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Britischer Schaumwein : Die englische Weinrevolution

Das Weingut Ridgeview profitiert von der Wärme des Golfstroms. Bild: ANDREW TESTA/The New York Times/

Alle Welt kennt Sekt, Cava und Champagner. Aber was ist „English Sparkling“? Mardi und Simon Roberts vom Weingut Ridgeview in der Grafschaft Sussex klären auf.

          Der Weinbau steckt in England noch in den Kinderschuhen, auch wenn die Branche in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erlebt hat. Warum spielt Schaumwein dabei eine so große Rolle?

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Simon Roberts: Ich denke, das hat mit der Geschichte des englischen Weinbaus zu tun, der seine modernen Anfänge in den Sechzigern und Siebzigern hat. Viele unserer Pioniere haben ihr Wissen und auch eine Reihe von Rebsorten aus Deutschland mitgebracht. Darum sind bei englischen Winzern auch heute noch Müller-Thurgau, Bacchus, Reichensteiner und Regent so verbreitet. Mein Vater ist 1994, als er Ridgeview gründen und die ersten Reben pflanzen wollte, einen anderen Weg gegangen: Wir sind hier in Sussex nur 140 Kilometer von der Champagne entfernt, haben die gleichen kalkigen Böden und inzwischen ein ähnliches Klima. Was liegt da näher, als hier Weine im Stile der Champagne zu machen?

          Mardi Roberts: Man sollte immer die Weine machen, die am besten zu dem Land und der Umwelt passen, in denen sie produziert werden. Und zum kühlen englischen Klima passen nun einmal Schaumweine am besten. Bei uns in Australien kommen die besten Sparklings aus Tasmanien, weil das Klima dort ebenfalls deutlich kühler ist.

          Australien?

          Mardi: Ja, Simon und ich haben uns in Australien kennengelernt, als er dort in einer Kellerei gearbeitet hat. Aber es war sein Vater Mike, der vor der Gründung von Ridgeview in die wichtigsten Schaumweingebiete auf der Welt gereist ist, um sich kundig zu machen. Und wenn er den Leuten die klimatischen Daten der South Downs hier in Sussex vorgelegt hat, dann waren immer alle neidisch, wie gut unsere Voraussetzungen für Sparkling sind. Wir haben hier im Süden Englands auf der einen Seite durch den Golfstrom eine gewisse Wärme, auf der anderen aber auch kühle Nächte, die für eine große natürliche Säure in den Trauben sorgen – und das ist ideal für Schaumweine.

          Simon: Ich habe hier unseren Cavendish. Probieren Sie mal! Es ist unsere klassische Cuvée: Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay zu gleichen Teilen. Das ist gewissermaßen unsere englische Interpretation eines Champagners.

          Hm, in der Nase hat man sofort Noten roter Früchte.

          Simon: Ja, das sind die beiden Pinots, die dem Wein auch einen schönen Körper, Komplexität und Länge geben, während der Chardonnay vor allem Frische und Eleganz beisteuert.

          Mardi Roberts vom Weingut Ridgeview in Südengland

          Mardi: Das ist ein idealer Sparkling zum Essen, der mit seinem Charakter perfekt zu allen Arten von Meeresfrüchten passt. Wir verkaufen ihn vor allem an die Gastronomie.

          Simon: Je größer die Rolle ist, die Pinot in einer Cuvée spielt, desto besser passt der Sparkling am Ende zum Essen – eine Kombination, die hier in England für viele Leute noch neu ist. Da gibt es noch viel zu tun für uns und die Sommeliers in den Restaurants.

          Ich habe hier einen Champagner mitgebracht, den Réserve Brut von Bruno Roulot, einem kleinen Hersteller aus LaChapelle-Monthodon. Wollen wir mal vergleichen?

          Simon Roberts vom Weingut Ridgeview in Südengland

          Simon: Unbedingt. Oh, ein toller Champagner, ehrlich. Großartige Nase, sehr typisch mit seinen deutlichen Hefe-, Brioche- und Toast-Noten. Aber das ist nicht unbedingt unser Ridgeview-Stil. Wir legen mehr Wert auf Frische und Fruchtigkeit, machen aber mit unserem Knightsbridge auch einen Sparkling, der diesem Champagner mit seiner Reife und Komplexität deutlich näher kommt als der Cavendish.

          Ist English Sparkling grundsätzlich fruchtorientierter als Champagner?

          Simon: Ja, das liegt auf der einen Seite daran, dass die meisten englischen Produzenten noch keine großen, reifen Sparklings anbieten können, weil sie erst seit ein paar Jahren im Geschäft sind. Auf der anderen Seite wollen wir als Engländer aber auch nicht einfach Champagner imitieren, sondern einen eigenen, wiedererkennbaren Stil entwickeln.

          Mardi: Wissen Sie, wir wehren uns ja nicht dagegen, mit Champagner verglichen oder vielleicht sogar verwechselt zu werden. Aber wir wollen in gewisser Weise auch auf Augenhöhe wahrgenommen werden.

          Simon, Ihr Vater war kein Winzer, als er Ridgeview gründete.

          Simon: O nein, ganz und gar nicht. Er hatte eine Computer-Firma und hat sie verkauft, um etwas ganz anderes zu machen. Aber das ist typisch für die Weinszene hier. Die meisten englischen Winzer kommen aus anderen Branchen: Werbung, Software, Finanzen oder so etwas. Wir haben hier nicht die Tradition wie in Frankreich, Italien oder Deutschland. Wir sind eine sehr, sehr junge Branche.

          Kann man sagen, dass England gerade eine Weinrevolution erlebt?

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