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In Säften und Smoothies : Wird Koka das neue Superfood?

  • -Aktualisiert am

Kokain wird in einem komplizierten Verfahren aus den Blättern einer kleinen grünen Pflanze gewonnen, die im Amazonasgebiet wächst – dem Kokastrauch. Bild: dpa

Wegen des Kokains hat die Kokapflanze einen schlechten Ruf – dabei soll sie an sich ungefährlich und sogar gesund sein. In Südamerika gibt es bereits Tee oder Gebäck aus Koka. Bald auch bei uns?

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          Als Wolfgang Joop in der „taz“ über mangelnden Umweltschutz schimpfte, sprach er nebenbei indirekt eine Drogenwahrheit aus: „Flüge, die 35 Euro kosten, zeigen doch, dass wir uns verrannt haben. Wirkliches Reisen sowie auch Kaviar und Kokain gab es nur für eine ehemalige High Society.“ Genau, Kokain, einst Lieblingsdroge elitärer Zirkel, leisten sich heute sehr viele: Nie zuvor wurde so viel davon produziert. Allein in Europa werden pro Jahr mit dieser Droge 5,7 Milliarden Euro umgesetzt.

          Kokain wird in einem komplizierten Verfahren aus den Blättern einer kleinen grünen Pflanze gewonnen, die im Amazonasgebiet wächst – dem Kokastrauch. Nur vier Länder können ihn kultivieren: Kolumbien, Peru, Bolivien und Ecuador. Seit den 1980er Jahren versuchen die Vereinigten Staaten, die Pflanze auszurotten, indem sie Militär und Mitarbeiter der Drogenbehörde nach Südamerika entsenden und Kokaplantagen mit Herbiziden und Entlaubungsmitteln aus der Luft besprühen. Viel bringt es nicht: Nach Jahren des Rückgangs hat sich die Anbaufläche in Südamerika zuletzt wieder um 30 Prozent vergrößert.

          „Auf humane und nachhaltige Alternativen konzentrieren“

          Keine andere Pflanze bringt in Ländern wie Kolumbien so schnell so viel Geld wie der Anbau von Koka. Sie wächst äußerst zuverlässig und kann dreimal im Jahr geerntet werden. „Doch entgegen landläufiger Annahmen sind Kokabauern nicht gerade scharf drauf, in illegale Geschäfte verwickelt zu werden“, sagt Janneke Nijmeijer, viele hätten schlicht keine Wahl. Die niederländische Anthropologin hat die Organisation „Fairtrade Cocaine“ ins Leben gerufen, die sich mit der Suche nach konstruktiven Alternativen für den gewaltsamen Krieg gegen Drogen beschäftigt. „Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden kann. Wir sollten uns auf humane und nachhaltige Alternativen konzentrieren, statt viel Geld dafür auszugeben, die schwächsten Glieder der Kette auszuhebeln.“

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          Nijmeijer setzt sich für die Entstigmatisierung der Kokapflanze ein – und fordert die Legalisierung von Produkten wie Kokatee oder Kokamehl. „Die Kokapflanze ist eine gesunde Pflanze, aber im Gegensatz zu Marihuana gibt es kaum wissenschaftliche Erkenntnisse über sie.“ Die letzte belastbare Studie stammt aus dem Jahr 1975 von der Universität Harvard. Der Ethnobotanikprofessor James A. Duke fand heraus, dass Kokablätter nicht nur reich an Proteinen, Eisen, Vitamin A, Ballaststoffen, Riboflavin, Phosphor und Kalorien waren – die Werte lagen sogar höher als bei allen 50 anderen Pflanzen, mit denen sie verglichen wurde. Mit über 2000 Milligramm pro 100 Gramm enthalten Kokablätter mehr Kalzium als die meisten anderen Lebensmittel. Dies erklärt den Ruf, den Koka bei der indigenen Bevölkerung in der Andenregion genießt – als „Pflanze der Unsterblichkeit“, die zur Abwehr degenerativer Krankheiten wie Osteoporose genutzt wird.

          Die Kokapflanze wird seit 3000 Jahren angebaut. Seit Jahrhunderten kauen Bauern in Peru und Bolivien die Kokablätter gegen Ermüdung bei der Feldarbeit oder in Minen, sie gilt als Heilmittel gegen Schlangenbisse, als Schmerzmittel etwa bei Menstruationsbeschwerden und wirksam gegen Arthritis. Der Verzehr von Produkten wie Kokagebäck oder einem Tee führt dem Körper nicht nur Nährstoffe zu, das Alkaloid Kokain regt Körper und Geist an. Historiker mutmaßen gar, Kokablätter hätten einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, dass sich in der Andenregion die ersten hochentwickelten Zivilisationen der Welt entwickelten.

          „Die meisten Kokabauern würden gern Koka für legale Produkte produzieren. Es würde sie vor gewalttätigen Auseinandersetzungen und Stigmata bewahren“, sagt Janneke Nijmeijer. Das schlechte Image der Kokapflanze stammt aus der Kolonialzeit: Die spanischen Eroberer hielten das Kauen von Kokablättern für ein urwüchsiges Ritual von – aus ihrer Sicht – minderwertigen Ureinwohnern. 1961 wurde Koka im „Einheitlichen Übereinkommen der Vereinten Nationen über Suchtstoffe“ aufgenommen, in dem es heißt: „Die Vertragsparteien werden soweit möglich die Rodung aller wild wachsenden Kokastraucharten durchsetzen und alle Kokastrauchbestände vernichten, die illegal angebaut werden.“ Die Entscheidung basierte auf einem recht dünnen Bericht von 1949, demzufolge Koka die Bevölkerung faul mache und in die Armut treibe.

          Mit den Folgen dieser Entscheidung kämpft heute Pedro Arenas. Kaum ein Kolumbianer, heißt es, weiß mehr über Koka als er. Schon als Teenager war er einer der „Raspachíns“, die Kokablätter ernten, er hat Teile des Friedensvertrags mit den Farc-Rebellen ausgearbeitet, heute vertritt er als Direktor der Beobachtungsstelle für illegal erklärte Nutzpflanzen auch die Anliegen von Koka- und Cannabisbauern. „Viele Jugendliche pflücken Koka, weil sie keine andere Perspektive haben.“ Oft sei es die einzige Erwerbsmöglichkeit, und auch vermeintlich abwegige Parameter wie der Goldpreis spielten eine Rolle: „Im Nordwesten Kolumbiens widmeten sich viele Bauern dem illegalen Schürfen von Gold. Als der Goldpreis sank, wandten sie sich dem Anbau von Koka zu.“

          Lange wurden die Plantagen, besonders auf Druck der Vereinigten Staaten, mit Glyphosat besprüht, ehe der ehemalige Präsident Juan Manuel Santos vor wenigen Jahren eine abrupte Wende einleitete und entschied, die Felder nicht mehr mit dem umstrittenen Herbizid zu besprühen. Sein rechtsgerichteter Nachfolger hat schon das Verfassungsgericht angerufen, um den Glyphosat-Einsatz aus der Luft wieder zu erlauben – auch wenn das kaum Ergebnisse bringt. „Wenn man die Plantagen der Bauern zerstört, hat das keinen Einfluss auf den Kokainpreis, weil man den verletzlichsten Teil der Kette trifft“, sagt Nijmeijer. Die Produktion verlagere sich nur: Die Bauern fällen einfach andere Teile des Regenwaldes und bestellen dort neue Felder.

          „Die Kokapflanze per se ist nicht gefährlich“

          „Im Hinblick auf die Entwaldung wäre es vorteilhaft, den Anbau zu kontrollieren und nicht auszumerzen.“ Ein regulierter Anbau könnte dazu führen, der Pflanze ihre historische Bedeutung zurückzugeben, und, laut einer aktuellen Studie der Open Society Foundations, erheblich dazu beitragen, die Gewalt in Kolumbien einzudämmen.

          Für manche ist die Kokapflanze schon das „neue Superfood“. In Ländern wie Bolivien gibt es bereits einen großen Markt für Blätter, Tee und Kokamehl, das als Nahrungsergänzungsmittel in Säfte und Smoothies gerührt wird. Arenas sagt, auch als Düngemittel und sogar zur Herstellung von Textilien sei die Kokapflanze geeignet. „Die Kokapflanze per se ist nicht gefährlich“, sagt Anthropologin Nijmeijer. „Sie hat viele nahrhafte Qualitäten, und ihr Tee schmeckt ausgezeichnet.“

          In Bogotá gibt es bereits Cafés wie die „Koka-Botschaft“ („Embajada de la Coca“), die der Kokapflanze zu altem Recht verhelfen wollen – bio, versteht sich. Im angeschlossenen Laden gibt es nicht nur Kokaprodukte, sondern auch andere „Superfoods“ der Anden, die mittlerweile weltweit Karriere gemacht haben, wie Maca und Quinoa. Eine der Spezialitäten des Hauses ist der Koka-Crêpe, dessen Teig aus Koka- und Quinoamehl hergestellt und anschließend mit frischem Gemüse belegt wird. Das ist nicht nur schmackhaft, sondern auch gesund und reich an Nährstoffen.

          Eine legale Zukunft: Kokatee, wie man ihn heute schon in einigen Ländern Südamerikas kaufen kann.
          Eine legale Zukunft: Kokatee, wie man ihn heute schon in einigen Ländern Südamerikas kaufen kann. : Bild: Coca Nasa

          „Die Mehrheit der Kokapflanzen wird aber immer noch zur Kokainproduktion angebaut“, sagt Pedro Arenas. Die legale Nutzung mache in Kolumbien nur ungefähr zwei Prozent aus. Weiter ist man in Bolivien, wo Präsident Evo Morales die amerikanische Antidrogeneinheit DEA aus dem Land geworfen hat und man die – legale – Kokaproduktion heute von Staats wegen kontrolliert. Gut 150 Euro bekommen die Bauern für einen 23 Kilogramm schweren Sack voller Kokablätter, die dann zu Nahrungsmitteln weiterverarbeitet werden; zehnmal mehr als für Quinoa. Knapp 2000 Säcke werden täglich gewogen.

          Das Credo der Regierung Morales, der selbst einmal Kokabauer war, heißt: „La hoja de Coca no es droga“ – „Das Kokablatt ist keine Droge“. Nach Wunsch des Staatschefs sollen Kokaprodukte wie Tee, Schokolade und Schnaps von Bolivien aus bald schon die ganze Welt erobern. „Die Erschließung eines internationalen Marktes für Kokaprodukte bietet eine konstruktive, humane und nachhaltige Alternative für die derzeitige, auf Zerstörung ausgerichtete Drogenpolitik“, bekräftigt Anthropologin Nijmeijer. Das letzte Mal, dass ein Kokaprodukt weltweit Karriere machte, war im 19. Jahrhundert: Ein französischer Chemiker entwickelte „Vin Mariani“ aus Bordeaux-Wein und Kokablättern. Seine Erfindung war so erfolgreich, dass eine amerikanische Firma ihre eigene, alkoholfreie Version des Getränks auf den Markt brachte. Sie nannte es „Coca-Cola“.

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