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Kann Rotwein aus der Dose schmecken? Bild: Secco

Aus der Dose : Der kleine Wein für unterwegs

  • -Aktualisiert am

Weinflaschen sind groß, umständlich und irgendwie elitär. Leichtfüßiger erscheinen da Dosen oder Fläschchen mit Abziehverschlüssen. Doch kann man den Inhalt trinken? Eine Geschmacksprobe.

          Weinkenner seien unerträglich, hat Harald Schmidt einmal gesagt. Hinter dieser Vorhaltung steckt das Unbehagen darüber, dass Wein oftmals weniger als Getränk, sondern als Vorwand für elitäres Gehabe herhalten muss. Oftmals in den Hintergrund treten dagegen oft diejenigen, die sich nicht für Jahrgangsunterschiede, Tanninstrukturen und Spontanvergärung interessieren. Die nicht immer einen Korkenzieher und Kapselschneider dabeihaben. Und bei denen eine angebrochene Flasche öfter mal so lange im Kühlschrank rumsteht, bis sie nicht mehr schmeckt. Gibt es auch einen Markt für diejenigen, die es ganz einfach haben möchten?

          Portionsgrößen für Singles und to-go-Produkte gibt es jetzt auch bei Wein. Seltsamerweise kennt der deutsche Weinmarkt schon ewig den Sekt-Piccolo und seit vielen Jahren auch Perlwein in Dosen. Aber für Stillwein in alternativen Behältnissen wurde lange Zeit kein Platz im Markt eingeräumt, von Nischenprodukten wie Minibar-Gebinden einmal abgesehen. Das ändert sich nun: Rosé-, Weiß- und Rotwein lassen sich jetzt auch in kleinen Flaschen mit Ringverschluss und in Getränkedosen kaufen. Kann man das ernstnehmen?

          Die kleinen Flaschen wirken erst einmal nicht wie der ganz große Kulturbruch. Sie fassen natürlich weniger Inhalt und sind anders geformt, aber es lässt sich immer noch von einer Weinflasche sprechen. Warum man auf Metallverschlüsse setzt, die sich durch das Ziehen an einer Lasche öffnen lassen? Vielleicht weil es etwas Lässigeres hat, eine Flasche so aufzureißen, statt einen kleinen Schraubverschluss zu bemühen? Einmal unwiderruflich geöffnet, sollte der Inhalt jedenfalls dann auch getrunken werden.

          Man muss die kleine Flasche erst einmal aufbekommen

          Bei 187,5 Millilitern eine lösbare Aufgabe. Diese bizarr anmutende Menge enthält das formschöne, fast wie eine kleine Karaffe ausschauende Gebinde, das der griechische Hersteller Tsililis für seine „Mostra“ genannten Weine verwendet. Der Inhalt ist ein Tafelwein aus verschiedenen Rebsorten und schmeckt für knapp zwei Euro gerade noch passabel. Der Rosé wirkt mild und bitzelt leicht auf der Zunge, riecht und schmeckt dabei etwas penetrant nach überreifen Erdbeeren. Der Rote hat kein sperriges Tannin und daher etwas Süffiges. Er erinnert an eingelegte dunkle Früchte und riecht etwas parfümiert. Der Alkohol wirkt trotz moderater 12,5 Prozent nicht gerade gut eingebunden. Beide Weine lassen sich sicher beim Picknick zu ein paar Crackern und Käsewürfeln trinken.

          Das Problem dabei: Man muss erst einmal an den Flascheninhalt herankommen. Selbst bei kräftigem Zug an dem Metallring am Ende der Lasche tut sich nichts – außer Schmerzen im gequetschten Finger. Mit einer langen Schere lässt sich der Verschluss schließlich aufhebeln. Darunter versteckt sich zu allem Überfluss noch ein zweiter Verschluss aus Plastik. Convenience sieht anders aus.

          Dass das auch anders geht, zeigt der portugiesische Hersteller Caves do Cedro. Auch dieser setzt auf Tafelwein. Die wesentlich kleinere Lasche lässt sich ohne Komplikationen abziehen. Der weiße Tafelwein zeigt etwas undefinierbare Anklänge an Kern- und Steinobst, ist ziemlich mild und mit elf Prozent Alkohol eher leicht. Damit er etwas frischer schmeckt, hat man ihm gerade so viel Kohlensäure zugesetzt, dass es nicht prickelt. Und prickelnd schmeckt das Ganze auch nicht gerade. Der Rote wirkt erst mal sehr unharmonisch, wird nach Schwenken im Glas dann etwas besser. Etwas kirschige Frucht ist da, aber auch Rumtopf und ein leichtes Brennen am Gaumen. 14,5 Prozent nicht gut eingebundener Alkohol dürften der Grund sein. Diesen Wein wünscht man sich allenfalls in Ausnahmesituationen.

          Selbst ein Chardonnay aus dem Holzfass musste in die Dose umziehen

          Letztlich geht es bei den Laschen-Weinen um kleine Portionsgrößen. Ein Glas muss man schon in Reichweite haben. Denn egal ob groß oder klein – Wein trinkt man nicht direkt aus der Flasche. Bei Dosen sieht das schon anders aus. Im Grunde gluckert der Wein sogar geschmeidiger aus der Aluminiumöffnung als wild aufschäumende Getränke wie Limo oder Bier. Und auch ein leicht schlürfendes Trinken, wie es sich bei Wein empfiehlt, ist hierbei möglich. Auch wenn es zuzugeben schwerfällt: Diese Art des Weintrinkens macht Spaß. Wenn es um das Austreiben des Elitären geht, dann ist die Dose prädestiniert dafür. Das heißt gleichwohl nicht, dass alles perfekt ist. Es mag ja die eigene Schuld sein, wenn die Metalloberfläche unangenehm nach Kühlschrank riecht. Trotzdem lässt sich das beim Trinken nur schwer ignorieren. Eine geruchsneutrale Kühlmöglichkeit oder eine aufwendige Reinigung der Dose muss also her. Oder eben doch ein Glas.

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