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Kaiserfamilie in Brasilien : „Wir gehen mit dem Volk auf die Straße“

Die Einwohner von Rio, Cariocas genannt, haben eine ganz eigene Art zu leben. Das liegt vor allem an den Stränden und der Sonne, jeder Carioca ist gerne im Freien. Er geht schwimmen in Ipanema, spielt Beach-Volleyball an der Copacabana oder joggt an der Lagune. In São Paulo, der Finanzmetropole des Landes, ist das ganz anders. Hier wird gearbeitet, Geld verdient, hier will man Karriere machen. Ein oder zwei Mal im Monat fahre ich darum zu meinen Eltern nach Rio.

Wie ist es, in Städten zu leben, in denen Raub und Mord an der Tagesordnung sind?

In São Paulo habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht, in Rio wurde ich einmal überfallen. Ein Mann wollte mein Mobiltelefon, und ich gab es ihm. Das war's. Es ist wie in vielen großen Städten: Man muss schauen, wohin man geht und zu welcher Zeit. In New York spaziert man nachts auch besser nicht durch die Bronx.

Wie lässt sich die hohe Kriminalitätsrate in Brasilien erklären? Liegt es vor allem daran, dass einige sehr reich sind und es andererseits so viel Armut in Ihrem Land gibt?

Das denke ich nicht. Die Missgunst zwischen Arm und Reich wird künstlich am Leben gehalten. Brasilianer sind liebenswürdige Menschen, die sich untereinander gut vertragen. Trotzdem haben weniger Privilegierte natürlich Anspruch auf ein besseres Leben. Dafür muss es Chancengleichheit geben. Auch wenn ich glaube, dass manche geboren werden, um zu führen, andere, um geführt zu werden. Zu behaupten, wer in unserer Zwei-Klassen-Gesellschaft arm ist, wird eher zum Kriminellen, halte ich für falsch.

Es sieht so aus, als ob auch viele der Reichen hier kriminell wären. Wird Brasilien jemals die Korruption in den Griff bekommen?

Davon bin ich überzeugt. Was gerade passiert, ist gut für unser Land. Keiner dachte, dass es so schlimm ist. Doch nun zeigt sich das ganze Ausmaß an Korruption, und das Volk geht auf die Straße.

Aber dagegen wird seit Jahren protestiert. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 gingen Hunderttausende auf die Straßen.

Aber Sie wussten damals noch nicht, wie schlimm es wirklich ist. Jetzt wurden erstmals Konsequenzen gezogen. Ich glaube, die Korruption in unserem Land wird in den nächsten Jahren immer weniger toleriert werden. Und das wird zu weniger Korruption führen - in der Politik, aber auch zum Beispiel im Sport.

Freuen Sie sich auf die Olympischen Spiele in Ihrer Heimatstadt?

Oh, ja. Ich bin ein großer Sportfan.

Werden Sie ins Stadion gehen?

Ich versuche es. Bei der Fußball-WM habe ich einige Spiele live gesehen.

Auch das 7:1 der deutschen Mannschaft gegen Brasilien?

Nein. Das habe ich mit Freunden am Fernseher gesehen. Bei jedem Tor der Deutschen schickten mir meine Cousins aus Bayern eine SMS und fragten: Was ist denn mit den Brasilianern los?

Empfanden Sie das Spiel als Demütigung?

Es war wirklich beschämend, aber so ist Fußball. Was uns erstaunte: wie fair sich die Deutschen verhalten haben. Alle Spieler waren respektvoll, es wurden Witze über das Spiel gerissen, aber es gab kein böses Blut zwischen den beiden Nationen. Zwischen Brasilien und Argentinien hingegen gibt es seit langem eine aggressive Rivalität. Als zum Beispiel Neymar bei der WM von einem Kolumbianer im Spiel schwer verletzt wurde, feierten die Argentinier das ungeniert.

Spielen Sie Fußball?

Als guter Brasilianer muss man Fußball spielen. Ich spiele jede Woche.

Und sonst?

Golf, Tennis, Squash. Und als Kind bin ich bei meinen Großeltern geritten.

Ist Rio auf die Olympischen Spiele vorbereitet?

Wir sind auf einem guten Weg, würde ich sagen. Die Brasilianer haben im Vergleich zu den Deutschen eine entspanntere Art, wenn es ums Planen und Organisieren geht. Dabei läuft einiges aus dem Ruder, einiges wird später fertig, doch am Ende wird alles gut. Da bin ich mir sicher.

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