspiegel“ zitiert. Das ist in der Regel so sinnvoll, wie Stammtischparolen von Herbert und Erna aus der Eckkneipe von nebenan zu zitieren. Dabei kann Twitter von Medien auch sinnvoll genutzt werden. Der Streamingdienst „DAZN“ bindet zum Beispiel Fragen von Twitter-Nutzern in seine Football-Berichterstattung ein. Das ist erhellend.

          5. Twitter-Profile

          Kommen wir noch auf seltsame Twitter-Profile zu sprechen. Einige Journalisten schreiben dort etwa Dinge wie: „Hier nur privat.“ Wie denn das, liebe Kollegen? Eine Äußerung auf Twitter kann so öffentlich sein wie eine Ansage durch ein Megafon auf einem Marktplatz. Und wenn man Pech hat, wird sie einem niemals verziehen. Einige ergänzen die Info noch durch den Zusatz: „Was ich tweete, ist (nur) meine eigene Meinung“. Ja, was denn sonst, liebe Kollegen? Die Meinung von anderen ja wohl kaum.

          Sollte ich Twitter also den Rücken kehren, so wie ich es mit Facebook getan habe? Nein, für Journalisten bleibt das Netzwerk interessant, bekommt man doch einen Überblick über das, was die Branche gerade bewegt – und über Fehler in der Berichterstattung, die es zu berücksichtigen gilt.

          Seit einigen Monaten habe ich meinen Twitter-Konsum aber heruntergefahren. Von wenigen Ausnahmen abgesehen meide ich Twitter nach Feierabend, am Wochenende sowie zur Urlaubszeit. Sie glauben ja nicht, wie entspannend das wirkt! Und ganz im Vertrauen: Man verpasst –  so gut wie nichts.

          Die Kolumnen

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

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