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Einfluss der Farbe aufs Essen : „Wer blaue Teller benutzt, isst weniger“

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Rot schmeckt in Amerika nach Zimt

Durch die erlernten Erwartungen assoziiere man bestimmte Farben mit bestimmten Texturen, Aromen und Geschmäckern. Hierbei lassen sich Muster erkennen, so die Wahrnehmungspsychologin: Rot werde allgemein häufig mit Beeren und Süße assoziiert, während ein helles Grün mit säurehaltigen Lebensmitteln wie Limetten in Verbindung gebracht wird. Hier gebe es regionale Unterschiede: „In den Vereinigten Staaten wird die Farbe Rot häufig mit Zimt verbunden, was in Deutschland nicht unbedingt der Fall ist“, sagt Ohla.

Unsere Erwartungen beeinflussen auch, welche Nahrung wir ausprobieren wollen. So kommt es, dass Kinder kunterbunte Lollis lutschen oder in der Eisdiele gerne zu Schlumpf-Eis greifen, während Erwachsene natürliche Farben bevorzugen. „Erwachsene wissen“, so Ohla, „dass knallige Farben so nicht in der Natur auftreten; sie verknüpfen diese Nahrungsmittel also eher mit künstlichen Farbstoffen, auf die sie verzichten möchten.“ Dazu komme, dass mit einem „Schlumpf-Blau“ kein Geschmack assoziiert werde: „Wenn ich rötliches Eis sehe, denke ich, dass es nach Beeren schmecken könnte.“ Bei Kindern seien Geschmackserwartungen hingegen noch nicht ausgeprägt, da sie weniger Erfahrungen gesammelt hätten als Erwachsene.

Sind Reaktionen auf Farben genetisch verankert?

Ein weiterer Grund: die kindliche Neugier. „Kinder sind bei so etwas entdeckungsfreudiger. Ab und an lutschen sie gerne ein knalliges Eis“, sagt Farbpsychologe Harald Braem. Der 74-Jährige war viele Jahre in der Werbebranche tätig, bis er von 1981 bis 2000 den Lehrstuhl für Farbpsychologie an der Fachhochschule Wiesbaden leitete. In den 1970er Jahren war er einer der Ideengeber, als Milka die lila Kuh einführte. Sein Buch „Die Macht der Farben“ wird seit über 30 Jahren aufgelegt und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Er ist sicher: „Farben sind viel mächtiger, als es den Menschen bewusst ist.“ Sie haben starke Wirkungen, „denen sich weltweit keine Kultur entziehen kann“, erklärt Braem. Diese Farbempfindungen seien weitestgehend unabhängig von Religion und Kultur. Lediglich kleine Unterschiede könne man beobachten, beispielsweise, dass in Asien Weiß auf Beerdigungen getragen wird, während in Europa Schwarz dem Dresscode entspricht.

Im Gegensatz zu Kathrin Ohla geht er davon aus, dass unsere Reaktion auf Farben genetisch verankert ist: „Wir haben im Stammhirn uralte Programmdisketten, die in uns verankert sind. Unbewusst reagieren wir immer danach. Diese Programmdisketten sind voll mit Archetypen, also urzeitlichen Vorstellungs- und Verhaltensmustern.“ Durch archetypische Erfahrungen und Prägungen würden wir gelenkt, was sich unter anderem durch Farben zeige. „Das geht von morgens bis abends, ohne dass wir es bemerken“, sagt Braem. Rot ist und war beispielsweise die Farbe des Feuers und des Blutes, für Menschen also sehr gefährlich. Das hat auch heute noch Auswirkungen: „Wenn wir in größerer Menge Rot sehen, löst das Stress und gegebenenfalls sogar Panik aus. Da kann man sich gar nicht gegen wehren“, erklärt der Farbpsychologe.

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