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Kaiserfamilie in Brasilien : „Wir gehen mit dem Volk auf die Straße“

Künftiger Kaiser? Dom Rafael - hier im Hotel Grand Hyatt in São Paulo – glaubt daran, dass aus Brasilien dereinst wieder eine Monarchie werden könnte, mit ihm auf dem Thron. Bild: Norbert Franchini

Einst war Brasilien ein Kaiserreich. Manche sehnen sich in politisch instabilen Zeiten nach dem Monarchen zurück. Dom Rafael, Urururenkel von Kaiser Pedro II., weiß, wie er sein Land besser regieren würde.

          8 Min.

          Dom Rafael, wie sprechen Ihre Kollegen Sie an? Ihre königliche Hoheit?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auf jeden Fall nicht bei der Arbeit. Da bin ich einfach Rafael. Offiziell aber werde ich mit "Königliche Hoheit" angesprochen, auf Portugiesisch "sua alteza real", sonst meist Dom Rafael.

          Ihr voller Name ist Rafael Antônio Maria José Francisco Miguel Gabriel Gonzaga de Orléans e Bragança e Ligne. Das sind eine Menge Namen.

          Ja. Die Namen sind Teil unserer Familientradition und unseres katholischen Glaubens. Meine eigentlichen Vornamen sind Rafael Antônio. Maria José stehen für Maria und Josef, Francisco ist der Name meines Patenonkels, des Bruders meines Vaters. Miguel und Gabriel zusammen mit Rafael ergeben die drei Erzengel, Gonzaga de Orléans e Bragança e Ligne ist eine Komposition der Familiennamen.

          Wie ist das Leben eines Mitglieds der kaiserlichen Familie Brasiliens?

          Ich führe ein ganz normales Leben. Natürlich habe ich eine gewisse Verantwortung, und ich muss meine Familie regelmäßig bei Veranstaltungen vertreten. Aber ansonsten muss ich mir wie jeder andere Brasilianer auch meinen Lebensunterhalt verdienen. Und ich habe auch einen Boss, der mir sagt, was ich zu tun und zu lassen habe.

          Dom Rafael, Urururenkel des letzten Kaisers von Brasilien, Pedro II. (1825 bis 1891), arbeitet seit sechs Jahren für die größte Brauereigruppe der Welt, Anheuser-Busch Inbev, zunächst in Rio, seit zwei Jahren in São Paulo. Zu den globalen Marken des Konzerns gehören das amerikanische Budweiser und das mexikanische Corona, zudem alkoholfreie Getränke wie das brasilianische Guaraná Antarctica, das aus den Samen der gleichnamigen Amazonasfrucht hergestellt wird. Dom Rafael hat bis 2010 Ingenieurwissenschaften an der Päpstlichen Katholischen Universität ("Pontifícia Universidade Católica") von Rio de Janeiro studiert. Bei AB Inbev ist der Dreißigjährige als "Pricing Manager" zuständig für das Preismanagement von Erfrischungsgetränken.

          Familientraditionen sind Ihnen wichtig?

          Ja. Sehr.

          Sie stehen derzeit an vierter Stelle in der "Thronfolge". Ihr Vater, Dom Antônio, hat noch zwei ältere kinderlose Brüder, Dom Bertrand und Dom Luíz, der sich offiziell Luíz I., Kaiser von Brasilien, nennt. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie kein ganz normaler Brasilianer sind?

          Ich habe meinen Vater schon als Junge zu offiziellen Terminen begleitet. Ich wuchs also in die Familiengeschichte hinein. Aber einen Moment gab es in der Schule, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Wir sprachen über die brasilianische Geschichte und das Kaiserreich. Ich glaube, ich war damals zwölf, als mich der Lehrer nach vorne rief und meinte, ich solle mal von meiner Familie erzählen. Das war nicht besonders angenehm, denn ich wusste natürlich etwas mehr über meine Vorfahren als die anderen. Aber ich war immer schon schüchtern und auch damals nervös, als ich vor der Klasse sprechen sollte.

          Heute müssen Sie bestimmt des öfteren Reden halten?

          Ja. Vor allem beim jährlichen Kongress der Monarchisten und beim Geburtstag meines Onkels Luíz.

          Wie viele Geschwister hat Ihr Vater?

          Sieben Brüder und vier Schwestern.

          Der letzte Kaiser 1889: Das Bild zeigt Pedro II. und seine Familie auf den Stufen ihrer Sommerresidenz in Petrópolis im Jahr seiner Abdankung.

          Eigentlich waren Sie für die Nachfolge als Chef des kaiserlichen Hauses gar nicht vorgesehen.

          Das stimmt. Aber mein älterer Bruder Pedro Luíz kam 2009 beim Absturz des Air-France-Fluges von Rio de Janeiro nach Paris ums Leben.

          Sie wuchsen als der Zweitgeborene auf, gewissermaßen als Prinz Harry Brasiliens.

          Wir haben uns tatsächlich manchmal mit den britischen Prinzen verglichen, die ja nur ein wenig älter sind als wir. Ich weiß aber auch, wie ernst mein Bruder die Tradition nahm. Mehr als einmal sagte er zu mir: Du darfst das nicht auf die leichte Schulter nehmen, du weißt nie, ob mir nicht mal etwas zustößt. Auch mein Vater ermahnte mich, auf alles gefasst zu sein.

          Was änderte sich mit dem Tod Ihres Bruders?

          Ich stand plötzlich in der ersten Reihe. Gerade in diesen politisch instabilen Zeiten, in denen es auch darum geht, ob ein Präsidialsystem überhaupt gut für unser Land ist, muss ich bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.

          Empfinden Sie das als Ehre?

          Ja. Und als Bürde.

          Welches Regierungssystem würden Sie bevorzugen?

          Eine parlamentarische Demokratie mit einer Erbmonarchie.

          So wie in vielen europäischen Ländern?

          Genau. Ein Kaiser oder König würde keiner politischen Partei oder wirtschaftlichen Gruppierung angehören. Er wäre also völlig unabhängig. Er würde für Kontinuität und Ordnung sorgen, während ein vom Volk gewählter Ministerpräsident die Regierung führte.

          Glauben Sie wirklich, dass aus Brasilien wieder eine Monarchie wird?

          Es gab immer Kräfte, die sich für die Monarchie eingesetzt haben. Ich denke, die Brasilianer wissen nur zu wenig darüber, dass es diese Alternative gibt. Wir würden damit zu einer Regierungsform zurückkehren, die es schon einmal gab. Brasilien wurde als Monarchie erschaffen.

          Vor 23 Jahren hatten die Brasilianer die Chance, die Monarchie wieder einzuführen. Damals musste Fernando Collor de Mello nach Korruptionsvorwürfen als Präsident zurücktreten. Dom Rafaels Onkel versuchten, um Stimmen für das Referendum zu werben. Der Volksentscheid aber ging eindeutig aus: 86,6 Prozent stimmten für die Republik, 13,4 Prozent für eine Monarchie.

          Was hält Sie davon ab, Politiker zu werden?

          Als Politiker verlöre ich meine Unabhängigkeit. Ich müsste einer Partei beitreten oder eine Partei gründen. Und der Monarch muss unparteiisch bleiben - gerade in der heutigen Situation.

          Kann sich auch vorstellen eine deutsche Prinzessin zu ehelichen: Dom Rafael

          Ihr Onkel Dom Bertrand war bei den Demonstrationen gegen Dilma Rousseff auf der Straße zu sehen, als es um das Amtsenthebungsverfahren ging.

          Ich bin auch auf die Straße gegangen. Doch wir haben nicht gegen Dilma oder Lula protestiert, sondern gegen die Korruption. Es ist nicht hinnehmbar, wie verantwortungs- und respektlos sich die Regierenden gegenüber dem Volk verhalten. Ihnen fehlt es an Moral und Ethos.

          Die kaiserliche Familie lebt ein eher bescheidenes Leben, Sie haben ein kleines Apartment hier im Stadtteil Itaim Bibi, Ihre Onkel leben in einem Einfamilienhaus in São Paulo zusammen. Was ist mit den Besitztümern von einst?

          Nachdem Pedro II. 1889 ins Exil nach Europa geschickt worden war, konfiszierte die Regierung alle Besitztümer. Seit langem läuft ein Prozess vor Gericht, bei dem es um die Rückgabe einiger Grundstücke geht. Es ist, so weit ich weiß, die längste juristische Auseinandersetzung in Brasilien. Aber es geht nur um ein, zwei Paläste, die nicht besonders groß sind. Wir sind zur Bescheidenheit erzogen worden. Bescheiden war auch Pedro II., der meinte, seine Bezüge seien zu hoch. So spendete er die Hälfte für wohltätige Zwecke.

          Auf der Flucht vor den Truppen Napoleons hatte sich der portugiesische Königshof im Jahr 1808 in Rio de Janeiro niedergelassen. 1816 ließ sich der Prinzregent João aus dem Hause Bragança zum König von Brasilien und Portugal krönen. João VI. kehrte 1821 nach Lissabon zurück und überließ seinem Sohn, Pedro I., den brasilianischen Thron. 1825 erkannte Portugal die Unabhängigkeit der einstigen Kolonie an. Pedros Sohn ließ sich 1841 zum Kaiser Pedro II. krönen. Seine Tochter Isabel war die letzte Kronprinzessin von Brasilien. Mit ihrem Mann Gastão, einem Prinzen aus dem Hause Orléans, begründete sie die heutige Linie Orléans e Bragança.

          Ihre ältere Schwester hat vor zwei Jahren einen Bürgerlichen geheiratet und damit auf ihren Titel und alle Ansprüche auf den Thron verzichtet. Als Prinz von Brasilien und künftiger Chef des kaiserlichen Hauses müssen Sie eine echte Prinzessin heiraten.

          Das ist Teil unserer Familientradition. Ich suche noch nach der richtigen Braut.

          Die es in ganz Brasilien nicht gibt. Sie müssen in Europa auf Brautschau gehen.

          Das stimmt.

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          Ihre Mutter entstammt der großherzoglichen Familie in Luxemburg, Ihre Großmutter war eine Enkeltochter Ludwigs III., des letzten Königs von Bayern. Wie eng sind Ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zum europäischen Hochadel?

          Vor allem zu meinen Cousins und Kusinen in Luxemburg und Bayern sind sie eng. Wir sind befreundet, aber ich hege keine Heiratsabsichten.

          In Europa haben viele Thronfolger inzwischen Bürgerliche geheiratet. Warum hält Ihre Familie an dem Anspruch einer standesgemäßen Heirat fest?

          Weil es Teil unserer dynastischen Tradition ist.

          Würden Sie diese überkommene Tradition als Chef des Hauses ändern?

          Das kann ich nicht so einfach sagen. Ich brauchte das Einverständnis der ganzen Familie, um unser Hausgesetz zu ändern.

          Fühlen Sie sich von Ihrer Familie zu etwas gezwungen, was Sie selbst nicht wollen?

          Nein, ich werde nicht gezwungen. Mein Vater meint, wir sollen vor allem glücklich werden. Doch er sagt auch, dass es gut für mich und unser Land wäre, wenn ich eine Prinzessin fände.

          Das meinten Sie vorhin mit Bürde?

          So einfach ist es nicht.

          Käme eine deutsche Prinzessin in Frage?

          Wenn es sich ergibt, wieso nicht?

          Sprechen Sie Deutsch?

          (Auf Deutsch:) Ein bisschen. Ich versuche, Deutsch zu lernen.

          Und welche Sprachen sprechen Sie sonst?

          Englisch, Französisch, Portugiesisch und zudem genügend Spanisch, um mich verständlich zu machen.

          Wie oft sind Sie in Europa?

          Vor dem Studium habe ich sechs Monate bei der Schwester meiner Mutter in Paris gelebt. Jetzt verbringe ich jedes Jahr meinen Urlaub in Europa. Eine meiner Schwestern ist in Madrid, die andere in Brüssel, wo auch meine Großmutter lebt. Mitte Juni war ich bei der Hochzeit meiner Kusine Alix de Ligne in Belgien.

          Dom Rafaels Mutter, Cristina de Orléans e Bragança, ist eine geborene Prinzessin von Ligne. Ihre Mutter, Alix von Luxemburg, ist die Schwester des ehemaligen Großherzogs Jean und damit die Tante des jetzigen Großherzogs Henri von Luxemburg.

          Sie sind in Rio de Janeiro geboren worden. Was muss man gesehen haben, wenn man nur einen Tag die Stadt besucht?

          Da gibt es so vieles. Aber man sollte mit der Bergbahn zur Christusstatue auf den Corcovado fahren, mit der Seilbahn auf den Zuckerhut und natürlich an die Copacabana gehen.

          Was ist so besonders an Rio?

          Die Einwohner von Rio, Cariocas genannt, haben eine ganz eigene Art zu leben. Das liegt vor allem an den Stränden und der Sonne, jeder Carioca ist gerne im Freien. Er geht schwimmen in Ipanema, spielt Beach-Volleyball an der Copacabana oder joggt an der Lagune. In São Paulo, der Finanzmetropole des Landes, ist das ganz anders. Hier wird gearbeitet, Geld verdient, hier will man Karriere machen. Ein oder zwei Mal im Monat fahre ich darum zu meinen Eltern nach Rio.

          Wie ist es, in Städten zu leben, in denen Raub und Mord an der Tagesordnung sind?

          In São Paulo habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht, in Rio wurde ich einmal überfallen. Ein Mann wollte mein Mobiltelefon, und ich gab es ihm. Das war's. Es ist wie in vielen großen Städten: Man muss schauen, wohin man geht und zu welcher Zeit. In New York spaziert man nachts auch besser nicht durch die Bronx.

          Wie lässt sich die hohe Kriminalitätsrate in Brasilien erklären? Liegt es vor allem daran, dass einige sehr reich sind und es andererseits so viel Armut in Ihrem Land gibt?

          Das denke ich nicht. Die Missgunst zwischen Arm und Reich wird künstlich am Leben gehalten. Brasilianer sind liebenswürdige Menschen, die sich untereinander gut vertragen. Trotzdem haben weniger Privilegierte natürlich Anspruch auf ein besseres Leben. Dafür muss es Chancengleichheit geben. Auch wenn ich glaube, dass manche geboren werden, um zu führen, andere, um geführt zu werden. Zu behaupten, wer in unserer Zwei-Klassen-Gesellschaft arm ist, wird eher zum Kriminellen, halte ich für falsch.

          Es sieht so aus, als ob auch viele der Reichen hier kriminell wären. Wird Brasilien jemals die Korruption in den Griff bekommen?

          Davon bin ich überzeugt. Was gerade passiert, ist gut für unser Land. Keiner dachte, dass es so schlimm ist. Doch nun zeigt sich das ganze Ausmaß an Korruption, und das Volk geht auf die Straße.

          Aber dagegen wird seit Jahren protestiert. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 gingen Hunderttausende auf die Straßen.

          Aber Sie wussten damals noch nicht, wie schlimm es wirklich ist. Jetzt wurden erstmals Konsequenzen gezogen. Ich glaube, die Korruption in unserem Land wird in den nächsten Jahren immer weniger toleriert werden. Und das wird zu weniger Korruption führen - in der Politik, aber auch zum Beispiel im Sport.

          Freuen Sie sich auf die Olympischen Spiele in Ihrer Heimatstadt?

          Oh, ja. Ich bin ein großer Sportfan.

          Werden Sie ins Stadion gehen?

          Ich versuche es. Bei der Fußball-WM habe ich einige Spiele live gesehen.

          Auch das 7:1 der deutschen Mannschaft gegen Brasilien?

          Nein. Das habe ich mit Freunden am Fernseher gesehen. Bei jedem Tor der Deutschen schickten mir meine Cousins aus Bayern eine SMS und fragten: Was ist denn mit den Brasilianern los?

          Empfanden Sie das Spiel als Demütigung?

          Es war wirklich beschämend, aber so ist Fußball. Was uns erstaunte: wie fair sich die Deutschen verhalten haben. Alle Spieler waren respektvoll, es wurden Witze über das Spiel gerissen, aber es gab kein böses Blut zwischen den beiden Nationen. Zwischen Brasilien und Argentinien hingegen gibt es seit langem eine aggressive Rivalität. Als zum Beispiel Neymar bei der WM von einem Kolumbianer im Spiel schwer verletzt wurde, feierten die Argentinier das ungeniert.

          Spielen Sie Fußball?

          Als guter Brasilianer muss man Fußball spielen. Ich spiele jede Woche.

          Und sonst?

          Golf, Tennis, Squash. Und als Kind bin ich bei meinen Großeltern geritten.

          Ist Rio auf die Olympischen Spiele vorbereitet?

          Wir sind auf einem guten Weg, würde ich sagen. Die Brasilianer haben im Vergleich zu den Deutschen eine entspanntere Art, wenn es ums Planen und Organisieren geht. Dabei läuft einiges aus dem Ruder, einiges wird später fertig, doch am Ende wird alles gut. Da bin ich mir sicher.

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