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Das „Weingut am Nil“ : Das dreifache Rätsel von Kallstadt

Von der Sonne geküsst: Die Trauben des Weingutes haben einen herrlichen Ausblick bevor sie zu Wein werden. Bild: Johannes Häge Fotos Weingut

Noch nicht am Ziel, aber auf gutem Weg: Das Weingut am Nil in der nördlichen Pfalz besinnt sich auf seine alten Stärken und lässt sich dabei noch nicht einmal von Donald Trump beirren. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Das einzige Weingut Deutschlands, in dem die führenden Fernsehsender der Vereinigten Staaten von Amerika Drehverbot haben, heißt so wie der längste Fluss der Erde, veranstaltet gelegentlich auch Nil-Kreuzfahrten, hat allerdings weder Weiß noch Blau, sondern Lila zu seiner Leib-und-Magen-Farbe erkoren, und das alles kam so: Im Jahr 1841 gründete die Winzerfamilie Schuster ihr Weingut in Kallstadt als klassischen Riesling-Betrieb, der bald zum besten und fortschrittlichsten des Dorfes in der nördlichen Pfalz werden sollte; bei den Schusters klingelte das erste Telefon und stand das erste Auto Kallstadts vor der Tür. Irgendwann aber ging es mit dem Gut bergab, das 2010 vom weinfanatischen Finanzunternehmer Reinfried Pohl aus Marburg und seiner Frau Ana übernommen wurde. Und als man einen neuen Namen suchte, stieß man in einem Kelterbuch aus dem Jahr 1870 auf die Lage Nil, ein Wort, mit dem in der Pfalz früher bewaldete Kuppen bezeichnet wurden. Familie Schuster bewirtschaftete die größte Parzelle des Nils, der 1970 in der Großlage Saumagen aufging und nun im neuen Namen des Weinguts wiederauferstanden ist – wobei die Nil-Kreuzfahrten nichts anderes als Weinbergwanderungen sind.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Damit wäre die ägyptische Verwirrung geklärt. Jetzt fehlt noch das Drehverbot, für das der amerikanische Präsident höchstpersönlich verantwortlich ist. Das Geburtshaus seines Großvaters steht eine Straße weiter, und nachdem er ins Amt gewählt worden war, standen die amerikanischen Fernsehteams bei ihrer Ahnenforschung auch im Weingut am Nil vor der Tür. „Wir wollten aber unter keinen Umständen mit diesem Trump in Verbindung gebracht werden“, sagt Geschäftsführer und Kellermeister Johannes Häge, der allein schon aus beruflichen Gründen keine Sympathien für den Abstinenzler im Weißen Haus hegen kann und der dann ganz unspektakulär auch das dritte Rätsel löst: Lila ist die Lieblingsfarbe der neuen Besitzerin, einer Ärztin aus Katalonien, und lilafarben sind jetzt nicht nur die Etiketten der Flaschen, sondern auch die Wände im Fasskeller angestrahlt.

          Keine Krokodile aber feine Weine

          Johannes Häge, der aus einer Winzerfamilie vom Bodensee stammt und in Geisenheim im Expresstempo Weinbau studiert hat, kam 2010 an den Nil – und ins Chaos. In den Weinbergen wucherte ein Wirrwarr von Trauben, die kein Mensch mehr trinken wollte, von Morio-Muskat über Dornfelder bis zur Huxelrebe. Im Keller sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa, und die achtzig Riesenholzfässer, die dort seit hundertfünfzig Jahren vor sich hin moderten, konnte Häge komplett auf den Müll werfen. Heute stehen dort brandneue Tonneaux und Barriques millimetergenau in Reih und Glied wie eine militärische Ehrengarde, und kein einziger Schlauch hängt lose herum. Denn das würde die Laune des Chefs sofort ruinieren, der vom Boden seines Kellers essen können will. Ausgesprochen gute Laune haben ihm hingegen von Anfang an die Lagen seines Gutes gemacht, die sich auf die Kallstädter Spitzenweinberge Saumagen, Steinacker, Kronenberg und Kreidkeller mit ihren Böden aus Kalk, Löss und Lehm verteilen, der erste davon als Große Lage klassifiziert, die anderen drei als Erste Lagen.

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