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Frauen in Italien : La Brava

Sie machen vieles anders als ihre Mütter, trotzdem haben viele Italienerinnen ihr Päckchen zu tragen. Bild: Pilar, Daniel

Sie müssen vieles anders machen als ihre Mütter. Und zum Glück können sie das inzwischen auch. Eine Suche nach der modernen Italienerin.

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          Sophia Loren, sage ich, und meine Freundin aus Bari weitet die Augen. Das soll das Image der italienischen Frau sein, immer noch? Klar, sage ich. Sophia Loren in „Gestern, heute und morgen“. Sophia Loren, die gesagt hat: Alles, was Sie sehen, verdanke ich Spaghetti. Eine Frau aus Italien, das kann nur sie sein. Im englischen Wikipedia steht zum Thema: „Um Frauenrechte in Italien steht es fast so, wie man es für ein entwickeltes Land erwarten kann.“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Meine Freundin Silvia seufzt und bestellt einen Salat mit Garnelen, die in dieser Frankfurter Kneipe mit Panzern und Fühlern auf den Tisch kommen. Ihr Freund Stefano aus dem Norden Italiens findet das eklig, aber da muss er jetzt durch, mag er noch so lästern, die im Süden schlügen die Tintenfische noch am Esstisch tot. Aber wir wollten über die Italienerin reden.

          Also, da wäre die Mamma, rundlich, Hausfrau, jeden Abend zaubert sie mindestens ein Drei-Gänge-Menü, damit der Sohn, der mit Mitte 30 noch zu Hause wohnt, nicht vom Fleisch fällt. Oder die Nonna mit dem Haarknoten im Nacken, sie trägt Schwarz, seit man denken kann; wenn im Fernsehen die Assistentinnen im Stripperinnen-Look zur Seite treten und der Papst erscheint, blickt sie auf. Dann sind da die jungen Frauen mit Designer-Sonnenbrillen auf der Piazza, die das „ciao bella“ ignorieren, vielleicht sind sie auf dem Weg zur Uni, vielleicht gehen sie in den Norden, ins Ausland, weil es im Süden keine Jobs gibt, schon gar nicht seit der Euro-Krise. Vielleicht bekommen sie keine Kinder, tja, die Geburtenrate. Und dann sind da die Meldungen von viel häuslicher Gewalt gegen Frauen, bis hin zu Morden durch Ehemänner. Das Schlagwort: Femicidio.

          Wie steht es um die Frau in Italien?

          Was fällt einem noch so ein als Deutsche? Frauen in der Mode: Donatella Versace, Miuccia Prada, Angela Missoni. Frauen in der Politik: Alessandra Mussolini, Francesca Pascale (Berlusconi-Verlobte und früheres Showgirl), Cécile Kyenge, Integrationsministerin im Kabinett Enrico Letta, die wegen ihrer schwarzen Hautfarbe rassistisch beschimpft wurde. Also, wie steht es nun um die Frau in Italien? Silvia seufzt noch einmal und schiebt die Garnelenschalen beiseite. Das Thema sei natürlich viel zu groß für einen Abend, und sie selbst sei wohl auch nicht repräsentativ. Dabei ist sie das sehr wohl, für eine junge Generation gut ausgebildeter Italienerinnen, die vieles anders machen als ihre Mütter. Weil sie es müssen - und weil sie es können.

          Silvia ist Mitte 30 und stammt aus Apulien, dem Absatz des italienischen Stiefels. Dort gibt es Meer und Trulli - so heißen die historischen Rundbauten, die Touristen locken -, Landwirtschaft, einen Hafen, eine Universität, viele Traditionen und wenige Arbeitsplätze. Schlechte Voraussetzungen für weibliche Emanzipation. Doch schon eine von Silvias Großmüttern war berufstätig, im Klaviergeschäft ihres Mannes. Die Tochter, Jahrgang 1948, wurde Grundschullehrerin. Die Enkelin wurde in Philosophie promoviert und arbeitet in der Computerbranche in Deutschland, wo sie mit ihrem Freund lebt - unverheiratet, noch vor zehn, zwanzig Jahren wäre das undenkbar gewesen. „Wir hätten auch in Italien Arbeit gehabt“, sagt sie. Eine typische Vertreterin der Generation, die von der Euro-Krise nach Norden gespült wird, ist sie also nicht.

          Ziemlich typisch ist die Geschichte der drei Frauen aus drei Generationen aber für das, was der Soziologe Hans-Peter Blossfeld, der am European University Institute in Florenz über Frauenfragen forscht, die „Bildungsexpansion“ nennt, von der vor allem die Frauen in Italien profitieren. Sie laufen Männern inzwischen den Rang ab, was Universitätsabschlüsse angeht. Und deshalb passt einiges nicht mehr zusammen in dem Land, in dem die traditionellen Strukturen um die Familie gewachsen sind, einen Ort, an dem man sein ganzes Leben verbringt.

          Das Klischee der Hausfrau gilt nicht nur für den Süden

          Frauen, die nach langer Ausbildungszeit arbeiten wollen, später heiraten und weniger Kinder bekommen, stellen sich dann die Frage: Wie sieht es mit der Betreuung aus, wenn die Großeltern weit entfernt wohnen? Das alles klingt nach Deutschland. Die Geburtenraten sind südlich der Alpen so niedrig wie nördlich. „Wir reden schon so lange über geburtenschwache Jahrgänge. Ein Wunder, dass es uns überhaupt noch gibt“, witzelt Stefano, als der Kellner das Meerestier-Massaker abräumt. Wie war das eigentlich mit den weiblichen Karrieren in seiner Familie, hoch im Norden? Die Mutter war Schneiderin und hörte nach der Geburt der Kinder auf zu arbeiten. Die Großmütter waren Hausfrauen. Das Klischee gilt nicht nur für den Süden.

          Am Durchmarsch berufstätiger Frauen auf dem Arbeitsmarkt kann es jedenfalls nicht liegen, dass so wenige Kinder geboren werden. 2011 arbeiteten nur knapp 47 Prozent der Italienerinnen im erwerbstätigen Alter; der EU-Durchschnitt liegt bei etwa 60 Prozent. Frauen verdienen weniger als Männer, und vor allem Frauen haben durch die Rezession ihre Jobs verloren. „Fast alle jungen Leute in Italien hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten“, sagt Silvia. Wer schwanger werden könnte, habe es da noch schwerer, überhaupt an einen Vertrag zu kommen. Da klingt es wenig ermutigend, dass die italienische Statistikbehörde Istat herausgefunden hat, dass fast jede zweite Frau ohne eigenes Einkommen keinen Zugriff auf das gemeinsame Konto hat; das allerdings ist eher ein Problem der Älteren.

          Aber keine Bewegung ohne Gegenbewegung: Die Krise treibt auch Frauen, deren Männer die Rolle des Ernährers nicht mehr ausfüllen können, mit doppelter Dringlichkeit ins Berufsleben. Frauen sind mobiler geworden. Wenn die Familie als Solidargemeinschaft, aber auch als Hüterin einer über kommenen Ordnung weiter entfernt ist, verändern sich auch Rollenmodelle. Die Betreuungssituation für kleine Kinder ist miserabel. Nur sieben Prozent aller Kinder unter drei Jahren bekommen einen Krippenplatz, Tagesmütter sind selten, und gesetzliche Elternzeit für Väter gibt es nicht. 90 Prozent der Italiener sagen heute, Männer sollten sich stärker an der Erziehung der Kinder beteiligen. Aber mehr als die Hälfte denkt auch, Frauen seien besser geeignet für die Hausarbeit, und Männer sollten den Hauptverdienst nach Hause schaffen.

          Es geht vieles durcheinander für Frauen in Italien. Da ist die katholische Kirche, die, wie Silvia findet, noch einen viel zu großen Einfluss hat und alte Rollenmodelle predigt. Es gibt immer mehr selbstbewusste, gut ausgebildete Italienerinnen, aber eben auch „veline“, leichtbekleidete Tänzerinnen auf allen Fernsehkanälen. „Eine Katastrophe, widerlich“, sagt Silvia und fegt Krümel vom Tisch, die nicht da sind. Es gab einen Dokumentarfilm von Lorella Zanardo zum Thema, „Der Körper der Frauen“, aber geändert habe sich nichts. Die Femicidio-Welle habe eine Diskussion über Gewalt gegen Frauen hervorgebracht, die Gesetze wurden etwas verschärft, aber jetzt sei das Thema auch schon wieder weg.

          Die Wirklichkeit verändert sich trotzdem. Die Spielräume für Frauen, Krise hin, Krise her, werden größer. Immer mehr Frauen zahlen mit eigener Kreditkarte. Sie wissen, dass sie alles erreichen können, was Männer auch erreicht haben. „Es ist für Frauen nur schwerer“, sagt Silvia. Noch immer glaubten viele, Frauen hätten von Natur aus nicht die gleichen Rechte und Fähigkeiten wie Männer. Da wirkt es wie ein Treppenwitz, dass sich ausgerechnet Silvio Berlusconi für 50 Prozent Frauen auf Wahllisten ausspricht. Silvia lacht. Zeit fürs Dessert.

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