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Tel Aviv : Warum in Israel die meisten Veganer der ganzen Welt leben

  • -Aktualisiert am

Vegan essen und es zeigen. Bild: Getty

Milch und Honig wollen viele Israelis längst nicht mehr. Nirgendwo leben mehr Veganer als hier. Warum? Unser Autor hat nach Antworten gesucht. Die greifen sogar auf den Holocaust zurück.

          Sie trägt einen langen Mantel und stürmt durch einen Supermarkt. Vor der Fleischtheke hält sie an. „Haben Sie Lamm im Angebot?“, fragt die junge Frau den Verkäufer. Der schüttelt überrascht den Kopf. „Könnten Sie dann dieses für mich töten?“ Die Frau reißt den Mantel auf, in ihrem Arm hält sie ein Lamm: weißes Fell, verängstigter Blick.

          Tal Gilboa zeigt das verwackelte Youtube-Video mit dieser Szene auf ihrem Smartphone. Sie ist die Frau in dem Video. Der Popstar unter den israelischen Tierrechtsaktivisten sitzt vor einem veganen Imbiss in Kfar Sava nordöstlich von Tel Aviv. Ihr Körper ist eine Tierfarm. Hunde, Katzen, Hasen, Ziegen und Kühe winden sich eintätowiert auf der Haut der Frau. Auf dem Hals der Aktivistin steht das Wort „Tierbefreiung“. Das Video aus dem Supermarkt hat Gilboa berühmt gemacht: Im vergangenen Jahr ging es in Israel durch die sozialen Netzwerke – dann wurden die Macher des israelischen „Big Brother“ auf Gilboa aufmerksam.

          Ein paar Stunden später und einige Kilometer weiter südöstlich springt ein Mann im Hawaii-Hemd auf die Bar des Nanuchka, eines der angesagtesten Restaurants Tel Avivs, und brüllt georgische Lieder in sein Mikrofon. Zwei Frauen springen dazu auf und beginnen zu tanzen. Der Wodka fließt in Strömen, die Gäste sind begeistert – und beißen in vegane Fleischbällchen. Nana Schrier, schwarzgefärbte Haare und Uniformjacke, steht im Türrahmen, in der Hand ein Glas Martini mit grüner Olive. Vor einem Jahr hat sie ihr Restaurant komplett auf vegane Küche umgestellt und alle tierischen Produkte von der Speisekarte geworfen. Die Fleischplatten sind verschwunden, die Gäste und die Stimmung sind geblieben.

          „Das Phänomen ist enorm“

          Israel ist heute das veganste Land der Welt. Etwa fünf Prozent der Israelis ernähren sich vegan, also ganz ohne Tierprodukte. Acht Prozent sind Vegetarier. Laut dem israelischen Statistikamt waren vor fünf Jahren gerade einmal 2,5 Prozent Vegetarier. Es gibt kein Restaurant, das nicht vegane Speisen auf der Karte hat. „Das Phänomen ist enorm“, sagt der israelische Soziologe Rafi Grosglik von der Universität Tel Aviv, „vor wenigen Jahren war der Veganismus nur ein Phänomen der urbanen, linken Israelis aus der Mittelschicht, jetzt gibt es bis ins rechte Lager viele Veganer.“

          Auf einem veganen Volksfest in der Nähe von Tel Aviv: So viele Veganer leben in Israel, dass die Armee den Soldaten vegane Stiefel anbietet.

          In der Bibel lockte Moses die Israelis noch in ein Land, „in dem Milch und Honig fließen“. Doch heute wollen die Israelis immer weniger davon. Der größte Hersteller von Milchprodukten, Tnuva, verlor im vergangenen Jahr zwischen vier und sieben Prozent Umsatz und hat mit einer Reihe veganer Produkte reagiert: Sojajoghurt, Mandelmilch und Sahne aus Reis.

          Dass immer mehr Israelis vegan werden, liegt auch an diesen beiden Frauen: an Tal Gilboa, der tätowierten Aktivistin von „Big Brother“, und an Nana Schrier, der Restaurantbesitzerin im hippen Tel Aviv. Nur: Warum gerade Israel? Radikale Tierrechtsaktivisten gibt es auch anderswo, vegane Restaurants auch. Wer mit Gilboa und Schrier nach den Gründen sucht, bekommt Schwerverdauliches serviert: den Holocaust, die Regeln des Judentums, die Besatzung der Palästinenser.

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