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Jugendwörter des Jahres 2021 : Es ist Mittwoch, Geringverdiener!

Top Ten: Dieses Mal wurden die Jugendwörter wieder von Jugendlichen vorgeschlagen. Bild: F.A.Z.

Was bedeuten die zehn Wörter, die es in die enge Auswahl zum Jugendwort des Jahres geschafft haben? Und wo kommen sie her?

          3 Min.

          Dieses Jahr durften die Jugendlichen wieder selbst wählen. Es war immer wieder kritisiert worden, dass ausgerechnet das Jugendwort des Jahres von einer Erwachsenen-Jury des Langenscheidt-Verlags be­stimmt wurde – und diese oft nicht in der Lage war, den tatsächlichen Wortgebrauch von Jugendlichen abzubilden. Dieses Jahr reichten die Fünfzehn- bis Neunzehnjährigen in insgesamt 1,2 Millionen Einsendungen 20.000 Wörter ein. Die häufigsten Mehrfachnennungen schafften es in die Top Ten. Drei Wörter wurden am häufigsten genannt: „Cringe“, „sus“ und „sheesh“. Mit 42 Prozent wurde „cringe“ zum Sieger. Letztes Jahr bestimmten die Jugendlichen zum ersten Mal selbst ihr Wort des Jahres, einen Begriff, der für das Pandemiejahr passte: „lost“, also verloren, unsicher, planlos oder ahnungslos. Im Jahr zuvor fiel die Abstimmung aus, 2018 war zuletzt ein deutsches Wort gewählt worden, nämlich „Ehrenmann/Ehrenfrau“ – eine Person, die sich für andere einsetzt.

          Caroline O. Jebens
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Cringe: Im Englischen „erschaudern“, „zurückweichen“. Übertragen in etwa „fremdschämen“. Eine Abwandlung als Adjektiv ist „cringe­worthy“, wenn etwas lächerlich erscheint. Ein Beispiel des Langenscheidt-Verlags: Man könne das Wort verwenden, um Erwachsene zu beschreiben, die versuchen, Jugendsprache zu sprechen, um cool zu wirken. „Cringe“ wird im Netz gern unter anbiederndem Verhalten oder gefallsüchtigen Bildern kommentiert.

          Sus: Entstanden ist diese Kurzform für „suspicious“ („suspekt“, „argwöhnisch“, „misstrauisch“) aus dem Online-Spiel „Among Us“ von 2018. Es handelt sich dabei um ein Deduktionsspiel, bei dem die Spieler die Verräter unter ihnen identifizieren müssen. Naheliegend, dass sich „sus“ schneller nebenbei in den Chat ­tippen lässt, als immer wieder über die Vokalreihenfolge zu stolpern.

          Sheesh: Eigentlich kein neues Wort im amerikanischen Wortgebrauch: Das Wort wurde laut Merriam-Webster schon 1955 gebraucht. Schauspieler Art Carney sang allerdings schon 1954 das Lied „Sheesh, what a Grouch!“ (in etwa „Mensch, was für ein Miesepeter!“). Damals wie heute ist „sheesh“ ein Ausdruck des Erstaunens – negativ wie positiv. Übertragen in etwa: „Meine Güte“, „oha“ oder „also wirklich“. Woher der Begriff stammt, ist nicht klar: Es könnte eine Abwandlung von „Jeez“ sein – also „Jesus“.

          Wild/wyld: Dieselbe Bedeutung wie im Deutschen auch. Im Gebrauch meint es aber, dass etwas außergewöhnlich, überraschend, verrückt oder heftig wirkt – außerhalb der Norm eben.

          Digga/Diggah: Wer deutschen Hip-Hop aus den Neunzigern hört oder aus Hamburg kommt, wird diese Anrede kennen. Lautmalerisch für „Dicker“, ist ein enger Freund oder Kumpel gemeint, also jemand, mit dem man „dick befreundet“ ist. Wird eher für Jungs verwendet.

          Akkurat: Meint unter Jugendlichen genau das, was es sonst auch bedeutet: exakt, genau, korrekt. Zum Jugendwort wird es, weil es als Ausdruck von Zustimmung eigentlich nicht in der Umgangssprache verwendet wird, und daher ironischer wirkt als „ganz genau“.

          Same: Ein schlichter Ausdruck von Empathie. Im Deutschen „gleich“, drückt so jemand aus, die gleiche Erfahrung gemacht, den gleichen Eindruck von etwas oder die gleiche Einstellung zu etwas zu haben. Übertragen also in etwa: Geht mir genauso.

          Papatastisch: Ein Wort, bei dem sich Väter freuen könnten – wäre es aus „Papa“ und „fantastisch“ zusammen­gesetzt. Allerdings ist es kein familiärer Ausdruck von Freude – sondern bezieht sich auf Kevin Teller, besser bekannt als „Papaplatte“. Der Vierundzwanzigjährige ist einer der erfolgreichsten Gamer auf der Plattform Twitch, auf der Spiele live übertragen werden. Mit 1,5 Millionen Anhängern sickerte sein Spielername da schon mal in den deutschen Sprach­gebrauch ein – quasi das Jugendwort-Pendant zu „kafkaesk“.

          Geringverdiener: Die einzige Beleidigung, die es in die zehn beliebtesten Wörter geschafft hat, bedeutet „Verlierer“. Eigentlich ist sie aber scherzhaft gemeint: Dem Unternehmer und Millionär Robert Geiss wird zugeschrieben, den Begriff (fast euphemistisch) zu verwenden, wenn er über ärmere Menschen spricht. Daraus ist das Meme „Aus dem Weg, Geringverdiener!“ entstanden. Damit machen sich Jugendliche also auch über überhebliche Reiche lustig – und über sich selbst.

          Mittwoch: Sicherlich das Wort, das am meisten überraschen dürfte. Es geht zurück auf ein Frosch-Meme aus dem Jahr 2014, betitelt mit dem einfachen Satz: „It is Wednesday, my dudes!“, „Es ist Mittwoch, meine Kerle/Freunde!“ Der debile Blick des Breitmaulfroschs macht es bis heute zu einem der beliebtesten Memes. Youtuber „Jimmy Here“ (Tyler Collins) parodierte den Satz mit einem lauten Schrei und brachte zum Ausdruck, was der Mittwoch bedeutet: ein Tag der quälenden Erkenntnis, sich schon mittwochs nach dem Wochenende zu sehnen.

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