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Geschmackssache : Gibt es am Bodensee den besten Wein der Welt?

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Ein Familienunternehmen (von links): Kristin, Thomas, Viola und Johannes Kress Bild: Weingut Kress

Die Familie Kress aus Überlingen am Bodensee zählt nicht zur Hocharistokratie des deutschen Weinbaus – oder noch nicht. Denn sie keltern angeblich nichts weniger als den besten Wein der Welt.

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          Nicht nur die Götter, auch die Menschen lieben das apodiktische Urteil. Dem schönen Jüngling Paris war es aufgegeben, die schönste aller Göttinnen zu benennen, und seine Wahl fiel weder auf Hera noch auf Athene, sondern auf Aphrodite, weil sie, die Listigste der dreien, Paris die schönste Frau auf Erden als Lohn versprochen hatte, was bekanntermaßen zum Raub der Helena und zum Trojanischen Krieg führte.

          Das Urteil über den besten Wein der Welt hat bisher glücklicherweise noch keine kriegerischen Auseinandersetzungen nach sich gezogen, obwohl das vor hundert Jahren, in den Zeiten der deutsch-französischen Erbfeindschaft, wahrscheinlich noch ganz anders gewesen wäre. Doch beim diesjährigen Concours International de Lyon, der inoffiziellen Weinweltmeisterschaft, wurde gefeiert statt gefeuert, als keiner der großen Burgunder, keines der legendären Châteaux aus Bordeaux, sondern der Chardonnay eines nicht gerade weltberühmten Weinguts aus Überlingen am Bodensee den stolzen Franzosen die Titelkrone so frech vor der Nase wegschnappte wie einst Paris die schöne Helena dem König der Spartaner.

          Aphrodite im Glas, Helena im Sinn
          Aphrodite im Glas, Helena im Sinn : Bild: Oliver Sebel

          Noch immer sitzen Kristin und Thomas Kress, ihre Kinder Viola und Johannes und Kellermeister Volker Blum ein wenig ungläubig vor ihrem Weltmeisterwein und können nicht so recht glauben, wie ihnen geschehen ist. Ihr Gut gehört weder zu den Granden des deutschen Weinbaus, ist noch nicht einmal Mitglied im Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter und liegt auch nicht in einer berühmten Rebenregion mit jahrhundertelanger Tradition, sondern in einer versprengten Exklave des drittgrößten deutschen Weinbaugebiets. Kaum mehr als sechshundert Hektar stehen am nordöstlichen Bodenseeufer bei Überlingen und Meersburg unter Reben, die offiziell zum sechzehntausend Hektar großen Weinland Baden gehören. Etwas mehr als dreißig Hektar davon bewirtschaftet die Familie Kress, den kleineren Teil in ihrem Stammgut in Hagnau, den größeren in ihrem erst vor vier Jahren gekauften Hauptgut am Rande von Überlingen. Das reicht für 250.000 Flaschen pro Jahr, das meiste davon weiße Burgundersorten und Müller-Thurgau, während Riesling, Kerner, Traminer, Spätburgunder und Sauvignon Blanc nur Nebenrollen spielen dürfen. Und so gut wie gar keine Rolle spielt der Export: Die Hälfte des Weins wird direkt ab Hof verkauft, fast alles andere nimmt die Gastronomie rund um den See ab, so dass nur ein kleiner Teil des Kress-Weines überhaupt den Weg in die weitere Welt findet.

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