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Weingläser im Test : Neue Gläser braucht das Land

  • -Aktualisiert am

„Wie der tänzelt!“ – Die drei Sieger-Gläser der drei Kategorien Sekt, Rotwein, Weißwein. Bild: Jens Gyarmaty

Welchen Wein trinkt man am besten aus welchem Gefäß? Eine Frage, deren Beantwortung teuer werden konnte. Inzwischen aber gibt es gute Gläser unter zehn Euro. Jetzt ist die Frage nur noch: Welches? Ein Test.

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          Er trinke am liebsten italienischen Wein aus einer Keramiktasse, verkündete neulich ein Tischgenosse auf die Frage nach seinem Lieblingstropfen. Und er meinte es ernst. In der Szenegastronomie ist der Trend zum Understatement längst Programm; im „Alder“ etwa, einem New Yorker Restaurant von Molekular-Koch Wylie Dufresne, wird Wein in billigen Pressglasbechern serviert. Kann das schmecken? Hatten wir nicht mühsam gelernt, dass möglichst jeder Wein sein Spezialglas braucht und das von feinster Qualität sein sollte? Allerdings lässt sich die Radikalwende zum Einfachen auch nachvollziehen, denn Spitzengläser können richtig ins Geld gehen, nicht zuletzt aufgrund der hohen Bruchquote.

          Doch hat sich bei der Glasherstellung einiges getan, inzwischen gibt es ein großes Angebot an anspruchsvollen Gläsern unter zehn Euro. Zeit für einen neuen Gläsertest, um Alternativen zur Keramiktasse zu finden, die möglichst ebenso stabil sein sollten, aber doch weniger rustikal. Dazu sammelten wir zunächst Empfehlungen unter Sommeliers und Weinliebhabern. Schließlich standen fünf Gläserserien mit einer Auswahl an Stielhöhen, Kelchformen und -größen vor uns. In manchen Fällen gab es ein Einheitsglas für alle Weinarten, in anderen wurden unterschiedliche Gläser genannt.

          Aus der Reihe „Grandezza“ des Lausitzer Herstellers Stölzle kam das „Tasting Glas“ als Allrounder (6 Stück unter 40 Euro). Mit 17,5 cm war es das niedrigste Glas; für glasunerfahrene Weintrinker wirkt es deshalb sicher am wenigsten einschüchternd, ist auch auf Partys und beim Spülen stand- und griffstabil und bietet dabei immer noch eine gute Kelchgröße, damit sich die Aromen entfalten können. Aus demselben Haus stammte auch das Glas „Riesling Opulenz“ (30 Euro/6 Stück), mit 450 ml Fassungsvermögen ein großer Kelch, laut Hersteller für monumentale Rieslinge mit Kraft und Komplexität gedacht. In der Weinszene nutzen es jedoch viele (wie in diesem Fall auch wir) als Universal-Verkostungsglas.

          In der Gastronomie sehr beliebt ist die Serie „Vina“ von Schott Zwiesel. Das bayerische Traditionshaus hat mit dem sogenannten „Tritan“-Glas ein Kristallglas entwickelt, das besonders bruchfest und oberflächenglatt sein soll. Uns wurde das Burgunderglas für Weiß- und Schaumwein und das Bordeauxglas für Rotwein ans Testerherz gelegt (6,95 Euro/Stück).

          Ganz neu auf dem Markt ist die Serie „Willsberger Anniversary“ von Spiegelau. Die Stiele der hohen Gläser sind ungewohnt dünn und wirken anfangs sehr zerbrechlich, doch die Hand gewöhnt sich schnell an die schmeichelnde Form und das geringe Gewicht, und mit ein wenig Übung sind dies tatsächlich ziemlich stabile Gläser. Wir testeten die Formen Champagner, Weißwein und Rotwein-Magnum (4 Stück 30 Euro).

          Schließlich widmeten wir uns der ähnlich großformatigen Reihe „Deco“ aus dem Wiener Haus Artner (9,95 Euro/Stück). Wir nutzten für Rotwein das Bordeaux-Glas, das mit einer Höhe von 24,5 cm und einem Fassungsvermögen von 560 ml das größte in unserer Testreihe war, während sich das Chianti-Glas (für Sekt und Weißwein) mittig einreihte. Als Referenz nach unten diente uns ein sehr günstiges Glas eines skandinavischen Möbelhauses (6 Stück 5 Euro). Dessen Form erschien durchaus sinnvoll, wenn auch nicht gerade verführerisch.

          Wir begutachteten die Gläser mit drei deutschen Weinen, die uns vertraut waren, grundsätzlich gut gefielen und sich preislich in einem ähnlichen Rahmen bewegten wie die Gläser. Denn wir wollten nicht nur wissen, wie stark sich die Gläser auf die geschmackliche Wahrnehmung auswirken, sondern auch, ob es sich bei relativ günstigen Weinen überhaupt lohnt, großartig über dieses Thema nachzudenken. Sekt war mit dem 2007er Pinot Brut vertreten, flaschenvergoren, handgerüttelt und ausgesprochen gelungen, aus Weiß- und Spätburgunder vom biodynamischen Weingut Gysler in Weinheim bei Alzey/Rheinhessen (10,90 Euro). Mit dem 2012er „Varidor“ kam ein saftiger, eleganter trockener Riesling vom Weingut Carl Loewen in Leiwen/Mosel (7,20 Euro) in die Gläser. Der stoffige, herbe Rotwein-Repräsentant stammte vom Weingut Hensel in Bad Dürkheim/Pfalz mit dem 2010er „Aufwind“, einer Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Saint Laurent (9,90 Euro).

          Fachmännischer Mitverkoster war der vieldekorierte Sommelier Gerhard Retter; der gebürtige Steirer, im elterlichen Wirtshaus aufgewachsen, hat den Service von der Pike auf gelernt, mit illustren Stationen wie etwa Witzigmanns „Aubergine“. Er betreibt das Hotel-Restaurant „Zur Fischerklause“ am Lütjensee in der Nähe von Hamburg und die „Cordobar“ in Berlin-Mitte. Dort fand auch unsere Glasverkostung statt, mit Unterstützung von „Cordobar“-Hauptwirt Willi Schlögl.

          Um es gleich vorwegzunehmen: Wir sind im Nachhinein sehr froh, gegen die Pressglasbecher in New York erfolgreich protestiert zu haben. Denn das Billigglas in unserem Test verunstaltete alle drei Weine. „Bestenfalls als Trinkgefäß zu bezeichnen“, so Retter, „aber eigentlich ein Liebestöter, der Sekt könnte daraus auch billiger Soave sein.“

          Ebenso einheitlich, aber im positiven Sinn, waren die Eindrücke beim „Grandezza“-Glas: Der Sekt wirkte elegant, der Riesling sehr geradlinig, der Rotwein vielleicht ein wenig schlank, aber insgesamt eine „nahezu neutrale Bühne“ und durch seine Robustheit ein „Westentaschenglas für jede Probe“, so das Profi-Urteil. Weniger überzeugend stellte sich das „Riesling Opulenz“-Glas dar. Beim Sekt ließ es die Kohlensäure in seiner Weite nahezu verschwinden, und der Mosel-Riesling erschien breit und reif wie aus einem problematisch-reifen rheinhessischen Jahrgang; eine ziemliche extreme Verzerrung. Selbst der Pfälzer Rote wirkte hier verloren. Fazit: Tatsächlich wohl eher ein Glas für sehr konzentrierte Riesling-Kraftbolzen von GG-Format statt ein Allrounder.

          Das „Vina“-Burgunderglas hingegen erwies sich als sehr guter Tipp. Der Sekt drehte sich auch hier etwas ins Weiche, was aber nicht entstellend wirkte und säureempfindlichen Weintrinkern entgegenkommen könnte. Beim Riesling lief es dann zu großer Form auf: „Das ist wie in der Philharmonie sitzen“, begeisterte sich Retter. „Man hört jeden Ton, aber auch das Zusammenspiel!“ Das „Vina“-Bordeauxglas funktionierte auch gut, es ließ den Rotwein zugänglicher wirken und machte damit das Dekantieren des recht jungen Weins überflüssig.

          Einen ähnlichen Effekt auf die Weine hatten dann die Artner „Deco“-Gläser: Aus dem Chianti-Format schmeckte der Sekt weiniger, aber trotzdem noch frisch, der Riesling drehte tendenziell ins Burgundische, blieb sich aber treu. Der große Bordeaux-Kelch zeigte dann die Grenzen des ansonsten für diese Preisklasse sehr guten Rotweins: Die Tannine schmeckten etwas rustikal und kantig; „das erinnert jetzt an Madiran“, meinte Retter.

          Interessanterweise brachte Willsbergers ähnlich geformtes, aber etwas kleineres Rotweinglas eine ganz andere Seite des Weins zum Vorschein - und demonstrierte damit eindrücklich, wie entscheidend die Wahl des Glases ist. Hier stieg uns viel rote, elegante Frucht in die Nase, der Wein wirkte charmant und ansprechend, erinnerte beinahe an einen Burgunder. „Vorspiegelung falscher Tatsachen?“, fragte sich Retter denn auch. Spaß machte das aber auf alle Fälle.

          Keinerlei Fragezeichen gab es beim Riesling im Willsberger-Glas. Der schmeckte daraus ganz anders als aus allen anderen Gläsern, war feinduftig, zart und elegant und ließ gleichzeitig Größe erkennen. „Wie der tänzelt“, staunte Retter (der in Restaurant und Bar übrigens auf andere Marken zurückgreift) und nahm gleich noch einen Schluck. „Das ließe sich sicher auch als manipuliert bezeichnen, doch wen stört’s.“ Ähnlich verführerische Wirkung zeigte der Sekt in dem entsprechenden Glas dieser Serie. Der zitrus-heferöstige Duft wirkte souverän, Frische und Süffigkeit kamen hervorragend zur Geltung, die Kohlensäure wirkte angenehm gebündelt, und der Geschmack neigte in die herbe Richtung, was wiederum für Eleganz sorgte.

          Einziger Kritikpunkt von Profi-Seite: „Ein bisschen unhandlich.“ Also doch die Keramiktasse? Auf keinen Fall. Nichts gegen Understatement in Zeiten von Austerity und Sparprogrammen, aber grundsätzlich trinken wir unseren Wein viel lieber aus solchen Gläsern, vor allem zu diesem Preis.

          Retters Hitlisten

          Für den Sekt:

          1. Spiegelau „Willsberger Anniversary“ Champagner
          2. Artner „Deco“ Chianti
          3. Stölzle „Grandezza Tasting“

          Für den Weißwein:

          1. Schott-Zwiesel „Vina“ Burgunder
          2. Spiegelau „Willsberger Anniversary“ Weißwein
          3. Stölzle „Grandezza“ Tasting

          Für den Rotwein:

          1. Spiegelau „Willsberger Anniversary“ Rotwein Magnum
          2. Artner „Deco“ Bordeaux
          3. Stölzle „Grandezza Tasting“

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