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Interview mit Ramin Djawadi : „Ins Epizentrum der Filmmusik kam ich über Umwege“

  • -Aktualisiert am

Ist „Game of Thrones“ dafür nicht viel zu komplex?

Es macht Spaß, dieses fast schon mathematische Problem der sich stetig verzweigenden Handlungsstränge zu lösen. Aber zu Beginn war es schon mühsam. Die Macher David Benioff und D.B. Weiss hatten mich vorgewarnt: Es gibt sehr viele Charaktere und sehr viele Familien, die Handlung ist kompliziert. Wir suchten nach Musik, die den Zuschauer nicht zusätzlich verwirrt. Zwei Einschränkungen erlegten wir uns auf: Kein „Herr-der-Ringe“-Sound und bitte keine mittelalterlichen Flöten! Da lachen wir heute noch drüber. Und dann haben wir uns für das Cello entschieden, das dunkle und helle Töne abbilden kann, das funktioniert sehr gut. Vom Duduk bis zur Bordunzither versuche ich immer, exotische Instrumente einzubringen. In der sechsten Staffel von „Game of Thrones“ hat man zum ersten Mal überhaupt ein Klavier gehört . . .

... das zentrale Instrument in „Westworld“, einer Art Science-Fiction-Western, Ihrer jüngsten Serie.

Im Gegensatz zu „Game of Thrones“ ist „Westworld“ fast durchgehend mit Musik unterlegt. Das Schwierigste ist immer der Anfang: die Instrumente zu finden, die Themen zu schreiben, eine Identität zu erarbeiten. „Westworld“ hat viele unterschiedliche Sounds, vielleicht die größte Variation, die ich jemals in einer Serie zu Papier gebracht habe. Auf der einen Seite die SynthesizerElemente der Corporate World, auf der anderen Seite die Western-Musik mit Akustik-Gitarre und Klavier. Bei „Westworld“ war schon am Anfang klar, dass das Klavier im Saloon eine wichtige Rolle für die Figuren hat. Es hilft auch dem Zuschauer, die Handlung besser einzuordnen. Wir haben einige Lieder für das Klavier adaptiert, von Radiohead bis zu den Rolling Stones, die den Anachronismus der Serie unterstützen.

Thandie Newton in der neuen Serie „Westworld“.

Theodor Adorno schrieb, Filmmusik diene letztlich dem Zweck, die Handlung dem weniger gebildeten Publikum begreifbar zu machen. Ist diese Kritik heute noch aktuell?

Filmmusik kann das Publikum unterstützen und, noch besser, den Betrachter verunsichern. Filmmusik hat eine irre Macht, derer sich die Zuschauer oft nicht bewusst sind. Bauen Sie mal ein Thema ein, das das Gegenteil dessen verkörpert, was gerade gezeigt wird.

Wie finden Sie das rechte Maß an Stille im Film?

Ich setze mich mit den Machern der Show hin und schaue jede Folge ohne Musik an. Das nennt sich „Spotting Session“. Jede Szene wird diskutiert, und am Ende steht fest, wo die Musik anfängt und wo sie aufhört.Die Herausforderung: sich mit jeder Staffel musikalisch weiterzuentwickeln. Ich fange bald mit Staffel 7 von „Game of Thrones“ an und freue mich schon, was die Jungs da zusammengebastelt haben.

Wenn Sie die Folgen als Erster sehen: Werden Sie da oft von Freunden gefragt, wie es weitergeht?

Ja, auch von meiner Frau. Wenn sie in mein Studio kommt, genügt eine kleine Bewegung der Maus, schon wird der Bildschirm schwarz. Freunde löchern mich mit Fragen zur nächsten Folge. Oder, der Klassiker im vergangenen Jahr: „Jon Snow, lebt der nun oder nicht?“ Keine Chance, ich halte dicht.

Sind Serien am Ende die besseren Filme?

„Game of Thrones“ oder „Westworld“ sind keine Fernsehserien, das sind zehnstündige Filme. Ein dreistündiger Film wirkt schnell langatmig. Die Serie gibt uns den Raum, Charaktere über zehn Stunden zu entwickeln. Die Musik hat mittlerweile eine sehr große Bedeutung in Fernsehserien. Das Niveau ist hoch. In Hollywood sprechen sie nicht umsonst seit einiger Zeit vom „Goldenen Zeitalter des Fernsehens“.

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