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Einfluss der Farbe aufs Essen : „Wer blaue Teller benutzt, isst weniger“

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Wer von blauen Tellern speise, esse langsamer und sei dann auch schneller satt, sagt Farbpsychologe Harald Braem. Bild: Picture-Alliance

Welche Farbe Lebensmittel haben, hat großen Einfluss darauf, wie wir sie wahrnehmen. Die Industrie nutzt gerne aus, dass unsere Sinne sich hier täuschen lassen. Dabei kann man die Macht der Farben auch konstruktiv einsetzen.

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          Winzer Ulrich Allendorf hat zu einer Weinprobe nach Oestrich-Winkel im Rheingau eingeladen. Bei neutralem weißen Licht reicht er seinen Gästen ein Glas Riesling zur Verkostung. Es schmeckt fruchtig, leicht trocken. Wenig später die nächste Runde. Der Wein, der nun aufgefahren wird, zu rotem Raumlicht, erscheint den Experten fruchtiger und süßer als der vorige.

          Immer wieder verändert der Winzer das Licht im Raum, erst in Rot, dann in Grün, dann in Blau und schließlich in Gelb. Der bei grünem Licht servierte Wein kommt den Kennern sauer und unreif vor, der bei blauem Licht kredenzte wässrig. In gelbem Licht schmeckt der Wein harmonisch – perfekt ausbalanciert zwischen süß und sauer.

          Das Bemerkenswerte: Es war immer der gleiche Wein. Den unterschiedlichen Geschmack haben sich die Experten lediglich eingebildet, des verschiedenfarbigen Lichts wegen. Eine Täuschung der Sinne.

          Grüne Äpfel sind saurer als rote. Oder?

          Denn Farben können unseren Geschmackssinn beeinflussen – positiv wie negativ. Das kann für uns nützlich sein, zum Beispiel, wenn wir entscheiden müssen, wie haltbar und hochwertig Lebensmittel sind. „Geschmack ist nicht nur auf den eigentlichen Geschmackssinn begrenzt“, sagt die Psychologin Kathrin Ohla. Wer Schokolade isst, kann zum Beispiel mit dem Geschmackssinn lediglich feststellen, dass diese süß ist.

          Spricht man aber davon, dass sie nach etwas schmeckt, so meint man auch die Textur, das Aroma und wie sich die Schokolade im Mund anhört, erklärt Ohla. So würden alle Sinne dazu beitragen, wie Menschen Speisen und Getränke wahrnehmen. Ohla ist Psychologin am Forschungszentrum Jülich; ihr Fachgebiet ist Wahrnehmungspsychologie, ihr Schwerpunkt das Schmecken. Sie untersucht, wie es von externen Informationen wie beispielsweise Farben und Gerüchen beeinflusst werden kann.

          Bei der Nahrungsaufnahme spielt der Gesichtssinn eine besondere Rolle: „Im Gegensatz zu den anderen Sinnen tritt das Sehen nur vor dem Essen auf. Wenn man auf ein Regal in der Bäckerei zusteuert, dann sieht man zunächst und zieht nur diejenigen Nahrungsmittel in Betracht, die auch gut aussehen. Was für einen selbst gut aussieht, kann individuell verschieden sein.“ Wie beeinflusst das Sehen nun den Geschmack? „Durch Geschmackserwartungen. Wenn ich einen grünen Apfel in die Hand nehme, dann habe ich die Erwartung, dass dieser Apfel säuerlicher schmeckt als ein roter Apfel. Das habe ich gelernt, durch Erklären oder Erleben. Wenn dieser Apfel jetzt aber gar nicht so säuerlich ist wie erwartet, kann mein Gehirn das durchaus korrigieren. Dann lässt das Gehirn den Apfel saurer schmecken, als er eigentlich ist.“ Wenn der Unterschied zwischen der eigenen Erwartung und der Realität nicht zu groß ist, könne man sich so nicht auf die Sinneswahrnehmung verlassen.

          „Individuell gelernt“ würden solche Geschmackserwartungen, sagt Ohla. Sie glaubt nicht, dass es diesbezüglich genetisch verankerte Muster gibt: „Wir haben natürlich eine bestimmte genetische Präferenz für süßen und eine angeborene Aversion gegen bitteren Geschmack; diese bleiben grundsätzlich erhalten, auch wenn wir im Laufe des Lebens lernen, uns anzupassen. Den Zusammenhang zwischen Farbe und Geschmack hingegen erlernen wir. Wir lernen, dass eine süße, reife Banane gelb ist und sie saurer ist, wenn sie grün ist.“

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