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Schloss Lieser an der Mosel : Der Herr des Himmelreichs

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Das Schloss Lieser liegt im gleichnamigen Winzerdorf an der Mittelmosel. Bild: JFilipeWiens

Schloss Lieser war einmal ein großer Name im Weinbau an der Mosel. Dann verkam es zur Ruine. Und dann tauchte in Gestalt von Thomas Haag ein Dornröschenprinz auf. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Wenn ein Weinbauer keinen Wein trinkt, und das auch noch fünf Wochen lang, muss er gute Gründe dafür haben. Der Moselwinzer Thomas Haag rührt einmal im Jahr für mehr als einen Monat keinen Tropfen an: Immer während der Weinlese wird er zum Radikalabstinenzler, weil er sich in dieser Zeit höchste Konzentration abverlangt. Denn es gilt, den richtigen Erntezeitpunkt seiner Reben zu bestimmen – für ihn das alles entscheidende Kriterium seines Weins –, und dabei verlässt er sich auf keine Laborwerte, sondern allein auf Intuition und Erfahrung. „Ich muss die Trauben schmecken, um zu wissen, wann sie gelesen werden können, dafür brauche ich einen klaren Kopf“, sagt Haag, der seine Ernte in bis zu vier Durchgängen einbringt, dabei jeden Stock immer wieder minutiös überprüft und es ausgerechnet der Nüchternheit zu verdanken hat, dass ihm seine berauschenden Gewächse einen Ehrenplatz in der Hocharistokratie der Moselwinzer beschert haben.

          Das war nicht unbedingt zu erwarten, als er 1992 das Weingut Schloss Lieser im gleichnamigen Winzerdorf an der Mittelmosel kaufte. Haag ist zwar studierter Önologe und stammt aus einer angesehenen Dynastie von Moselwinzern – sein Bruder führt den Familienbetrieb Fritz Haag –, doch das Gut war damals eine Ruine, über Jahrzehnte so heruntergekommen wie das Schloss nebenan. In seinen Glanzzeiten gehörten beide zusammen, und die hohen Herren ließen sich nicht lumpen, aus ihrer Kellerei ein hochherrschaftliches Moselschieferensemble zu machen. Als Haag den Besitz kaufte, war das Schloss ein Geisterschloss und im Gut überhaupt nichts mehr gut: Die Dächer waren undicht, die Wingerte marode, die Fuderfässer vermodert. Der Ruf war dahin, der Kundenstamm auch, zu kaufen gab es nur noch Fasswein, und Haag mag sich gefühlt haben wie Herkules im Augiasstall.

          Nichts weniger als feinste Weinbau-Patisserie

          Schritt für Schritt brachte er das Gut voran, Jahrgang für Jahrgang steigerte er die Qualität, Parzelle um Parzelle vergrößerte er seine Flächen, Rückschlag um Rückschlag musste er verkraften. Die sechs Hektar Weinberge, mit denen er begann, waren längst nicht genug für seinen Ehrgeiz, und so fragten er und seine gleichfalls von der Mosel stammende Frau Ute bei jedem Klassentreffen, bei jeder Familienfeier, auf jedem Weinfest alle und jeden nach guten Weinbergen, die zu kaufen oder zu pachten waren. Heute bewirtschaftet Haag 25 Hektar und kann sich rühmen, der einzige Winzer mit Weinbergen in allen acht Grand-Cru-Lagen der Mittelmosel zu sein. Wehlener Sonnenuhr, Piesporter Goldtröpfchen, Graacher Himmelreich, Bernkasteler Doctor, Brauneberger Juffer sind für Moselweinliebhaber Namen wie Donner und Hall – und für Thomas Haag sein täglich Brot.

          Hat das Schloss Lieser wieder aufgebaut: Thomas Haag
          Hat das Schloss Lieser wieder aufgebaut: Thomas Haag : Bild: Markus Bassler

          Angesichts dieser Lagen ist es kein Wunder, dass das Terroir für ihn Alpha und Omega seines Handelns ist. Er nennt sich selbst einen Traditionalisten, der das Rad nicht neu erfinden, sondern den Charakter jeder einzelnen seiner zweihundert Parzellen möglichst unverfälscht in die Flasche bringen wolle. Deswegen werde nur spontan vergoren, Kellertechnik so sparsam wie möglich eingesetzt und fast die gesamte Ernte in Edelstahltanks gesteckt, weil das mehr Präzision und Purismus als Holzfässer erlaube. Und dass ihm mit Ausnahme von ein bisschen Weißburgunder nur Riesling in den Keller kommt, versteht sich für Haag von selbst: „Wer ganz oben mitspielen will, muss Riesling pflanzen“, sagt der Winzer, der mehr als die Hälfte seiner 150.000 Flaschen jährlich exportiert – vor allem nach Amerika, jedenfalls bis ihm Donald Trump mit seinen 25 Prozent Strafzoll in die Quere kam.

          Es ist Thomas Haags großes Privileg, selbst Basisqualitäten aus wahren Weinbergspreziosen keltern zu können. Sein Riesling Kabinettstück ist ein Gutswein aus den besten Steillagen der Mittelmosel und beileibe kein grober Gutsknecht, sondern ein Edelmann mit makellosen Manieren: Der Schiefer ist prägnant, aber nicht herrisch, auch Säure und Mineralität verstehen sich wie Gentlemen, so dass man sich mit diesem Gewächs in glänzender Gesellschaft fühlt. Das Goldstück wiederum, ein Riesling aus den Piesporter Steillagen, macht seinem Namen alle Ehre als fabelhafter Ortswein ohne Manierismen, Allüren oder Überdosierungen, weder an Säure noch an Frucht, ein Qualitätswein, der souverän in sich ruht und deswegen seine Trinker mit keinerlei Komplikationen quält. Und das Heldenstück von Schloss Lieser, gleichfalls ein Ortswein mit reinster Moselseele, ist dank seiner alten Reben hochkonzentriert und kolossal verdichtet, verzichtet dabei aber auf jede Form von Kraftprotzerei, Angeberei oder Triumphalismus.

          Thomas Haag mit seiner Familie
          Thomas Haag mit seiner Familie : Bild: Markus Bassler

          So wie seine Weine ist auch der Winzer, der keine Auftritte mit Aplomb schätzt, das Marketing seiner Tochter Laura überlässt und sich selbst lieber der Königsdisziplin der Moselweine widmet: den restsüßen Rieslingen mit niedrigen Alkoholwerten, großartigen Gewächsen wie dem Graacher Himmelreich Kabinett. Er begnügt sich mit 9,5 Prozent Alkohol, gönnt sich so eine federnde Leichtigkeit und schließt einen verschwörerischen Bund mit der Schwere der Süße, die den Wein aber nicht verklebt, sondern ihm einen feinen, unaufdringlichen Schmelz verleiht. Sogar nur acht Alkoholprozent hat die Riesling Spätlese von der Wehlener Sonnenuhr des Jahrgangs 2018, die nichts weniger als feinste Weinbau-Patisserie ist, wiederum mit einer Süße ohne Last und Plumpheit, die den Wein dicht wie Nektar, aber nicht dick wie Sirup werden lässt und ihm einen prachtvollen Körper bar jeder Korpulenz schenkt.

          Auf die Spitze treibt diesen Drahtseilakt aus minimalem Alkohol und maximaler Aromenkonzentration, aus schwebender Leichtigkeit und tiefgründiger Schwere die Große Lage vom Brauneberger Juffer, ein Zwei-Seelen-Wein par excellence, der in uns das dringende Bedürfnis weckt, einen Toast auf die Abstinenz auszusprechen – allerdings nicht auf unsere eigene.

          Weingut Schloss Lieser – Thomas Haag, Am Markt 1-5, 54470 Lieser, Tel.: 06531/6431, www.weingut-schloss-lieser.de

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