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Krautpleaser : Wenn die Frankfurter Bohème zum Kochen vorbeikommt

  • -Aktualisiert am
Tobias Rehberger

Nordend-Ost, das sei normalerweise ein No-Go, belehrt sie mich in perfektem Makler-Jargon, was ja auch darauf hindeuten könnte, dass sie in Wirklichkeit eine Schauspielerin ist, die sich nur gerade einen kleinen Scherz mit mir erlaubt, weil ich sie noch nicht kenne, oder, was sie ja auch denken könnte, nur so tun würde, als ob ich sie nicht kenne. Das hebt unser Gespräch nun auf eine amüsante Meta-Ebene, weil keiner mehr eigentlich weiß, ob er weiter so tun muss, als ob er nicht wüsste, dass der andere weiß. Bald entspricht so von dem, was gesagt wird, nicht mehr viel dem, wie es ist. Aber noch bevor ich dem Ariadnefaden unserer Unterhaltung zum Ursprung dieser Erkenntnis folgen kann, werden schon Teller mit Suppen zu einem gedeckten Tisch getragen, der mir erst jetzt auffällt, weil das Licht um die professionell ausgestattete Kücheninsel herum so hell ist.

Erstaunlich, wie gern sich Gäste im Gespräch an so einer Insel festhalten, als wäre es eine imaginäre Reling, die ihnen auf dem schwankenden Ozeandampfer ihres ausgerechnet durch das gerade stattfindende Reden aus dem Gleichgewicht geratenden Lebens Halt verspricht.

Ata Macias und Laura Karasek

Nun öffnet sich auch der ganze Rest des riesigen Loft-Raums vor meinen Augen, und alle setzen sich wie in der Schule brav hin. Auch Spitzenkoch Mario Lohninger im DSquared-Trainingsanzug begibt sich vom Herd zum Tisch und offenbart uns die Bedeutung seines Extratellers Panadlsuppe: Bei ihm sei kein Weißbrot drin, „weil ich Gluten nicht vertrage“. Schlagartig wird mir klar, warum in seinem grandiosen Restaurant „Lohninger“ in der Schweizer Straße das Brot allein nicht inhäusig gemacht wird. Felix Austria! Sofort kommen wir auf den Speck zu sprechen, der wie ein Leitmotiv das Menu des Abends durchzieht. Das Geheimnis seines intensiven Geschmacks: „Kalt geräuchert!“ Die zerfasernden Brotstückchen gleiten dabei irritierend weich durch den Mund.

Immer fehlt gerade jemand, um einmal mit allen anzustoßen, aber das macht auch nichts, weil inzwischen ohnehin fast alle in der Küche gespannt auf den Hauptgang warten: den Schweinebratl nach der „Zollbergoma“ von Rehberger, der in Esslingen am Neckar mit ihren köstlichen Rezepten aufgewachsen ist. Ein wenig Fett aus dem Bräter wird zum Nachwürzen auf den lauwarmen Weißkrautsalat mit Kümmel und weißem Speck gegossen, was ihn butterig aufwertet. Jemand sticht noch die heiß dampfenden Knödel von zwei Seiten bis zur Mitte an, dann geht es zurück zu Tisch, und Schloss-Vollrads-Riesling wird nachgeschenkt. Als ich kurz zögere, während Boris mir die Platte mit dem Schweinsbraten reicht, sagt er gelassen: „Nimm Dir ruhig, ist wie bei den Bürgerlichen heute!“

Gegenüber erklärt Ata Macias, DJ und Gründer des fulminanten Nachtclubs Robert Johnson, der seit einiger Zeit seine Vita activa im Nachtleben aufgegeben hat und sich nun mit dem Konzeptlokal „Club Michel“ auch gastronomisch verewigt, der heiseren Impresaria Laura Karasek die Vorzüge der packenden Amazon-Prime-Serie „The Terror“. Die Mannschaften zweier Segelschiffe Mitte des 19. Jahrhundert auf der Suche nach der Nordwest-Passage im ewigen Eis befällt darin der Irrsinn einer seltenen Krankheit, bei der durch korrodiertes Konservenblech die Nahrung verdirbt und die Zähne sich erst schwarz verfärben und dann komplett ausfallen.

Beim Kauen der Knödel fällt mir auf, dass a) der Jus so gut ist, dass die Saucieren fast schon nach der ersten Runde leer sind und b) ein Essen umso besser ist, je weniger im Detail darüber geredet wird. Gesprächsthema stattdessen: der Geruch der perfekten Andouillette (ein olfaktorischer Drahtseilakt: darf nie unmittelbar an die Herkunft der Wurst erinnern). Nordisk-Büro-Partner Lorenzo Bissi erläutert die Renaissance der Späti-Weinbars in Berlin, und Nada Lottermann erklärt passend zum opiatisch anmutenden Nachtisch, heißen Mohnschupfnudeln mit einem Hauch Orangeade, warum Puderzucker sie immer romantisch an Blütenstaub erinnert – und flüstert mir zu, dass es sich bei der Maklerin tatsächlich um die Filmdiva Daidy Mair aus dem letzten Film von Klaus Lemke handele, zudem die Frau von Rehberger. Wer hätte das gedacht!?

Schon legt jemand Musik auf, und DJ Oskar Melzer bestimmt die sanften House-Takte gleich präzise als „Miura“ von Metro Area. Aber bevor ich zu spekulieren beginne, ob das hier doch noch ein Zimmer-Rave wird, zeigt ein Blick auf die Uhr, dass es höchste Zeit ist, die letzte U4 nach Hause zu nehmen. Au revoir! Erkenntnis zur Nacht: Es gibt sie noch, die alte Bohème.

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