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Im „Eisvogel“ liegt Koch Obendorfer gutes Einvernehmen und harmonisches Miteinander auf den Teller. Bild: Landhotel Birkenhof

Restaurant „Eisvogel“ : Weltküche aus Wackersdorf

Es ist nie zu spät für den Ruhm: Der Oberpfälzer Hubert Obendorfer hat gerade mit Mitte fünfzig für sein Restaurant „Eisvogel“ den zweiten Michelin-Stern bekommen. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Wäre es nach Franz Josef Strauß gegangen, säßen wir jetzt nicht hier und äßen Langostino aus Färöer, Taube aus der Bresse und Zander aus dem Schwarzachtal. Dann gäbe es hier gar nichts, und dort drüben, wo inmitten des Oberpfälzer Seenlandes die Fabrikschornsteine von BMW und Caterpillar friedlich schmauchen, stünde die atomare Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Kaum gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik sei sie, schwadronierte Strauß, was Hunderttausende Menschen ganz anders sahen und den heftigsten Proteststurm in der bundesrepublikanischen Geschichte entfachten. Nach langem zähen Kampf konnten sie die Atomanlage verhindern und machten damit den Weg für Hubert Obendorfer frei, der nun endlich seinen Lebenstraum verwirklichen konnte: Er baute sich auf einem Hügel oberhalb seines Heimatweilers Hofenstetten ein Wellness- und Genusshotel, das inzwischen hundertsechzig Zimmer, vier Sterne, ein hochdekoriertes Feinschmeckerrestaurant und zumindest im Geiste eine Gedenkplakette für die tapferen Demonstranten von Wackersdorf hat.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wenn Obendorfer in sein Herz blickt, sieht er dort allerdings keinen Hotelier, sondern einen Koch. Er hat beide Berufe gelernt, viele Jahre lang in guten Häusern gearbeitet und in seinem 1997 eröffneten Hotel auch ein Gourmetlokal namens „Eisvogel“ fest eingeplant. Doch die Anfangsjahre waren so kräftezehrend, dass er erst 2007 die Muße fand, sich ernsthaft um sein Herzensvögelchen zu kümmern – und prompt mit einem Michelin-Stern belohnt wurde, dem vor drei Tagen ein zweiter gefolgt ist. Jetzt ist er Mitte fünfzig, steht noch immer jeden Abend an Herd und Pass, und selbst wenn er bald den Stab an seinen Sohn übergeben will, wird die Haute Cuisine seine Leidenschaft bleiben, die er mit vielen Kinderkochkursen auch in der nächsten Generation entfachen will.

          Mit einem Pulver von dehydriertem griechischen Joghurt

          Obendorfer ist Oberpfälzer mit Leib und Seele, doch in seiner Küche alles andere als Lokalpatriot. Regionalität könne niemals vor Qualität kommen, sagt der Chef und schickt uns zum Auftakt gleich einmal auf eine gehaltvolle Weltreise mit Stationen bei einem bayerischen Kartoffelküchlein mit Paprika-Creme, einer Calzone mit Pizza-Margherita-Geschmack, einem peruanischen Saiblings-Ceviche mit Avocado und Gyoza-Teigtaschen aus Japan mit Entenfleischfüllung. So lässt es sich leben in Wackersdorf, denken wir uns und nippen mit einem Prosit auf den bayerischen Großmachtweltpolitiker FJS an unseren doppelt angesetzten Tee aus Wurzelgemüse im Cognac-Glas, der mit Ölen von Schnittlauch, Liebstöckel, Lorbeer, Wacholder und Piment aromatisiert wird.

          Oberpfälzer mit Leib und Seele – und doch kein kochender Lokalpatriot: Hubert Obendorfer

          Danach sind unsere Geschmacksnerven endgültig bereit für die Gänsestopfleber, die als geeiste Platte auf einem Blaukrautsalat in einem Sud aus Blaubeeren und Erdbeerkernöl liegt, bedeckt von gepickeltem Preiselbeeren-Gelee und einem Pulver aus getrockneten Waldbeeren. Das ist ein wilder, wagemutiger Teller, der mit allen Konventionen der klassischen Haute Cuisine bricht, allerdings nicht ganz die Balance zwischen eingeschüchterter Stopfleber und herrischem Blaukraut findet.

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