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Kulinarische Moden : Kalter Hund gehört nicht in den Küchenkanon

Die Gabel hat sich im Gegensatz zur Sternfrucht durchgesetzt. Was Luther wohl dazu gesagt hätte? Bild: Gisela Goppel

Von den vielen Moden, die die Geschichte unserer Esskultur seit jeher begleiten, setzt sich erstaunlich oft das Gute durch, während das Schlechte vergessen wird. Was bleibt aus Corona-Zeiten? Die Kolumne Geschmackssache.

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          Wir essen als zivilisierte Wesen immer noch mit Messer und Gabel. Das ist ein gutes Zeichen in diesen bewegten Zeiten. Als im siebzehnten Jahrhundert das Esswerkzeug mit Zinken in Mode kam, mit dem man seine Bissen aufspießen und in den Mund befördern konnte, schrieb der Satiriker Johann Michael Moscherosch, Verfasser der „Wunderlichen und Wahrhaftigen Geschichte Philanders von Sittewald“ und ganz Mann: „Ich esse wie ein redlicher bayerischer Schwab, wozu sollen mir denn sonst die Finger?“ Moscherosch befand sich in bester Gesellschaft, denn Luther soll sogar den Allmächtigen in dieser Sache um Beistand gebeten haben. „Gott bewahre mich vor dem Gäbelchen“, rief er aus, weil er Gabeln für Teufelswerk hielt, für Wiedergänger von Luzifers Dreizack, mit denen man Engel und Heilige im Himmel aufspießen konnte.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Es sollte Jahrhunderte dauern, bis die Gabel ihren festen Platz an den deutschen Tafeln fand, obwohl sie in Europa seit dem elften Jahrhundert bekannt war. Ein Doge heiratete damals eine byzantinische Prinzessin, die das überaus praktische Esswerkzeug am venezianischen Hof einführte. Von dort verbreitete es sich erst in Italien, dann in Frankreich, doch erst im neunzehnten Jahrhundert gehörten Gabeln endlich so selbstverständlich zu jedem bürgerlichen Esstisch in Deutschland dazu, wie sie es für uns heute sind, was uns zur Moral der Geschichte führt: Von den vielen Moden, die die Geschichte unserer Esskultur seit jeher begleiten, setzt sich erstaunlich oft das Gute durch, während das Schlechte fast ausnahmslos vergessen wird.

          Nichts außer Hühnchen mit Reis und Bohnen

          Besonders deutlich zeigt sich das bei der ausländischen Gastronomie in Deutschland. Vor einer Generation gingen wir noch selbstverständlich „zum Griechen“ und „zum Jugoslawen“. Heute essen wir statt Tsatsiki und Ćevapčići Sushi und Phô, was kulinarisch zweifelsfrei ein gewaltiger Fortschritt ist. Griechische Restaurants sind inzwischen museales Minderheitenprogramm, während man den Balkangrill samt Zigeunerschnitzel nur noch in fortschrittsresistenten Stadtteilen an der Berliner Peripherie findet und sich dort fühlt, als hüpfte gleich Piroschka aus der Kulisse. Seit hingegen in den fünfziger Jahren die ersten Pizzerien in Deutschland eröffnet wurden, ist die italienische Küche ein fester Pfeiler unserer kulinarischen Kultur, der alle Moden schadlos übersteht und dem keine andere mediterrane Küche das Wasser reichen kann – auch die spanische nicht, und das aus gutem Grund, denn sie besaß bis vor wenigen Jahren noch nicht das Niveau Italiens. Allerdings hat sie mit ihren Tapas der kulinarischen Weltkultur ein kostbares Geschenk gemacht, das sich auch die Deutschen nicht entgehen lassen wollen. Und so gehören regionale Spezialitäten in Tapas-Gestalt schon so lange zu unserem gastronomischen Alltag, dass aus der Mode Permanenz geworden ist.

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