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Frauen im Ring

Von CIGDEM und MELTEM TOPRAK mit Fotos von LOTTERMAN & FUENTES

17.05.2019 · Sie schlagen sich, sie schwitzen, und sie spüren ihre Kraft: Zu Besuch bei 17 Boxerinnen, die mit ihren Muskeln auch gegen Stereotype ankämpfen.

Regina Halmich

Wer in Deutschland an Frauenboxen denkt, dem fällt sofort ihr Name ein. Niemand sonst hat den Sport hierzulande so vorangebracht wie Regina Halmich. Als Elfjährige begann sie mit Judo. Immer wieder habe sie damals im „Bulldog“, einem Kampfsportstudio im Karlsruher Stadtteil Daxlanden, zu den Kickboxern hinübergeschaut. Der damalige Besitzer des Studios, Jürgen Lutz, schlug ihr vor, es einmal auszuprobieren. „Und ab dem Moment war klar: Das ist es. Das war noch mehr Action, das war Wettkampf.“ Ihren ersten Kickbox-Kampf bestritt Regina Halmich mit 13 Jahren. Ein Jahr später begann sie mit dem Boxsport.


„Es war schon etwas ganz Außergewöhnliches, ich musste mich für mein Talent rechtfertigen.“
Regina Halmich

Sie trainierte fast nur mit Männern. „Das Schöne war, dass ich in der Gruppe integriert war. Es gab keine Vorurteile. Das hat vieles einfacher gemacht.“ Ihren Eltern zuliebe hat sie eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin gemacht. „Sie wollten die Sicherheit. Aber für mich war klar, dass ich den sportlichen Weg einschlage. Es war schon etwas ganz Außergewöhnliches, ich musste mich für mein Talent rechtfertigen“, sagt sie. Gegenüber ihren Freunden, Verwandten und Menschen auf der Straße. „Eine Frau, die boxt?“ In den neunziger Jahren sei das in den Augen vieler Zuschauer noch ein fragwürdiger Sport gewesen. Sie hatte deshalb immer zwei Kämpfe auf einmal zu bestreiten. „Einen im Ring und einen außerhalb, es ging um Anerkennung und Akzeptanz.“ Regina Halmich hat viel dafür getan, dass Frauenboxen 2012 bei den Spielen in London erstmals olympische Disziplin war. Frauen hätten es aber heute noch immer schwer. Eine Gleichstellung zwischen Mann und Frau im Boxen, in der „männlichsten Männerdomäne“, wie sie den Kampfsport nennt, werde es nicht so bald geben. International sei das anders: „In Mexiko füllen Boxerinnen Stadien mit bis zu 50.000 Zuschauern.“


Kommel Mohammed


„Ich wollte kämpfen. Da habe ich nicht mehr gefragt, sondern meiner Mutter meine Entscheidung mitgeteilt.“
Kommel Mohammed

Karate fand Komel Mohammed, 32 Jahre alt und Deutschlehrerin, schon als Kind gut. Sie liebte japanische Mangas und Anime-Serien und wollte aussehen wie ihre Helden. Trotzdem stieg sie nie selbst in den Boxring. „Ich komme aus einem strengen Elternhaus. Ich habe immer wieder gefragt, aber von meiner Mutter kam ein Nein.“ Auch in der pakistanischen Community hätte man das nicht gerne gesehen. Aber der Tag, an dem sie sich mit der Antwort nicht mehr zufriedengab, kam doch. Da war sie 27 Jahre alt. Spät, findet sie, aber nicht zu spät. „Ich wollte kämpfen. Da habe ich nicht mehr gefragt, sondern meiner Mutter meine Entscheidung mitgeteilt.“ Die Mutter habe sich erst an den Gedanken gewöhnen müssen, und auch für Mohammed selbst sei es zunächst ungewöhnlich gewesen, mit Männern zu trainieren. Über deren Schweiß komme sie noch immer nicht hinweg, sagt sie und lacht. Aber die strenge Grenze der Geschlechter existiert für sie heute nicht mehr. Als Kind durfte sie nur mit anderen Mädchen befreundet sein, obwohl sie mit Jungs besser klargekommen sei. Heute sei auch ihre Mutter stolz auf die boxende Tochter. „Sie hat Bilder von mir beim Sport an Verwandte geschickt, was ich niemals gedacht hätte.“ Auch auf männliche Vorurteile gegenüber Frauen, die boxen, treffe sie heute nicht mehr: „Sobald sie im Training sehen, was ich kann, habe ich ihren Respekt gewonnen.“


Mariela Steko

Ihr Vater ist der Trainer Mladen Steko, der viele erfolgreiche Boxerinnen in Deutschland ausbildet. Mariela Steko ist jetzt gerade mal zwölf Jahre alt, und lange interessierte sie sich nicht für den Beruf des Vaters. Dann habe sie das Video eines Kampfs gesehen, sagt sie, und da wusste sie: „Auf Turniere gehen, das will ich auch.“ Jetzt trainiert sie bei Papa. Auf Wettkämpfen ist er immer dabei, auch in diesem Jahr bei der Weltmeisterschaft, der deutschen Meisterschaft sowie den World Games. Zur Zeit kämpft sie in der Gewichtsklasse bis 50 Kilogramm der Altersgruppe 13 bis 17. Am Anfang sei sie noch aufgeregt gewesen, habe nach ihrer Gegnerin Ausschau gehalten, mittlerweile aber könne sie sich besser entspannen. Die Boxerinnen seien oft auch untereinander befreundet, „nur im Ring sind wir dann sozusagen Feinde“. Früher in der Schule hätten die Jungs sie häufiger geärgert. Heute weiß sie sich zu wehren. So gut wie ihren Körper will sie später vielleicht auch ihren Geist ausbilden – sie denkt darüber nach, Anwältin zu werden. Was sie in jedem Fall weiß: Sie will weiter boxen.


Gabriele Inciuraite

Gabriele Inciuraite macht Karate in Vollkontakt, seit sie 14 Jahre alt war. Der Stil heißt Kyokushin-Karate. Das war schon ihr Sport in Litauen, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Sie nahm an Turnieren teil und wurde professionelle Sportlerin. Dann zog sie nach Berlin, wurde deutsche Karatemeisterin und wechselte schließlich vor drei Jahren zum Kickboxen. „Ich bin ein Karatemensch, ich liebe es“, sagt sie und lacht. Sie klingt stolz, denn darin sieht sie ihre Stärke. Aber auch das Kickboxen reize sie, weil man dafür viel Ausdauer mitbringen müsse. Vor allem die Schläge zum Kopf seien für sie eine Herausforderung. Heute ist sie 30 Jahre alt und Mutter. Sie hat als Köchin gearbeitet und studiert jetzt Psychologie. Doch Kind und Kampf sind nicht so einfach unter einen Hut zu bringen. Als Alleinerziehende sei es schwierig, als Mutter voll da zu sein, eine berufliche Karriere zu verfolgen und zugleich täglich für die professionelle Sportlaufbahn zu trainieren. Ihre Tochter ist heute zehn Jahre alt – und macht Ballett.


Nikki Adler


„Nachdem ich meinen ersten Kampf verloren und das verarbeitet hatte, war ich glücklich“
Nikki Adler

Als Kind liebte Nikki Adler Kampfsport-Filme mit Bruce Lee und Jean-Claude Van Damme. Als die aktuelle Weltmeisterin der Verbände WBU, WBF und WIBA im Supermittelgewicht selbst Faustkampf machen wollte, fand ihr Vater, sie sei zu jung dafür. „Er sagte: Wir fangen mal mit Taekwondo an.“ Sie war damals sechs Jahre alt. Neben Taekwondo probierte sie vieles andere aus: Selbstverteidigung, Fußball, Handball, Tennis. Nirgends fühlte sie sich zu Hause. Als sie mit 15 Jahren vom Sport eigentlich schon genug hatte, schlug ihr ein Freund Kickboxen vor. Das war die Wende. „Es hat mir so viel Spaß gemacht“, sagt sie. „Ich habe immer nach etwas gesucht, das den Kopf fordert. Sich nur körperlich auszupowern reichte mir nicht.“ Nach nur vier Wochen schlug ihr Trainer vor, sie solle an einem Kampf teilnehmen. Das motivierte sie: „Du gehst rein, schaust dir das mal an, dann gehst du da raus. Alles locker.“ Den Kampf gewann sie. „Ich war glücklich. Nur zu faul, um mit meinen Beinen zu kicken.“ Sie wechselte zum Boxen. „Anfangs wurde ich belächelt.“ Nach wenigen Wochen wurde sie deutsche Meisterin. Dann wurde Nikki Adler innerhalb von sechs Jahren Boxweltmeisterin in sechs Verbänden im Supermittelgewicht – einmalig in Deutschland. Fünf Jahre lang verteidigte sie den WBC-Titel erfolgreich, den zuvor auch die Tochter von Muhammad Ali gehalten hatte. Trotzdem: Niederlagen gehören zur Boxkarriere dazu. „Nachdem ich meinen ersten Kampf verloren und das verarbeitet hatte, war ich glücklich“, sagt Nikki Adler. „Der Druck war weg. Die Enttäuschung war weg. Versagen tut manchmal gut.“


Mandy Berg


„50 Prozent Ernährung, 50 Prozent sportliche Leistung“
Mandy Berg

Mandy Berg fing mit dem Boxen an, als sie elf Jahre alt war. Heute ist sie 21 und Europameisterin im Kickboxen. Sie habe schon immer gerne Sport gemacht, erst Tennis, dann Fußball, dann Boxen. Selbstverteidigung hörte sich damals gut an. Lange aber habe es nicht gedauert, bis sie auch an Wettkämpfen teilnahm. Klar habe die Familie Angst gehabt, um sie und um ihre Nase. Aber da lacht Mandy Berg: „Beim Boxen ist es immer die Nase.“ Um die fürchte sie selbst auch immer noch, sonst aber geht sie es inzwischen mal lockerer an – beim Ernährungsplan etwa. Den verwirft sie hin und wieder. Nach langen Vorbereitungsphasen mit gesunder Ernährung gönnt sie sich mal was: „Okay, jetzt endlich mal McDonald's, irgendwas Fastfood-Mäßiges.“ Das ist aber die Ausnahme, die Ernährung ist wichtig beim Boxen. „50 Prozent Ernährung, 50 Prozent sportliche Leistung“, darauf komme es an. Während sie früher öfter mal in zwei Wochen zwei Kilogramm runterhungern musste, um die gewünschte Gewichtsklasse einzuhalten, kämpfe sie heute entspannter. Die richtigen Rezepte zum Nachkochen findet sie bei Instagram. Mandy Berg hat erfahren: „Der härteste Gegner ist eigentlich immer man selbst.“ Erst wenn man sich selbst besiegt habe, klappe das auch mit dem Gegenüber.

Pervin und Melisa Tasev

Pervin und Melisa Tasev

Die Schwestern Pervin und Melisa Tasev sind im Berliner Kampfsportverein ihrer Eltern groß geworden. Die heute 22 Jahre alte Pervin war ein Jahr alt, als ihre Eltern den Verein gründeten. „Mit drei Jahren bin ich hier herumgerannt.“ Sie habe viele Sportarten ausprobiert, Fußball, Volleyball, sie war beim Ballett und beim Hip-Hop. „Ich bin aber immer wieder zum Kampfsport zurückgekommen.“ Die drei Jahre jüngere Melisa nutzte das Trainings-Equipment als Spielzeug. Sie begann, ebenso wie ihre Schwester, früh mit Taekwondo. Pervin Tasev ist es gewohnt, auch mit Männern zu kämpfen. „Ich trainiere gerne in gemischten Gruppen. Das ist effektiver. Für mich ist es eine größere Herausforderung, wenn mich ein 150-Kilogramm-Mann abhärtet, als ein 50-Kilogramm-Mädchen.“


„Ich bin aber immer wieder zum Kampfsport zurückgekommen.“
Pervin Tasev

Beim Kampfsport lerne sie, wo ihre Grenzen liegen. „Ich bin davon überzeugt, dass man immer wieder versuchen sollte, über diese Grenzen zu gehen. Oft habe ich im Training geweint und dachte: Okay, es geht nicht weiter. Aber genau an diesem Punkt war es wichtig weiterzumachen. Nachdem ich es durchgezogen hatte, konnte ich zu mir sagen: Ich bin gewachsen, egal, wie schwierig es war.“ Im vergangenen Jahr hatte Melisa Tasev ihren ersten Profikampf. Sie studiert Mode und Design. Dass sie Kampfsport macht, konnten ihre Kommilitonen zunächst nicht glauben: „Sie haben mich unterschätzt.“


Phuong Tran Minh

Fungi, so ihr Künstlername, betreibt seit gut einem Jahr Thaiboxen und den Kampfsport K1. „Ich lerne schnell“, sagt die 30 Jahre alte Fotografin. Zum Kampfsport kam sie über ihre Cousine in Vietnam. Eigentlich sei sie nur zur Unterstützung bei einem Muay-Thai-Kurs für Anfänger dabei gewesen, doch dann habe sie dort zum ersten Mal selbst getreten. Es sei ein gutes Gefühl gewesen, der Sound der Wucht. „Für mich war das neu. Auf einmal dieses 'Bou!f ', dieses Geräusch, das war ich, meine Kraft.“ Vor dem Boxen litt Phuong Tran Minh lange unter einer Identitätskrise, wegen ihres Migrationshintergrunds und ihres Geschlechts. „Früher war ich burschikos.“ Ausgerechnet der Kampfsport habe ihr geholfen, ihre Identität als Frau zu finden. „Wenn ich auf einen Sandsack einschlage, bin ich der Impuls auf dem Sandsack, aber der Sandsack gibt auch einen Impuls an mich. Denn je stärker ich schlage, desto stärker wird auch der Widerstand. Mein Körper wächst daran. Er verändert sich. Und ich mag ihn immer mehr.“ Früher hatte sie kurze Haare, ging manchmal sogar auf die Herrentoilette, trug ab und zu die Kleider ihres Vaters. Der habe sich immer einen Sohn gewünscht und verpflichtete die Tochter früh, mit ihm auf Baustellen zu arbeiten und Dächer zu teeren. „Jetzt weiß ich: Ich bin eine Frau – aber eine andere Form von Frau.“


Marie Lang

Sie ist nicht nur Modedesignerin und Model, sondern auch Profi-Kickboxerin – das ruft oft Verwunderung hervor. „Es ist ein super Ausgleich“, sagt sie. Beim Casting zu „4 Blocks“ wurde man so auf sie aufmerksam – in der Serie spielte die Zweiunddreißigjährige die Boxtrainerin Marie. Dass sie trotz ihres Erfolgs mit Klischees zu kämpfen hat, macht ihr nichts aus. Beim Stichwort Modedesign stelle man sich eben eine Frau vor, die gerne shoppen gehe, beim Modeln heiße es „Tussi“, und beim Boxen sei schnell das Vorurteil zur Hand, man schlage sich „voll auf die Schnauze“. Vor allem das stimme nicht, das wisse sie aus eigener Erfahrung. Und sie vermittelt es über ihr Engagement in der Stiftung „Schule ohne Rassismus“. Marie Lang ist der Ansicht, dass der Sport vielen Kindern helfen kann, Aggressionen abzubauen. Einmal wurde sie von ihrer Gegnerin als Schwächere dargestellt, weil sie selbstgenähte pinkfarbene Boxershorts zu einem Kampf trug. Doch am Ende stieg sie als Gewinnerin aus dem Ring. Frauencodes gebe es trotzdem: Auf die Brust oder den Unterleib schlage man sich nicht.


Alina Popp


„Es gibt viele gute Boxerinnen, die viel erreicht haben, die aber nicht das Gleiche kriegen wie Männer. Sei es Ansehen, sei es Geld oder auch Respekt.“
Alina Popp

Alina Popp ist Profiboxerin und Physikstudentin. Die Leistungssportlerin, geboren im Jahr 2000, wurde zwei Mal deutsche Meisterin. Als sie vier Jahre alt war, erinnert sie sich, habe sie vor dem Fernseher während einer Siegerehrung der Olympischen Spiele ihrer Mutter erklärt: „Mama, das will ich auch.“ Also probierte sie sich durch Schwimmen, Reiten, Tanzen, Volleyball. Als ihr Vater mit dem Kickboxen anfing, um fit zu werden, meldete er auch die Tochter im Sportstudio an. Und sie begann zu boxen. Da war sie ein Teenager. Inzwischen geht sie morgens zwischen sieben und neun Uhr zum Training, danach zur Universität, dann wird gelernt. Anschließend wieder Sport, danach wieder lernen. Damit ist sie gut beschäftigt. Sport und Studium sind anspruchsvoll, aber weder das eine noch das andere möchte sie aufgeben. Und auch Gleichberechtigung ist für sie ein Thema. Männer stünden einfach im Mittelpunkt. „Es gibt wahnsinnig viele gute Boxerinnen, die viel erreicht haben, die aber nicht das Gleiche kriegen wie Männer. Sei es Ansehen, sei es Geld oder auch Respekt.“ Als sie ihrer Lehrerin in der siebten Klasse sagte, sie fahre zur deutschen Meisterschaft, habe sie gelacht, als sie hörte, um welchen Sport es ging. Meist seien die Reaktionen aber positiv. Ihren Ehrgeiz lässt sie sich nicht nehmen. Ihr Traum ist nach wie vor: Olympia.


Susi Kentikan


„In Armenien bin ich eine Volksheldin.“
Susi Kentikan

Das Gesicht und der Name von Susi Kentikian sind vielen bekannt – wegen ihrer besonderen Geschichte. Sie wurde 1987 in Eriwan geboren und verließ mit fünf Jahren während politischer Aufstände ihr Heimatland Armenien. Über Umwege landete sie in Hamburg, wo sie auch dank ihres sportlichen Talents ein Aufenthaltsrecht für sich und ihre Familie erlangte. Aus ihrem Hobby Boxen wurde schließlich ein Beruf. Zeitweilig verdiente sie so gut, dass sie sich und ihre Familie damit ernähren konnte. Sie habe ihr Geld mit Respekt verdient, sagt sie, deshalb gebe sie es auch mit Respekt aus. Ihre Karriere hat Susi Kentikian, die inzwischen 31 Jahre alt ist, fürs Erste gestoppt, doch sie schließt nicht aus, noch mal in den Ring zu steigen. Obwohl als Sport anerkannt, sei Boxen im Fernsehen weiterhin vollkommen unterrepräsentiert. Trotzdem: „In Armenien bin ich eine Volksheldin“, sagt sie. „Es ist ein kleines Land, und es gibt wenige so erfolgreiche Sportler.“ Und auch wenn Männer dort oft noch der Ansicht seien, Frauen sollten zu Hause bleiben, werde sie von ihren Landsleuten respektiert.


Johanna Koch

Johanna Koch begann mit dem Boxen, weil sie sich fit halten wollte. Das war vor knapp fünf Jahren. Heute ist sie Profi-Thaiboxerin und trainiert neben Kindern und Jugendlichen auch weibliche Models sowie Geschäftsmänner. Davor hatte sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht. Der Trainerschein kam später. Ihr aktueller Job in einem Frankfurter Fitnessstudio sei ein „Traumberuf“ , sagt Johanna Koch. Immer wieder reist sie nach Thailand, um sich dort weiterzubilden. Mittlerweile gebe es auch dort Frauen, die Kampfsport als Fitness betreiben. „Aber dass Frauen dort kämpfen, ist überhaupt nicht angesagt.“ In Deutschland sei man da emanzipierter, auch wenn es nicht immer einfach sei. „Wenn ich als Jugendtrainerin mit Teenagern zwischen 14 und 18 arbeite, brauchen die Jungs erst einmal Zeit, bis sie mich als Frau ernstnehmen.“ Man beweise sich im Ring also doppelt. „Zum einen musst du sowieso kämpfen, zum anderen musst du für dich als Frau kämpfen.“ Für sie sind Weiblichkeit und Kampf keine Gegensätze. „Du kannst nicht sagen: Entweder bist du eine Fighterin, oder du bist ein Model. Meiner Meinung nach kannst du beides zugleich sein.“


Sophie Kronberg

Tagsüber arbeitet die 26 Jahre alte Sophie Kronberg als Projektmanagerin in einer Frankfurter Großbank. Nach Feierabend ist sie Boxerin. Als Jugendliche fing sie mit dem Sport an, nachdem sie mit ihrem Vater Kämpfe im Fernsehen verfolgt hatte. Ihre Mutter fuhr sie zum Training. Ihren ersten großen Kampf hat sie damals verloren – gegen Ornella Wahner, die aktuelle Weltmeisterin. Diese erste Niederlage trieb sie nur noch mehr an. „Ich war am nächsten Tag schon wieder im Studio.“ In ihrem Sport könne sie sich nicht nur mit den Schlägen in den Sandsack auspowern, sondern zugleich Respekt lernen. Frauen tun ihrer Meinung nach zwar viel, um gut auszusehen – aber wichtig sei doch vor allem, sich gut zu fühlen. Genau das habe sie beim Boxen gelernt: dass das eine das andere nicht ausschließt. Sie schminkt sich gerne und hat lange Haare „Wenn man Lust hat, sich sexy anzuziehen, aber einem abends danach ist, verschwitzt auf den Sandsack einzupreschen, dann sollte man genau das machen und auch das Selbstbewusstsein dafür haben.“ Man könne es als Frau ohnehin niemandem recht machen, deshalb sei es umso wichtiger, nicht das zu machen, was andere Leute von einem erwarteten. „Ich finde es schön, Frauen zu sehen, die voll ihr Ding machen.“


Andrea Rzehak


„Mein Vater hat mich, wie sagen wir es heute, geschlechtsneutral erzogen.“
Andrea Rzehak

Im Alter von fünf Jahren hat Andrea Rzehak mit Kickboxen begonnen. Die Offenbacherin hat bisher mehr als 700 nationale und internationale Kämpfe bestritten. Mit 15 Jahren gewann sie in Moskau zum ersten Mal einen Weltmeisterschaftstitel. Begonnen hatte sie, weil der Sport den Bewegungsapparat von oben bis unten schule. Ihr Vater sei verrückt nach Kampfsport gewesen, und er wollte, dass auch sie sich viel bewege. Sie hatte die Wahl zwischen Fußball und Kickboxen. „Mein Vater hat mich, wie sagen wir es heute, geschlechtsneutral erzogen.“ Als Jugendliche habe sie über den Faustkampf viel Selbstvertrauen aufgebaut. Ihr Ruf sei ihr immer vorausgeeilt. „Jeder wusste, dass ich Kickboxerin bin.“ Sie habe sich nie auf der Straße schlagen müssen, sie wurde nie provoziert. Durch den Sport habe sie sicheres Auftreten gelernt. Auch Erfolge und Meisterschaften hätten ihr Selbstbewusstsein gegeben. Ihr Umfeld reagierte entweder so: „Super, ganz toll“. Oder so: „Kickboxen? Du? Alles klar.“ Wenn sie in den Ring stieg, habe sie immer Angst gehabt, sagt Andrea Rzehak, das gehöre dazu. Gerade als Frau habe man es schwer, man spüre Druck von allen Seiten. „Man soll eine super Mutter sein und eine top Hausfrau und am besten noch beruflichen Erfolg haben.“ Ihr Motto lautet: „Ich mache immer das, was ich für richtig halte und wobei ich mich gut fühle. Ich lebe nicht nach Normen, die andere für richtig empfinden. Das ist ein großes Stück Freiheit, das ich habe.“


Seher Aydin

Mit Sport ist Seher Aydin groß geworden. In der Grundschule hat sie getanzt und ist zum Schwimmen gegangen. In ihrer Familie wird viel Wert auf Sport gelegt. Ihre Onkel sind Fußballspieler, ihre Tante und ihre Mutter haben in Berlin Kampfsport gemacht. Mit 14 Jahren entschied sich Seher Aydin für das Kickboxen. Heute ist sie 24 und macht eine Ausbildung zur Kauffrau für Groß- und Außenhandel. Zum Training geht sie nach Feierabend, mindestens dreimal die Woche. Ambitionen, Profiboxerin zu werden, hegt sie auch heute noch. Sie habe sich schon als Kind mehr für „Jungensachen“ interessiert. „Ich war schon immer die, die für das Fußballspiel ihrer Lieblingsmannschaft in die Türkei geflogen ist.“ In ihrer Jugend sei sie beim Thema Weiblichkeit häufig unsicher gewesen. „Ich habe mich eher wie ein Junge angezogen. Als ich mit 18 Jahren meinen ersten Freund hatte, entdeckte ich das Weibliche in mir.“ Sie begann sich zu schminken, heute trägt sie gerne hohe Schuhe. Auf Schönheit legt sie großen Wert. „Ich schminke mich jeden Tag, ich pflege mich, achte auf Fingernägel und Haare. Ich ziehe mich auch oft schön an.“ Vor blauen Augen oder geplatzten Lippen als Spuren eines Boxkampfes habe sie keine Angst. „Das geht vorbei.“ Und ihre Nase ist versichert.


Sarah Bormann

Sarah Bormann liebt die Herausforderung. Die 28 Jahre alte Profi-Box-Weltmeisterin des Verbands WIBF trainiert zweimal täglich in ihrem Hanauer Verein. Sie hat mehr als 120 Kämpfe bestritten, wurde als Amateurin viermal deutsche Meisterin. Aber das reichte ihr nicht. Sie suchte neue Herausforderungen und noch mehr Anerkennung. Im Dezember 2017 fasste sie einen Entschluss: Sie wurde Profiboxerin. Während ihrer Ausbildung als Chemisch-Technische Assistentin jobbte sie in einer Bäckerei. Weil sich die Boxkarriere mit ihrem Beruf aus zeitlichen Gründen nicht vereinbaren ließ, blieb sie auch nach Ende der Ausbildung bei ihrer Tätigkeit als Verkäuferin. Ihr Tag beginnt um fünf Uhr morgens, gegen Mittag geht sie zum Training, und nach einer kurzen Pause boxt sie von 18.30 Uhr an weiter. Ohne Sport könne sie nicht leben. Das Boxen hat die Hessin schon fasziniert, als ihr Vater sich Boxkämpfe im Fernsehen anschaute. „Als Kind hat mir mein Vater einen Sandsack gekauft, da habe ich just for fun reingehauen.“ Ihre Familie stand immer hinter ihr. „Mein Papa ist bei jedem Wettkampf dabei und freut sich immer für mich, bei jedem meiner Siege.“ In der Bäckerei erkennen sie viele Kunden wieder, von den Bildern aus der Zeitung. In ihrem Verein ist sie die einzige Frau. „Ich mache Sparring mit Männern, und die akzeptieren mich. Ich bin ein Vorbild für die Männer.“

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 17.05.2019 14:04 Uhr