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Italienischer Rotwein : Gute Neuigkeiten für die Toskana-Fraktion

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Verklärtes Paradies: Hügellandschaft in der Toskana. Die Deutschen sehnen sich schon mindestens seit Goethe nach dem Süden. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Spitzenweine aus der italienischen Sehnsuchtsregion der neunziger Jahre sind in Vergessenheit geraten. Oft zu Unrecht, findet der FAZ.NET-Wein-Experte.

          Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre waren die toskanischen Rotweine in ihrem Ruf in Deutschland kaum zu übertreffen. Es mag manchem schwerfallen, sich das heute vorzustellen, aber der innere Kern der Weinkenner in Deutschland und den Vereinigten Staaten verehrte die toskanischen Spitzenweine förmlich.

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          In beiden wichtigen Exportmärkten gab es außerdem einen großen Dunstkreis von Halbkennern (Stichwort Toskana-Fraktion) und Millionen von normalen Konsumenten, die diese Toskana-Mode mit trugen. So gut wie jeder schien die berühmten Hügel des Gebiets mit einem Paradies gleichzusetzen, wo die Menschen im Einklang mit der unbeherrschten Natur lebten und die Zukunft in friedlicher Harmonie mit der Vergangenheit stand – was im eigenen Land undenkbar war.

          Toskanische Weine gelten heute als uncool

          Die alte deutsche Sehnsucht nach dem Süden, die mindestens bis auf Goethe zurückgeht, spielte dabei eine nicht zu übersehende Rolle. Vielleicht erklärt das auch, warum dieser Trend schließlich in Fertighäusern in angeblich toskanischem Stil auf der deutschen grünen Wiese gipfelte. Solche absurden Träume können nur platzen, und der langsame Abstieg war bereits deutlich spürbar, als Dagmar Ehrlich 1997 im „Feinschmecker“ folgende vernichtende Worte schrieb: „Nach den erheblichen Qualitätssteigerungen der letzten zehn Jahre scheinen sich Italiens Winzer auf ihren Lorbeeren auszuruhen.“ Diese Stimmung sollte sich langsam, aber stetig in nahezu ganz Deutschland ausbreiten, mit Bayern als Ausnahme wegen der geographischen Nähe zu Norditalien.

          Trauben auf dem Weingut San Filippo in Montalcino in der Toskana

          Die wiederholten Preiserhöhungen verliehen dieser Entwicklung nur noch mehr Antrieb. Ähnlich wie bei den roten Bordeaux-Gewächsen erscheinen Chianti Classico aus dem Kerngebiet der Toskana und „Super-Tuscans“, recht neue toskanische Wein-Kreationen, in denen die Bordeaux-Trauben Cabernet Sauvignon und/oder Merlot eine Rolle spielen, heute vielen Weintrinkern als ewiggestrig. Kaum eine Wein-Kategorie gilt heute in der deutschen Szene als weniger cool als die der toskanischen Rotweine.

          Weine sind erfolgreich und kostspielig

          Es stellt sich natürlich die Frage, ob diese Einstellung der wahren Qualität der aktuellen Weine entspricht oder ob viele junge Sommeliers und Fachleute inzwischen Scheuklappen tragen und nicht mehr in der Lage sind, die Wahrheit im toskanischen Wein zu erkennen. Qualität ist zweifelsohne ein elastischer Begriff, aber wer Sauberkeit und Harmonie, reife Fruchtaromen und keine übertriebenen Eichentöne durch die Reifung des Weins im neuen Holzfass sucht, wird bei vielen beeindruckenden toskanischen Gewächsen fündig.

          Billig sind diese Weine allerdings nicht, weil sie sehr erfolgreich im eigenen Land sind und neue Märkte erschlossen haben, vor allem in Fernost. So ist etwa der 2013er „Saffredi“ von Le Pupille ein großartiger Super-Tuscan mit herrlichem schwarzen Johannisbeerduft mit viel Tiefe und Gerbstoff und lebendigem Finale – für rund 60 Euro. Bereits deutlich weicher und geschliffener, also auch heute Abend bestens trinkbar, ist der feine 2011er „Il Blu“ von Brancaia, ein Super-Tuscan, der für unter 50 Euro zu bekommen ist. Wenn Chianti-Classico- Rotweine gut sind, ist ihr Geschmack von der gerbstoffreichen und recht säurebetonten Sangiovese-Traube geprägt. Der 2011er „Il Poggio“ von Castello di Monsanto, in derselben Preisklasse wie der Il Blu, ist ein großartiger Chianti Classico mit feiner Lakritz-Note und hocheleganter, betont herber Art.

          Sorten verdienen mehr Anerkennung in Deutschland

          Das schmeckt nicht unbedingt jedem und wird einigen auch zu teuer sein. Wer authentischen hochwertigen Chianti Classico kennenlernen möchte, ohne ganz so viel zu investieren, sollte sich den 2011er „San Lorenzo“ von Castello di Ama besorgen. Wenn man keine Angst vor Säure im Rotwein hat, bietet sich für deutlich unter 20 Euro der 2014er „Ama“ aus dem gleichen Haus an.

          Der Duft nach getrockneten Preiselbeeren und Wildkräutern sowie der schlanke Körper mit knackiger Frische vermitteln den Eindruck von Bergfrische, was zu den hochgelegenen Weinbergen von Castello di Ama passt. So schmecken die Spitzen der Toskana der Gegenwart, und sie verdienen eine weitaus größere Anerkennung, als sie momentan in Deutschland erfahren, wenn auch vielleicht nicht die Idealisierung früherer Jahrzehnte.

          Die Altstadt von Montalcino in der Toskana. Montalcino ist das Anbaugebiet des Brunello di Montalcino, einer der international bekanntesten Rotweine Italiens.

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