https://www.faz.net/-hrx-87mue

Französische Mode-Revolution : Le style, c’est moi

  • -Aktualisiert am

Die Revolution von 1789 veränderte auch die Kleiderordnung: Fortan entsagten Männer Samt, Seide, Spitze und Schminke – und verloren so ihr erotisches Potential.

          7 Min.

          Da steht er also, Marcello Mastroianni, als alternder Giacomo Casanova im Film „Flucht nach Varennes“. Von Kopf bis Fuß in Champagnerfarben gehüllt, in enge Beinkleider und sich anschmiegende Stiefel, einen mit Rüschen verzierten schneefuchspelzbesetzten Umhang, der das hell gepuderte Gesicht mit rot geschminkten Lippen, Rouge auf den Wangen und dunkel gefassten Augen betörend umschmeichelt.

          Der Teint wird gehoben von einem Jabot aus der kostbarsten Spitze, dem Point de Venise, auch im Champagnerton. Auf der Wange sitzt kokett ein Schönheitsfleck; blonde Locken umrahmen das Gesicht. Das Ganze wird gekrönt von einem Dreispitz im gleichen Champagnerton. Man glaubt, Moschusduft stiege einem in die Nase. Casanova verkörpert hier zum letzten Mal die Eleganz des in diesem Moment zu Ende gehenden Ancien Régime, das gerade jetzt, vor der bevorstehenden Gefangennahme der Königsfamilie, ‚ancien‘ wird, also gestrig.

          Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab der ruinierte Hof in Versailles trotz der schwerreichen Financiers von Paris ein letztes Mal den Ton an: Kreide, Crème oder Champagner. Baumwollmusseline oder leichtere Seiden lösten die prunkvoll mit Blumenornamenten bestickten und sattfarbigen Brokatseiden des Barocks, die leuch­tenden Samte und die in Pastelltönen glänzenden leichteren Atlasseiden des Rokoko ab.

          Saubere Leibwäsche steht für Luxus der Pariser Gesellschaft

          Der in der freien Republik Genf geborene und erzogene Jean Jacques Rousseau sah schon im Jahr 1761 den neuen Luxus der Pariser Gesellschaft darin, sauber und fleckenlos angezogen zu sein. Jeden Tag in blütenweißer Leibwäsche zu erscheinen war jetzt angesagter als in schweren, üppigen und, wie Rousseau meinte, fleckigen Brokaten herumzulaufen, wie man sie an vielen italienischen Höfen sehe. Ein Abglanz des Hellen, Leichten der letzten Jahre des Ancien Régime, die Mastroiannis Casanova inkarniert, überlebte in den hautengen, weißglänzenden Atlashosen, die mit dem Wiener Kongress und dem Empire neu zu Ehren kamen, und die Metternich erst mit der 1848er Revolution abgelegt haben soll.

          Die Revolution von 1789 führt zu einem grundsätzlichen Umbruch in der Kleiderordnung. Bis dahin trennte die Mode die Stände streng, wie Schiller es sagte. Nach der Revolution teilt sie die Geschlechter. John Carl Flügel, der von Wien nach London ausgewanderte Psychoanalytiker, hat dafür das geflügelte Wort von der großen männlichen Entsagung geprägt: The Great French Revolution – The Great Male Renunciation.

          Fortan sollten die Männer auf all das verzichten, was sie Jahrhunderte lang zum schöneren Geschlecht gemacht hatte: „samt und seide, blumen und bänder, feder und farben“, fasst Adolf Loos zusammen. Schminke und Parfums, rote Absätze und Schleifchenschuhe, Spitzen, Schmuck und Stickereien, Perücken, Parfum und Puder.

          Gegen alles Pathetische

          Sehr schön hatte zuvor schon Friedrich Theodor Vischer diesen radikalen Bruch in der männlichen Mode um die Französische Revolution herum gefasst: „Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge, Haltung, Gesicht, Worte und Taten seine Persönlichkeit geltend machen. Unseren Großvätern noch galt als ganz natürlich, daß der eine durch einen roten Rock mit Goldborte und blauen Strümpfen, der andere durch einen grünen mit Silberborte und pfirsichrotgelbe Strümpfe sich hervortun mochte. Wir sind damit rein fertig, gründlich blasiert gegen alles Pathetische, wir haben nur ein müdes Lächeln, wenn einer durch anderes als sich selbst in seiner Erscheinung sich herausdrängen will (. . .) Obwohl diese Schein­losigkeit des Männerkostüms wenig über ein halbes Jahrhundert alt ist, kann man doch sagen, sie bezeichne recht den Charakter der Mode, nachdem aus ihr geworden, was ihrer Natur nach im Laufe der Zeit werden mußte.“

          Dem Bürger ist alles Schmückende suspekt, aller Glanz, alle Äußerlichkeit und der täuschende Schein, der von den inneren Werten ablenkt. Männliche Koketterie galt zunehmend als lächerlich. Es wurde unelegant, sich um Eleganz zu bemühen. Dass er es nicht nötig hat, durch seine Kleider zu glänzen und das anderen überlässt, denen sonst nichts bleibt, wird der Bürger zu demonstrieren nicht müde. Richtig angezogen zu sein heißt jetzt, in seinen Kleidern zum Ausdruck zu bringen, dass man Wichtigeres zu tun hat, als einen Gedanken darauf zu verschwenden, was man anhat. Indessen, auch die Kunst des Kunstlosen will gelernt sein und wird eine Wissenschaft für sich.

          Ein Vorläufer der neuen Mode, die zur Mode der Moderne werden sollte, war Philippe d’Orléans, auch Philippe Égalité genannt. Sein Cousin Ludwig XVI. hatte als Nachfahre des Sonnenkönigs bei einer von ihm einberufenen letzten Ständeversammlung wegen einer unumgänglich gewordenen Steuererhöhung noch am Vorabend der Revolution in einer Jacke aus goldgewirkter Brokatseide mit Diamantenknöpfen, diamantbesetztem Schwert,  Schuhen mit Diamantschließen und den berühmten Regent-Diamanten einen letzten glänzenden, überwältigend funkelnden Auftritt.

          Kniebundhose weicht pantalon

          Philippe dagegen ließ bei dieser Gelegenheit die Pracht des Ancien Régime hinter sich und lief vestimentär in einer Klassentravestie par excellence zum dritten Stand über. Als citoyen und patriote legte er Samt und Seide, Stickereien, Spitzen, Federn, bunte Steine und leuchtende Farben zugunsten des dunklen, gedeckten Hanfes ab. Statt der Kniebundhose, welche die Beine in hautengen, glänzenden Seidenstrümpfen wirkungsvoll zur Geltung brachte, trug er den pantalon, die Hose, die seither zum Signum des modernen Mannes geworden ist und uns als alternativlos erscheint.

          Seine eigenen, offenen, kurz geschnittenen, ungepuderten Haare traten an die Stelle der üppigen, gepuderten Lockenperücke; keine Stickereien und Spitzen schmückten ihn. Philippe d’Orléans wurde zum Vorläufer der nüchternen Männer­mode der Moderne, indem er die üppige Schönheit der Aristokratie des Ancien Régime abstreifte.

          Die große Revolution geschah im Namen eines Kleidungsstücks: Die sansculottes schlugen diejenigen, die eine culotte trugen, aus dem Feld. Damit war die culotte noch nicht ganz tot – Napoleon III. trägt sie noch auf seinem von Alexandre Cabanel gemalten offiziellen Herrscherportrait aus schwarzer Atlasseide. Aber sie wanderte wie so manches männliche Kleidungsstück in die weibliche Garderobe hinüber: Weit und ohne Kniebundbänder wurde sie zur Hose von Mademoiselle. Die störte sich nicht daran, dass eine Polizeiverordnung vom 16. Brumaire des Jahres IX festhielt, wer die Hosen anhat – und den Frauen das Hosentragen verbot.

          Siegeszug der Proletarier-Hose

          In der Herrenmode sollte die Hose des dritten Standes, der pantalon, den man despektierlich als flachgebügelte Pasteurröhre bezeichnet hat, auf ganzer Linie siegen. So war es mit der alten Herrlichkeit vorbei; mit der Mode der Moderne ver­loren die Männer ihre erotische Zone. Der moderne Mann verzichtet vor allen Dingen darauf, Bein, viel Bein, Bein bis zum Schritt oder womöglich sogar Po und Geschlecht zu zeigen.

          Vor der Mode der sogenannten sans ­culottes hatten die Männer des Ancien Régime ihre Beine aufreizend und selbst­bewusst ins rechte Licht gerückt. Bis zur Revolution galt, was heute Devise der Frauenmode geworden ist: Beine sind zum Zeigen da. Bein, noch mehr Bein, noch schönere, längere, wohlgeformtere Männerbeine zeigten die Bilder aus Mittelalter und Renaissance. Zur Zeit Kaiser Karls V. (1500 bis 1558) ragte das lange, schlanke, bestrumpfte Bein schon weniger farbenfroh, monochrom, aber nicht weniger klar konturiert unter einem kurzen „Ballonrock“, der Heerpauke, oder unter einer eng anliegenden kurzen Oberschenkelhose hervor.

          Sonnenkönig war begnadeter Balletttänzer

          Karl V. zeigte in seinen kostbaren ­Trikothosen wunderschöne Beine. Ludwig XIV. wurde auch deswegen Sonnenkönig genannt, weil er als begnadeter Tänzer in der Rolle des Sonnengottes Apollo in Lullys Ballett glänzte. Auf dem offiziellen Porträt von Hyacinthe Rigaud zeigt der Sonnen­könig die schönen Beine eines Ballett­tänzers in der dritten Fußposition in weiß schimmernden Seidenstrümpfen bis zum Po. Die zierlichen Schuhe mit rotem Absatz sind mit ebenso roten Schleifen verziert.

          Im 18. Jahrhundert wurden die Beinkleider hauteng. Der Conte d’Artois, erzählt Barbey D’Aurevilly, wurde von vier Dienern in seine Beinkleider gehoben. Ein anderer Höfling hielt es so wie die, die zu Anfang unseres Jahrhunderts die haut­engen An­züge von Dior trugen: Er hatte ein Beinkleid, in dem er sitzen konnte, und eines, in dem dies nicht möglich war.

          Eben diese kunstvoll inszenierten männlichen Reize waren immer schon vom odor di femina umweht: Sie standen im Geruch des Schwulen und des Weibischen. Bis in die kleinsten Details ist die männliche Mode der Moderne dann von der Abwehr des Weibischen bestimmt, dessen Inkarnation der Höfling des Ancien Régime war. Die höfische Mode ist von allen Reformatoren, von allen Bürgerlichen und Aufklärern im Zeichen aufrechter Heterosexualität, die eben nicht trippelt, sondern gestanden breitbeinig geerdet daherkommt, als weibisch lächerlich gemacht worden.

          Ancien Régime sei am Weibischen erkrankt

          Nicht nur beugte sich in einer Monarchie alles dem Mätressenregime; die Männer selbst seien weibisch gewesen. Gold- und Silberspitzen, Schleifchen und bunte Bänder, goldene Berlocken genannt, deren graziöses Gebimmel jeden Schritt begleitete, und trippelnde Ballettschrittchen rückten die Höflinge in der aufgeklärten, reformiert bürgerlichen Perspektive in die Nähe alter Kokotten. Wie ein Lauffeuer habe im Ancien Régime die Krankheit des Weibischen um sich gegriffen.

          Auch das keusche Genf war infiziert, wusste der schockierte Rousseau zu melden. Selbst in der calvinistisch reformierten Republik gab es Männer, die sich wie Frauen anzogen. Junge Herren mit flötender Stimme, höhnte Rousseau, drehten Sonnenschirmchen zwischen zarten Fingern. Der aufrechte Bürger war in locker geschnittenen Wolljacken gekleidet, in gedeckten Farben. Sie trugen die seidig bunten und, wie ­der Name sagt, extrem eng anliegenden justaucorps französischer Höflinge. In Rousseaus Augen wurden diese jungen Männer en travestie umstandslos zu Mädchen.

          Angesichts des Spotts, den die aufgeklärte, reformierte, heterosexuelle Männlichkeit über die Männermoden des Ancien Régime auskippte, ist es eine Ironie der Geschichte, dass die moderne Männer­mode so ganz und gar in der Negation des Höflings steckenbleibt, dem sie in jedem einzelnen Punkt widerspricht. Denn der moderne Anzug kann bis in die kleinsten Details als Gegenstück der höfischen Mode des Ancien Régime beschrieben werden.

          Barock-Blumen auf Anzügen von Gucci

          Trotz der verbissenen Anstrengung, demokratische Gleichheit und natürlich heterosexuelle Brüderlichkeit breitbeinig zu inszenieren, kam der verdrängte Höfling, der zur Tür hinausgeworfen wurde, durchs Fenster wieder herein. So prangten vor zwei Jahren die üppigen Blumen des Barock auf den Anzügen von Gucci, und dieses Jahr kann man im selben Haus nicht nur Spitzenjabots, sondern auch Spitzenhemden für Männer bewundern.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Ende des 20. Jahrhunderts grub Gaultier sogar die Schamkapsel wieder aus. Die schaffte es zwar nicht wirklich bis auf die Straße, sondern blieb auf den Laufsteg ­beschränkt. Die hautengen Beinkleider des Ancien Régime hingegen sind mit Hedi Slimane und den Hipsterhosen, in denen man eines sicher nicht kann, nämlich sitzen, längst wieder zu Erfolg gekommen.

          So angegossen wie die Beinkleider der anciens sitzen sie aber nicht, und keiner kann heute einem jungen Mann sagen, was man noch im 19. Jahrhundert über die Höflinge sagte: dass Adam mit seinem Feigenblatt schamhafter gekleidet gewesen wäre. Denn die Herrenmode des Ancien Régime hatte noch etwas, was zu Zeiten der Bourgeoisie nur mehr die Damen betraf: enormes erotisches Potential.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump steht innenpolitisch unter Druck, weil er die Pandemie anfangs kleingeredet hatte.

          Vorwürfe gegen Trump : Wie man mit Masken Politik macht

          Kauft Washington überall Atemschutzmasken auf und leitet Bestellungen um? Deutsche und französische Politiker behaupten das. Aber ist an den Beschuldigungen etwas dran – oder ist es nur Anti-Trump-Polemik?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.