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Tausendsassa Tofu : Der umstrittene Alleskönner

  • -Aktualisiert am

Bemerkenswerte Ökobilanz

Das aufkommende Umweltbewusstsein färbte nach und nach auf das Ernährungsbewusstsein vieler Menschen ab. So wurde der Tofu bekannter. „Tofu kann zu einem der wichtigsten Nahrungsmittel der Zukunft werden, denn er bietet eine Chance, den Eiweißmangel auf der Welt im Rahmen der ökologischen Grenzen zu decken“, stellten die Autoren Shurtleff und Aoyagi schon in den Achtzigern fest.

Aktuelle Studien stützen diese These. Untersuchungen von 2012 kamen zu dem Ergebnis, dass pflanzliche Produkte wie Tofu und Tempeh im Gegensatz zu Fleisch wesentlich umweltfreundlicher abschneiden. Während ein konventionelles Stück Fleisch bis zu 335 Kilogramm Kohlendioxid produziert, sind es bei Fleischalternativen lediglich 3,8 bis 2,4 Kilogramm Kohlenstoffdioxid.

Soja-Monokulturen: 80 Prozent für Futtermittel und Treibstoff

Lange feuerten Kritiker gegen diese Ergebnisse: Tofu sei nicht besser, denn für den Soja-Anbau würden Regenwälder in Brasilien abgeholzt. „Das Problem ist, dass die Menschen nur die ersten zwei Sätze der Artikel lesen. Klar, Soja wird unter anderem in Brasilien angebaut. Der Großteil des Sojas aus Brasilien wird aber für Tierfutter und Kraftstoff verwendet“, sagt Schauren. Laut einer Studie des WWF sind 80 Prozent des globalen Soja-Anbaus für die Herstellung von Futtermitteln und zehn Prozent für diejenige von Agrartreibstoffen bestimmt. Nur zehn Prozent gehen in die Lebensmittelproduktion, wovon wiederum 90 Prozent der Zubereitung von Margarine dienen.

Dienstag bis Samstag steht Schauren hinter der Tofutheke, um ihre Produkte zu verkaufen. Viele Besucher rollen mit den Augen, wenn sie den Tofu-Tussi-Stand passieren, andere strecken neugierig die Köpfe über die Glasfassade. Mittlerweile kommen auch viele Stammkunden zum Stand der Tofu-Tussis.

Tofu nicht als reinen Fleischersatz sehen, empfehlen die Tofu-Tussis aus Berlin.

„Man kann den typischen Kunden gar nicht kategorisieren, das liegt mir auch fern. Ich kann nur sagen, dass sowohl junge Studenten als auch Fleischesser bei uns kaufen“, sagt Schauren. Manchmal kommen sogar ältere Menschen aus anderen Stadtteilen angereist, um handgeschöpften Tofu zu testen. Es sind schon lange nicht mehr nur die Ökos und Weltverbesserer, die Tofu konsumieren.

Und trotzdem. Die Vorurteile haften hartnäckig am Tofu – und Schauren zeigt Verständnis dafür: „Ich kann verstehen, dass einige Menschen abgeschreckt sind. Es wird einfach zu viel geschmacklich nicht guter Tofu produziert.“ Den Tofu von Eigenmarken großer Supermärkte könne sie nicht empfehlen. Wenn die Konsistenz der Tofus extrem wässrig oder trocken ist oder der Geruch bitter, sind dies Merkmale einer minderwertigen Herstellung.

Fleischproduzenten machen Veggie-Wurst

„Viele kritisieren die Geschmacksneutralität des Tofus“, sagt Schauren. Das kann die Tofu-Expertin nicht nachvollziehen. Denn genau die sei ihrer Meinung nach ein großer Vorteil: Man kann Tofu scharf in der Suppe, angebraten zu Gemüse oder auch süß zum Frühstück essen. Auch das Argument, dass die Zubereitung von Tofu wegen seiner Neutralität aufwendig sei, lässt sie nicht gelten. „Das Stück Fleisch isst man ja auch nicht ohne alles“, sagt sie. Dazu hat sie einen Tipp: „Einfach die Gewürze nutzen, die man gerne mag, mit denen man auch sein Stück Steak oder Hühnchen mariniert, und ein wenig mehr Pfeffer und Salz als sonst dazutun. Sojasoße passt auch immer. So einfach ist das.“

Und wie geht es jetzt weiter mit dem Tofu? Mittlerweile haben auch große Fleischproduzenten die Veggie-Szene für sich entdeckt. Sie produzieren Veggie-Wurst, Nuggets und andere Fleischimitate. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Umsatz des Veggie-Wurst-Marktes mehr als verdreifacht: 2014 gaben die Deutschen 98 Millionen Euro für Soja-Würstchen und Co. aus, berichtet das Magazin „enorm“. Ob das der richtige Weg ist?

Für Franziska Schauren ist er es nicht. Als reines Fleischimitat ist ihr der Tofu viel zu schade. Wenn sie jemanden vom Tofu überzeugen wolle, dann koche sie ein normales Curry mit Tofu und Kartoffeln. Das eifere keinem deftigen Fleischgericht nach – und könne mit der richtigen Würze jeden überzeugen.

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