https://www.faz.net/-hrx-9ivke

Der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck bei den Golden Globes 2018 Bild: AFP

Donnersmarck wird inszeniert : „Es ist von hoher Artistik“

Ein Haarkranz als Rhetorik der Vergöttlichung: Der Kunsthistoriker Beat Wyss über ein Fotoporträt des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck aus dem Magazin „New Yorker“.

          Das amerikanische Magazin „New Yorker“ hat gerade eine Geschichte über den deutschen Filmregisseur Florian Henckel von Donnersmarck veröffentlicht, dessen neuer Film „Werk ohne Autor“ sich an die Lebensgeschichte des Malers Gerhard Richter anlehnt. Das Porträt des Fotografen Hendrik Kerstens, das der „New Yorker“ anfertigen ließ, erinnert seinerseits an ein Gemälde und ist in den sozialen Medien vielfach geteilt worden. Herr Professor Wyss, was fällt Ihnen als Kunsthistoriker auf, wenn Sie dieses Motiv betrachten?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Bild ist bewusst wie aus dem Schwarzweiß heraus entwickelt und erinnert damit an Porträt-Fotografien des 19. Jahrhunderts, wie man sie vom französischen Fotografen Nadar kennt, bei dem die Leute auch meist auf einem Stuhl saßen. Das war damals noch eine Notwendigkeit, damit man bei den längeren Belichtungszeiten nicht wackelte. Das Foto hat insofern aber auch einen Bezug zu Gerhard Richter, als auch Richter eine ironische Distanz zum Medium hat und das Medium gewissermaßen als Medium zitiert. Er macht das Fotografische sichtbar, indem er die Fotografie leicht antiquierend verfremdet.

          Sie verstehen dieses Foto also ironisch?

          Durchaus. Das sehe ich in den gespielt verkniffenen Gesichtszügen: Da will jemand böse gucken, aber man merkt sogleich, dass es gestellt ist. Das herrische Auftreten könnte jederzeit in ein Lächeln übergehen. Was natürlich vor allem auffällt, ist dieser Haarkranz. Der Kopf im Strahlenkranz ist eine Rhetorik der Vergöttlichung: Wenn Zeus wütend ist, dann strahlt seine Lockenpracht wie eine Sonne. So sah es auch aus, wenn August der Starke bei Festen seine Sonnenmaske trug: ein Gesicht, das von einem Strahlenkranz umrahmt war.

          Man denkt auch an die voluminösen Allongeperücken aus den Zeiten von Ludwig dem XIV. Ist so eine außerordentliche Frisur ein Ausdruck von Macht oder zumindest von Machtbewusstsein?

          Es geht eher um das Modische. Er nimmt hier eine Stilistik auf, die wir auch in Richters Gemälden erkennen, die Polyphonie der Assoziationen. Es erinnert uns auch an die überzüchtet-eleganten Figuren eines Thomas Gainsborough aus dem 18. Jahrhundert. Da fehlen hier natürlich die Trauerweide im Hintergrund und der Teich mit dem Rousseau-Denkmal. Doch das Perückenhafte ist für mich eine Gainsborough-Reverenz. Ganz wichtig aber ist natürlich der Hund.

          Es dürfte sich hier um Donnersmarcks eigenen Hund handeln, einen Whippet, der laut „New Yorker“ den Namen Zarewitsch trägt.

          Der Hund ist aus Sicht des Kunsthistorikers das Attribut des Intellektuellen. Es geht zurück auf die humanistische Ikonographie-Tradition, im Hund das philosophische Tier zu sehen, den melancholischen Schnüffler, der die Fährte nach der Wahrheit aufnimmt. Es ist hier allerdings auch wieder ein ironischer Gegensatz zu erkennen: der eine Charakterkopf jovial-korpulent, der andereasketisch und feingliedrig.

          Beat Wyss ist Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

          Melancholisch wirkt das Tier in der Tat, was vielleicht auch an der mir für einen Hund recht ungewöhnlich scheinenden Haltung liegt. Ich habe da die ganz und gar nicht kunstgeschichtliche Assoziation, dass man so, mit nach oben gestreckten Beinen, als Vater ein Kleinkind hält, dem man helfen möchte, sich in der freien Natur zu erleichtern.

          Wie hier der Hund auf dem Schoß gehalten wird, das ist in der Tat kurios. So ironisch mit Hunden posierende Dandys finden wir etwa im Werk von Aubrey Beardsley oder auch bei Gainsborough, wo der Landadlige sich mit einem Windspiel porträtieren lässt, in dessen Begleitung der Landhausbesitzer im Englischen Garten promeniert.

          Florian Henckel von Donnersmarck entstammt ja einer alten schlesischen Adelsfamilie und verfügt gewiss über Standesbewusstsein. Im Vergleich zum klassischen Herrscherporträt sähe man hier auf dem Foto allerdings einen König ohne Ornat: Mit Wolljacke, weißem Hemd mit aufgeknöpftem Kragen und Baumwollhose ist er eher schlicht gekleidet.

          Ein Fürst der Barockzeit würde seinen Hund auch nicht als Schoßtierchen präsentieren, sondern das Herr-Knecht-Verhältnis herausstellen.

          In den sozialen Medien machen sich zahlreiche Menschen über dieses Foto lustig, über die Wallemähne des Porträtierten und das gesamte Arrangement. Offenbart sich darin eine kleinbürgerliche, kunstferne oder auch humorlose Haltung?

          Das sind die Leute, die das ernst nehmen. Das Bild ist von hoher Artistik, es ist inszeniert, und zwar auch in einer selbstironischen Weise. Wer das nicht erkennt, der findet es dann blöd.

          Nur mal angenommen, das Bild wäre doch nicht ironisch gemeint: Würde sich darin dann ein Wille zum Pathos und zur Größe ausdrücken, der den Deutschen eher unheimlich ist? Von großen Menschen wird ja erwartet, sich klein zu machen, während der 2,05 Meter lange Donnersmarck sich mit seiner Frisur noch erhöht.

          Ja, man soll sich möglichst bücken. Und das tut von Donnersmarck ja auch: Er weiß, dass er eine imposante Figur ist, doch er macht sich klein durch die latente Ironie dieser Fotografie, er setzt sich hin. Sein Löwenhaupt aber kann er trotzdem nicht verstecken.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.