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„Harmonie trotz Haxe“ : Wenn eine Veganerin einen Fleischesser liebt

  • -Aktualisiert am

„Harmonie trotz Haxe“: Benedikt isst Krustenschäufele mit Kloß und Soß, Jasmin vegane Krautwickel gefüllt mit Bio-Paprika-Zucchini-Auberginen-Kartoffeln und Tofu auf Cherry-Tomatenragout mit Bio-Kräuternudeln. Bild: Rainer Wohlfahrt

Veganer meiden Sex mit Fleischessern, hat eine Wissenschaftlerin herausgefunden. Jasmin und Benedikt sind trotzdem ein Paar. Hier erzählen sie, wie das geht.

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          Sonntagabend im Burger-Lokal. Ein Paar an einem Tisch – sie sportlich, groß, blonde Locken, Shirt und kurze Shorts, er schlank, ebenfalls groß, Hemd, schicke Hose, Segelschuhe – beide verstehen sich gut, nur nicht bei der Bestellung: „Einmal Rindfleischburger mit Speck!“ – „Einmal Weizenbratling mit Avocadocreme, bitte!“ Kein einmaliger Ausrutscher, sondern ihr Alltag. Jasmin ist seit Beginn des Jahres Veganerin, Benedikt isst nach wie vor Fleisch. Das ist nicht immer leicht. Wie Antagonisten fühlen sich die beiden Wahl-Nürnberger trotzdem nicht.

          Das war nicht immer so. „Als die Entscheidung fiel, haben wir lange diskutiert“, berichtet Benedikt, „ich war mir nicht sicher, wie das Zusammenleben weiterhin klappen sollte.“ Die neunjährige Beziehung stand plötzlich auf sehr wackeligen Beinen. Benedikt zweifelte, auch heute ist er manchmal noch etwas zögerlich, wenn sich das Gespräch um Jasmins vegane Lebensweise dreht. Jasmin aber steht zu ihrer Entscheidung. Ihr liegt, neben ökologischen Aspekten, das Tierwohl sehr am Herzen. Das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer war nach längeren Überlegungen für die 25-Jährige der letzte Auslöser, vegan zu werden.

          „Friedhof für Tiere“

          Die Umstellung ist groß. Blickt man heute in den Kühlschrank des Paares, findet man dort vor allem frisches Gemüse und Produkte mit dem gelb-grünen Vegan-Logo. Nur die Milch für Benedikts Kaffee ist nicht vegan – und die Sauce vom vergangenen Grillabend. Probleme mit Fleisch in ihrem Kühlschrank hat Jasmin aber nicht, auch zu Grillabenden geht sie weiterhin, vegane Alternativen gibt es genügend. Und wenn sie zu Feiern eingeladen wird, an denen es nur nichtveganes Essen gibt, isst sie einfach schon zu Hause. „Mir macht das nichts aus“, behauptet sie.

          Benedikt dagegen ist zurückhaltender. Man merkt im Gespräch immer wieder, dass er nicht mit allen Umstellungen so gut klarkommt. „Die gemeinsamen Abende, an denen man ohne Nachdenken zusammen isst, fehlen mir schon“, gibt der 29-Jährige zu. Dabei haben sie mittlerweile einige Restaurants in Nürnberg gefunden, in denen nichtvegane und vegane Gerichte auf der Karte stehen – und nicht nur als Beilagen. Auch ein fränkisches Lokal in der Nähe ihrer Wohnung bietet deftige Küche und eine große Auswahl an veganen Gerichten. Das macht es ihnen leichter, gemeinsam essen zu gehen und nicht erst darüber zu diskutieren, wohin sie gehen sollen.

          Nicht alle Menschen sind indes so tolerant wie Benedikt und Jasmin. „Veganer meiden Sex mit Fleischessern“, hat die stellvertretende Leiterin des Zentrums für Studien über Menschen und Tiere an der neuseeländischen Canterbury-Universität, Annie Potts, herausgefunden. Veganer lebten nach dem Motto „Man ist, was man isst“ und würden Fleischesser als „Friedhof für Tiere“ ansehen. Potts entdeckte das Phänomen des „veganen Sex“ während einer Studie, für die sie 157 Vegetarier und Menschen, die nach ethischen Gesichtspunkten einkaufen, interviewte. Eine Veganerin erzählte Potts, sie fände Nichtveganer zwar attraktiv, wolle ihnen aber nicht körperlich nahe kommen und „nicht intim mit jemandem werden, dessen Körper buchstäblich aus den Körpern anderer besteht, die für seine Nahrung sterben mussten“.

          Mehr Veganer in der Großstadt als auf dem Land

          Jasmin und Benedikt teilen diese Ansichten nicht und wünschen sich sogar gemeinsame Kinder. Doch steht das Thema dann plötzlich im Raum, werden sie kurz ruhig und werfen sich fragende Blicke zu, als würden sie zweifeln, ob sie dazu etwas sagen sollen. Die Kinderfrage trifft einen wunden Punkt, das ist offensichtlich. „Mir geht es um die Gesundheit der Kinder. Wenn die Ärzte meinen, es ist zu gefährlich, dann bin ich nicht für eine vegane Erziehung“, so die Meinung von Benedikt. Jasmin schließt noch nicht aus, ihre Kinder später rein pflanzlich zu ernähren. „Wir müssen sehen, was die Ärzte sagen“, versucht sie Benedikts Aussage zu entkräften. „Mir würde es schwerfallen, wenn sich meine Kinder später zum Fleischessen entschließen würden. Aber ich werde ihnen nicht vorschreiben, meine vegane Ernährung zu übernehmen.“Ihre Stirn liegt nun in Falten. Die gemeinsame Zukunft haben sich die beiden vor einem Jahr noch unkomplizierter vorgestellt.

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