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Krautpleaser : Wenn die Frankfurter Bohème zum Kochen vorbeikommt

  • -Aktualisiert am

Gastgeber Tobias Rehberger hat seine Frau Daidy Mair im Arm und das Essen immer im Blick. Bild: Lottermann and Fuentes

Wenn der Künstler Tobias Rehberger zum Kochen (und Essen) einlädt, kommt das Bier aus Bayern, das Rezept für Knödel mit Schweinsbraten aus Böhmen und die Gude Laune von selbst.

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          Die Bohème! Lasterhafte Tunichtgute, die den ganzen Tag dem Müßiggang frönen, damit sie später am Abend in Form sind, wenn das bunte Treiben richtig losgeht. Falls es die überhaupt noch gibt, dann natürlich irgendwo hier in Frankfurt, so geht es mir durch den Kopf, während ich der Einladung des Künstlers Tobias Rehberger zu Böhmischen Knödeln folge und in frühabendlicher Winterdunkelheit den Sandweg quere. Der Sandweg! Jene magische Grenze zwischen dem Ostend und dem Nordend – wo das Café Größenwahn seit nunmehr 40 Jahren mit seiner gemütlichen Version der Kaffeehaus-Avantgarde alle möglichen Tagediebe und Revoluzzer anlockt. Das Viertel also, das neben dem obligatorischen Studium in Bockenheim mit Taxischein spätestens seit den Hauptwache-Demo-Siebzigern nichts Geringeres ist als die bestdenkbare Sponti-Schmiede für soziokulturpolitische Weltaufstandspläne aller Art, Frankfurter Schule trifft Frankfurter Scholle.

          Und in der Tat, nachdem ich mich ganz ohne eine zugeflüsterte Parole durch ein Holzpaneel geklingelt habe, als wäre das hier nicht ein Hinterhof der Hegelstraße mit einer geparkten Vespa, sondern die Herbertstraße in Hamburg, schallt mir bereits im leuchtgelb und skulptural ausgegossenen Ganzkörper-Plastik-Treppenhaus die durch DJ Sven Väth sprichwörtlich gewordene Gude Laune entgegen. Väth, von dem der poetische Satz überliefert ist, Techno sei „nur ein neuer Baum in dem Wald, der Musik heißt“, könnte problemlos als geistiger Pate des Abends fungieren. Schon vor der Tür riecht es verrucht gut nach Arvenholz, aus der geöffneten Pforte schlägt mir so massiver Küchendampf entgegen, dass ich dank im Nu beschlagener Brille erst gar nicht weiß, wer mir da gleich um den Hals fällt, aber es ist zum Glück jemand, den ich an der Stimme erkenne: Vanessa Fuentes legt ihren Arm mit einer gezückten Knipskamera in der Hand auf meine Schulter. „Wenn Du wüsstest, was wir hier schon alles VOR deiner Ankunft besprochen haben, tststs ...“

          Badiah Ouahi

          Während sich der Rest der Festgemeinde eher zäh hinter meiner handgesägten Hornbrille materialisiert, steht plötzlich der Hauptstadtgastronom Boris Radczun direkt vor meinen Augen. Er hat sich, und das ist nun fast irritierend, so gut wie gar nicht verändert, seit ich ihn vor geschätzten 25 Jahren in Berlin beim Ausgehen kennengelernt habe. Während ich noch unmittelbar versuche, mir rasch die genauen Begleitumstände unserer letzten Begegnung (Pogo-Club? Panorama-Bar? Oder doch Cookies?) in Erinnerung zu rufen, spricht er schon die erlösenden Worte: „Diese Wohnungsauflösung in der Krausnickstraße, der reine Wahnsinn!“ Pünktlich zur Buchmesse hat Boris gerade mit „Le Petit Royal“ im Bahnhofsviertel eine Filiale seines kanonischen Gesellschaftsrestaurants vom Spreeufer eröffnet. Als nächstes, heißt es, folgt Dubai.

          Gleich habe ich einen Steinhumpen mit schaumigem Pilsner in der Hand und werde für ein Foto von zwei Seiten angeprostet. Na klar, die Böhmischen Dörfer, von denen immer dann die Rede ist, wenn einer nicht mehr versteht, was gerade um ihn herum passiert, werden geographisch ziemlich nah an die Urquelle um die Brauereimetropole Pilsen herum verortet. Für die erste Begegnung mit dem Künstler hatte ich mir extra eine ausgefallene biographische Pointe zurechtgelegt, die ich auch gleich zum Einsatz bringe: „Nicht zu fassen: Wir haben exakt das gleiche Geburtsdatum: 2. 6. 66!“ Aber kaum ist bei ihm der erste Schockmoment mit nur leicht geöffnetem Mund verflogen, lächelt mich der vollbärtige Sympath (Markenzeichen: Signature-Brille, die aussieht wie ein klassisches Porsche-Modell) nur kurz an und antwortet: „Johnny Weissmüller hat auch am 2.6.“, was ich verschämt mit Marcel Reich-Ranicki und Marquis de Sade kommentiere, worauf er wiederum lapidar mit Charlie Watts kontert, um sich bald wieder hochkonzentriert dem Kochen zuzuwenden.

          Gerade klärt er in einem Gespräch nebenan ein Missverständnis auf. Es geht um die Herkunft der Knödel: „Die kommen aus dem Böhmerwald, nicht aus Böhmen!“ Euphorisch kommt von der Seite aus dem Flur her eine Schöne mit großen Augen in grün raschelnder Seide auf mich zu und verrät mit entschiedener Geste, sie sei „die einzige in der ganzen Runde, die NICHTS mit Kreativität zu tun hat“. Und obwohl mir ihr Gesicht seltsam vertraut vorkommt, aus Film, Funk und Fernsehen, wie es heißt, stellt sie sich gleich enthusiasmiert als Immobilienmaklerin vor. „Gutes Objekt hier, dieser schicke hölzerne Flachbau, oder?“, frage ich gleich nach, aber sie relativiert: „Stimmt im Prinzip, ABER DIE LAGE!“

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