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Frauen in Italien : La Brava

Das Klischee der Hausfrau gilt nicht nur für den Süden

Frauen, die nach langer Ausbildungszeit arbeiten wollen, später heiraten und weniger Kinder bekommen, stellen sich dann die Frage: Wie sieht es mit der Betreuung aus, wenn die Großeltern weit entfernt wohnen? Das alles klingt nach Deutschland. Die Geburtenraten sind südlich der Alpen so niedrig wie nördlich. „Wir reden schon so lange über geburtenschwache Jahrgänge. Ein Wunder, dass es uns überhaupt noch gibt“, witzelt Stefano, als der Kellner das Meerestier-Massaker abräumt. Wie war das eigentlich mit den weiblichen Karrieren in seiner Familie, hoch im Norden? Die Mutter war Schneiderin und hörte nach der Geburt der Kinder auf zu arbeiten. Die Großmütter waren Hausfrauen. Das Klischee gilt nicht nur für den Süden.

Am Durchmarsch berufstätiger Frauen auf dem Arbeitsmarkt kann es jedenfalls nicht liegen, dass so wenige Kinder geboren werden. 2011 arbeiteten nur knapp 47 Prozent der Italienerinnen im erwerbstätigen Alter; der EU-Durchschnitt liegt bei etwa 60 Prozent. Frauen verdienen weniger als Männer, und vor allem Frauen haben durch die Rezession ihre Jobs verloren. „Fast alle jungen Leute in Italien hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten“, sagt Silvia. Wer schwanger werden könnte, habe es da noch schwerer, überhaupt an einen Vertrag zu kommen. Da klingt es wenig ermutigend, dass die italienische Statistikbehörde Istat herausgefunden hat, dass fast jede zweite Frau ohne eigenes Einkommen keinen Zugriff auf das gemeinsame Konto hat; das allerdings ist eher ein Problem der Älteren.

Aber keine Bewegung ohne Gegenbewegung: Die Krise treibt auch Frauen, deren Männer die Rolle des Ernährers nicht mehr ausfüllen können, mit doppelter Dringlichkeit ins Berufsleben. Frauen sind mobiler geworden. Wenn die Familie als Solidargemeinschaft, aber auch als Hüterin einer über kommenen Ordnung weiter entfernt ist, verändern sich auch Rollenmodelle. Die Betreuungssituation für kleine Kinder ist miserabel. Nur sieben Prozent aller Kinder unter drei Jahren bekommen einen Krippenplatz, Tagesmütter sind selten, und gesetzliche Elternzeit für Väter gibt es nicht. 90 Prozent der Italiener sagen heute, Männer sollten sich stärker an der Erziehung der Kinder beteiligen. Aber mehr als die Hälfte denkt auch, Frauen seien besser geeignet für die Hausarbeit, und Männer sollten den Hauptverdienst nach Hause schaffen.

Es geht vieles durcheinander für Frauen in Italien. Da ist die katholische Kirche, die, wie Silvia findet, noch einen viel zu großen Einfluss hat und alte Rollenmodelle predigt. Es gibt immer mehr selbstbewusste, gut ausgebildete Italienerinnen, aber eben auch „veline“, leichtbekleidete Tänzerinnen auf allen Fernsehkanälen. „Eine Katastrophe, widerlich“, sagt Silvia und fegt Krümel vom Tisch, die nicht da sind. Es gab einen Dokumentarfilm von Lorella Zanardo zum Thema, „Der Körper der Frauen“, aber geändert habe sich nichts. Die Femicidio-Welle habe eine Diskussion über Gewalt gegen Frauen hervorgebracht, die Gesetze wurden etwas verschärft, aber jetzt sei das Thema auch schon wieder weg.

Die Wirklichkeit verändert sich trotzdem. Die Spielräume für Frauen, Krise hin, Krise her, werden größer. Immer mehr Frauen zahlen mit eigener Kreditkarte. Sie wissen, dass sie alles erreichen können, was Männer auch erreicht haben. „Es ist für Frauen nur schwerer“, sagt Silvia. Noch immer glaubten viele, Frauen hätten von Natur aus nicht die gleichen Rechte und Fähigkeiten wie Männer. Da wirkt es wie ein Treppenwitz, dass sich ausgerechnet Silvio Berlusconi für 50 Prozent Frauen auf Wahllisten ausspricht. Silvia lacht. Zeit fürs Dessert.

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