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Weingut Robert Schätzle : Das Leben ist kein Labor

Das Schloss Neuweier südlich von Baden-Baden hat eine lange Weintradition. Auf den historischen Terrassen wachsen heute wieder erlesene Rebsorten. Bild: Weingut Robert Schätzle Baden-Baden

Robert Schätzle war auf dem besten Weg, die Welt transgenetisch zu verändern. Dann besann er sich eines Besseren und macht jetzt in seinem Gut Schloss Neuweier Weine, die kaum zu verbessern sind. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Als Robert Schätzle vom Saulus zum Paulus wurde, war das Wetter sehr gut und seine Laune sehr schlecht. Er stand im Labor eines Schweizer Chemiekonzerns, forschte dort seit anderthalb Jahren für seine Doktorarbeit in Biotechnologie an transgenen Karotten, blickte aus dem Fenster auf blühende Landschaften und wusste mit einem Schlag, dass er, der Sohn einer Kaiserstühler Winzerfamilie, der mit den Schätzen der Natur aufgewachsen und im Respekt vor ihnen erzogen worden war, hier und jetzt das grundsätzlich Falsche tat. Also schwor er seinen Gen-Karotten ab, begann in Bordeaux ein Weinbaustudium, schloss es mit Prädikatsexamen ab, wurde Betriebsleiter eines Weinguts in der Ortenau, beriet als „Flying Winemaker“ viele führende Güter in Deutschland und wusste eines Tages, dass die Zeit gekommen war, seine eigenen Weine vom Anfang bis zum Ende zu machen.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          So ist aus Robert Schätzle zwar kein Apostel, aber immerhin im Jahr des Herrn 2012 ein Schlossherr geworden, was er mit lakonisch bodenständiger Selbstironie zur Kenntnis nimmt. „Wenn ich mich schneide, kommt kein blaues Blut heraus“, sagt der Winzer, der dank glücklicher Umstände aus einer Konkursmasse Schloss Neuweier südlich von Baden-Baden kaufen konnte, damals ein renommiertes, aber längst nicht mehr strahlendes Mitglied des Verbandes deutscher Prädikatsweingüter. Im sechzehnten Jahrhundert wurde das Wasserschloss vom vornehmen Geschlecht der Knebel von Katzenelnbogen errichtet, das schon vor 250 Jahren wusste, welchen Schatz es mit den unmittelbar hinter ihrem Anwesen steil aufragenden Spitzenlagen Schlossberg und Mauerberg hütete – und denen der französische Terroir-Großmeister Claude Bourguignon auch heute noch Grand-Cru-Qualität bescheinigt. Dort ließen die hohen Herren keine Brot-und-Butter-Trauben, sondern ausschließlich feinen Riesling pflanzen, verzichteten zugunsten des Geschmacks auf viel Ertrag und ließen ihre Leibeigenen in Hunderttausenden von Arbeitsstunden die Berge terrassieren, die bis heute so schwindelerregend steil wie die Maya-Pyramiden Yucatáns in den badischen Himmel emporsteigen.

          „Zeyt bringt Rosen“

          In das Portal des Schlossensembles, das auch ein Boutique-Hotel und ein Feinschmeckerrestaurant mit Michelin-Stern umfasst, ist im Jahr 1548 die schöne alte Weisheit „Zeyt bringt Rosen“ gemeißelt worden, eine Mahnung zur Geduld, die allein die schönsten Früchte gedeihen lasse. Dieses Motto hat sich Robert Schätzle zu eigen gemacht, auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht zu diesem rastlosen, von scheinbar unerschöpflicher Energie angetriebenen Berserker passt, der wie ein Mensch gewordenes Perpetuum mobile alles dafür tut, dass seine Weine in Ruhe reifen können. Er investiert aberwitzig viel Zeit und Geld in den Erhalt seiner Terrassen – Schätzles persönliches Trauma ist die Zerstörung vieler jahrhundertealter Terrassenlagen am Kaiserstuhl durch die Flurbereinigung –, lässt ihre sandsteinernen Stützmauern in gemeinsamen Studienprojekten mit der Heidelberger Gartenbauschule instandsetzen und will demnächst Europas führende Spezialisten des Trockenmauerbaus aus Mallorca nach Baden-Baden einfliegen lassen. Er gönnt seinen Weinen so viel Zeit auf der Hefe, wie sie andernorts nur Champagnern zugestanden wird, vergärt ohne Eile fast nur spontan, schwefelt sehr spät, bringt die Gewächse entgegen aller betriebswirtschaftlichen Vernunft oft erst nach zwei, drei Jahren in den Verkauf und wird nicht müde, darüber zu klagen, dass man deutschen Weinen keine Chance zur Reifung gibt und sie nur aus diesem Grund nicht mit der Hocharistokratie aus dem Burgund oder Piemont konkurrieren können.

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