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Der Aufstieg der Sober Bars : Nüchternes Nachtleben

  • -Aktualisiert am

Alkoholfreies Cocktail-Trio im irischen „Virgin Mary“ Bild: PR/Angus Bremner

Hundert Jahre nach Einführung der Prohibition eröffnen vor allem im angloamerikanischen Raum immer mehr Lokale, die freiwillig auf Alkoholausschank verzichten. Warum „Sober Bars“ unter Millenials boomen.

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          Eine alkoholfreie Bar, ausgerechnet in Irlands Hauptstadt Dublin, wo der Trinktourismus einen nicht unbeträchtlichen Stellenwert hat? Da liegt eine Prise Rechtfertigung nahe. „Yes, really“ notiert die Bar „The Virgin Mary“ daher da und dort augenzwinkernd als Untertitel zu ihrem Standort Dublin. Als diese so genannte „Sober Bar“ (wörtlich etwa „nüchterne Bar“) 2019 eröffnete, war das Medienecho auch im Ausland groß. Dass die meisten Bars das Angebot an anspruchsvollen alkoholfreien Cocktails ausbauen, hat man vielleicht schon bemerkt, aber eine Bar mit Abendöffnungszeiten, die überhaupt keinen Alkohol serviert?

          Vom Begriff „Mocktails“, der an kitschig dekorierte Kokosmilch-Orangensaft-Drinks denken lässt, hält die Barmanagerin von „The Virgin Mary“, Anna Walsh, übrigens gar nichts. Walsh war 2015 – als einzige Frau – in die Endrunde der Diageo World Class eingezogen, des vielleicht härtesten Barwettbewerbs der Welt. Eine solch ehrgeizige Mixologin für eine Sober Bar zu engagieren zeigt, dass es den Betreibern der „The Virgin Mary“ in Sachen Qualität wirklich ernst ist. Der Anspruch: vielschichtige, exakt gemixte alkoholfreie Drinks. Der Tomatensaft für den Klassiker Virgin Mary, der dieser Bar ihren Namen gab, wird täglich frisch gepresst. Wichtige Basis von Anna Walshs Drinks sind, wie auch in vielen anderen „No-Booze Bars“ oder eben Sober Bars, alkoholfreie Spirituosen. Marken wie Seedlip, Gin-esque, Caleño oder das deutsche Label Siegfried Wonderleaf legen derzeit mit Gin- und anderen „Tastealikes“ (Getränken, die wie der Originalalkohol schmecken sollen) eine steile Karriere hin. In der „The Virgin Mary“ wird nun etwa Seedlip Spice mit Hafermilch, dunkler Schokolade, Datteln, Tahini und Rose gemixt, Caleño kommt in Kombination mit Kamillenauszug, Mandarinensaft, Kardamom und alkoholfreiem Sekt ins Glas.

          Der Tomatensagt für die „Virgin Mary“ wird frisch gepresst.

          Hafermilch statt Kuhmilch, Datteln statt Zuckersirup – damit ist „The Virgin Mary“ nicht alleine: Die meisten Sober Bars arbeiten nämlich nicht nur alkoholfrei, sondern so weit wie möglich oder überhaupt zur Gänze vegan, außerdem gluten-, lactose- und gern auch zuckerfrei sowie „raw“, also mit Zutaten, die nicht über 42 Grad erhitzt wurden. Zwar hat so manche Sober Bar, vor allem in den Vereinigten Staaten, ihre Wurzeln als sozialer Treffpunkt für trockene Alkoholiker („The Other Side“ in Illinois ist dafür ein Beispiel – Slogan: „Safe and sober“). Eine wichtige Zielgruppe für schicke Sober Bars in London oder New York sind aber Millenials, die weniger aus Gründen des Autofahrens oder aus Religiosität keinen Alkohol trinken, sondern für die körperliches Wohlbefinden und Figurbewusstsein im Vordergrund stehen – und nicht zuletzt ein guter Eindruck in den sozialen Medien. So jedenfalls die Analyse der österreichischen Food-Trend-Kuratorinnen Nina Mohimi und Dani Terbu, die den Trend Sober Bars schon seit Jahren beobachten, darin viel Potential sehen und unter anderem großes Interesse an Sober Cocktail Masterclasses verzeichnen. Die jungen und oft weiblichen Sober-Bar-Besucher möchten also Fotos aus dem schicken Nachtleben posten und Cocktail-Selfies auf Instagram stellen – aber ohne hässliche Begleiterscheinungen wie gerötete Augen und Schweißfilm.

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