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Haute Cuisine an der Mosel : Das Unschuldslamm vom Ungerechtigkeitsberg

Handwerklich makellose Miniaturen: Alexander Oos geht keine Geschmacksrisiken ein. Bild: Wein & Tafelhaus

Keine Experimente heißt noch lange nicht keinen Spaß. Das beweist Alexander Oos meisterhaft in seinem „Wein- und Tafelhaus“ in Trittenheim an der Mittelmosel.

          Wir blicken auf die Ungerechtigkeit der Welt, genießen sie in vollen Zügen und fühlen uns großartig dabei. Vor unseren Augen ragen die Steillagen der Trittenheimer Apotheke in den Himmel, in unserem Glas schimmert goldgelb eine Riesling-Spätlese von diesem legendären Mosel-Weinberg mit seinen kostbaren Devon-Schieferböden, und in unserem Rücken liegt unsichtbar das Trittenheimer Altärchen mit seinem flachen, sandigen Schwemmland, auf dem längst nicht so gute Weine wachsen wie in der Apotheke.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ihr Name ist vermutlich eine volkstümliche Verballhornung des Begriffes „abteilich“, und ihre Gewächse waren jahrhundertelang den Äbten der Klöster an der Mosel und anderen hohen Herrschaften vorbehalten, während das gemeine Volk mit den minderen Qualitäten aus dem Altärchen vorliebnehmen musste. Heute ist es zum Glück jedem Weintrinker und jedem Feinschmecker freigestellt, die Ungerechtigkeit der Welt eigenhändig aus der Welt zu schaffen. Dazu muss man sich nur im Trittenheimer „Wein- und Tafelhaus“ einen Tisch reservieren, und schon kann man mit freiem Blick auf die Großen Gewächse in Glas und Apotheke die Freuden des hochherrschaftlichen Hochgenusses erleben.

          Zum Michelin-Stern wie die Jungfrau zum Kinde

          Das „Wein- und Tafelhaus“ der Familie Oos ist viele Jahre lang das einzige Restaurant am Mosel-Ufer mit einem Michelin-Stern gewesen, eine Ungeheuerlichkeit angesichts der Pracht und Schönheit dieser Kulturlandschaft, die seit zweitausend Jahren von Wein getränkt und trotzdem noch immer vielerorts eine kulinarische Diaspora ist. Zu ihrem Stern kamen Alexander und Daniela Oos allerdings wie die Jungfrau zum Kinde. Der Chef des Hauses stammt aus dem Saarland, machte eine Kochlehre in einem soliden, nicht sonderlich ambitionierten Haus, ging dann nach Tirol, lernte dort seine Frau kennen, ist ihr seither kaum einen Tag von der Seite gewichen, verbrachte vier Jahre mit ihr auf einem Hausboot in Alaska und kehrte 1996 nach Deutschland zurück, um in Traben-Trarbach ein Restaurant mit gutbürgerlicher Küche zu eröffnen. Fünf Jahre später zog die Familie nach Trittenheim in ein altes Winzerhaus direkt am Moselufer und stellte sich – er in der Küche, sie im Service – auf ein entspanntes Leben so ruhig wie der Fluss vor ihrer Nase ein. Doch irgendetwas ging dann schief.

          Alexander Oos begann immer besser zu kochen, obwohl er nie in einem Feinschmeckerlokal gearbeitet hat und seine einzige Kenntnis der Haute Cuisine von regelmäßigen Besuchen in Sterne-Häusern stammt. 2004 bekam er selbst einen Stern und wurde damit über Nacht zum Standartenträger der Hochküche an der Mosel, was Alexander Oos dank seiner saarländischen Tiefenentspannung indes bis heute nicht im Geringsten aus der Ruhe bringt. Statt sich verrückt machen zu lassen, macht er sich das Leben lieber leicht und schön und serviert als Amuse-Bouches ein Spargelsüppchen mit steirischem Kürbiskernöl, eine Kohlrabi-Creme mit Bronzefenchel und Saiblingskaviar im Kohlrabiröllchen und „Mosel-Sushi“ aus Lachs, Sauerkraut und Spinat – drei handwerklich makellose Miniaturen, die weder mit kühnem Avantgardismus Verwirrung stiften noch durch alchimistische Experimentierlust verstören.

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