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Fotografie : Anti-Foodporn

  • Aktualisiert am

Fotos in Farbe erschienen Shore im Gegensatz zu vielen anderen nie als „zu kommerziell“. Bild: Stephen Shore. Courtesy 303 Gallery, New York.

Fotograf Stephen Shore feierte früher mit Andy Warhol und entdeckte die Alltagskultur als Motiv. Heute zeigt er echtes, ungeschöntes Essen auf Instagram.

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          Ein Rest Schokokuchen unter Frischhaltefolie. Die Überbleibsel asiatischer Vorspeisen, bei denen ein Gast kein Fan von Minze und anderen frischen Kräutern war. Ein trockenes Stück Parmesan auf einer Fensterbank. Anderswo zwei leer getrunkene Cappuccino-Tassen. Keines dieser Bilder von Essen macht Appetit, im Gegensatz zu den mehr als 100 Millionen Food-Fotos auf Instagram unter dem Hashtag „foodporn“ – auf denen die Minze um den Teller, nein, die Schiefertafel drapiert worden wäre, dazu ein Paar Flocken Fleur de Sel und Beeren oder Blütenblätter, für den kompositorischen Kontrast.

          Bei den Bildern auf dieser Doppelseite ist nichts gestylt oder im Nachhinein mit Filtern schöngefärbt. Die Fotos zeigen, wie echtes Essen in einem amerikanischen Diner oder in Chinatown eben so aussieht. Dahinter steckt kein Dilettant, der es nicht besser könnte. Die auf diesen Seiten zum ersten Mal veröffentlichten Bilder hat Stephen Shore aufgenommen, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen, der seit Beginn seines Schaffens mit den Konventionen der Fotografie bricht, indem er mit wachen Augen auf Banales schaut.

          Farbe nie zu kommerziell

          „Ich bin resistent gegen Kritik“, sagt er gleich zu Beginn unseres Gesprächs. „Ich habe schon immer gemacht, was ich wollte.“ Dabei war es in den sechziger Jahren weniger leicht, als angesehener Fotograf zu gelten, als heute, da jeder mit digitalen Hilfsmitteln mangelnde Technikkenntnisse überspielen kann. Wer vor einem halben Jahrhundert Kunst machen wollte, musste malen.

          So sieht echtes Essen in einem amerikanischen Diner aus. Bilderstrecke

          Fotografen setzten der Tiefgründigkeit halber auf Schwarz-WeißÄsthetik. Farbe war den Anzeigen in Magazinen und den Werbefilmen im Fernsehen vorbehalten. Stephen Shore war Farbe nie zu kommerziell oder zu platt. Er widersetzte sich den Ansprüchen der Zeit und fotografierte nach einigen Schwarz-Weiß-Serien nur noch in Farbe.

          Chronist Amerikas

          Seinen Arbeiten liegt ein Konzept zugrunde. 1971 fotografierte Shore das Verwaltungszentrum oder ein x-beliebiges Drive-in-Café in Amarillo und verteilte diese Motive, die alles andere als Sehenswürdigkeiten zeigten, als offizielle Postkarten in den Touristenshops der texanischen Stadt. Shore ist fasziniert von der Provinz. In einem jahrelangen Roadtrip wurde er zum Chronisten des Amerikas der siebziger Jahre. Er ist in New York aufgewachsen und hatte bis dahin nur den Osten der Vereinigten Staaten und Europa bereist. 1972 begann er mit seiner zweijährigen Exploration von „American Surfaces“: türkisgrün gestrichene Toiletten, ein Nachttisch im Motel, ein leerer, dreckiger Kühlschrank, eine Portion Eisbergsalat mit Cocktailsoße, ein fettiges Steak in der Pfanne.

          „Ich habe jeden fotografiert, den ich getroffen habe. Ich habe jedes Mal mein Essen fotografiert und jedes Bett, in dem ich im Motel geschlafen habe“, sagt Stephen Shore. Er wollte die Bilder so spontan wie möglich aussehen lassen. In ihrer technisch anspruchsvollen und gleichzeitig amateurhaften Anmutung waren die Aufnahmen von gewöhnlichen Objekten damals provozierend. Seine erste Ausstellung in New York wurde vor allem wegen seiner „Oberflächlichkeit“ kritisiert.

          Konzept-Fotograf seit Andy Warhol

          Dabei hatten schon Andy Warhol und Pop-Art mit vermeintlich Trivialem wie einer Dose Tomatensuppe oder einer Coca-Cola-Flasche die Alltagskultur zur Kunst erhoben. Stephen Shore ging Mitte der Sechziger in Warhols Factory ein und aus. „Das war die lehrreichste Zeit meines Lebens.“ Seitdem verstand er sich als Konzept-Fotograf.

          In der Serie „Uncommon Places“ nahm er von 1973 bis 1981 statt einzelner Objekte verstärkt städtische Kulissen in den Blick. Die „Uncommon Places“ waren jedoch alles andere als ungewöhnlich. Es waren stinknormale Orte, Straßenkreuzungen, Häuserschluchten, Parkplätze.

          Überlegte Bildauswahl

          Mit dem vergrößerten Bildausschnitt wurden die dargestellten Szenen immer komplexer. Entsprechend wurden die Kameras größer. Shore wechselte erst von einer 35mm- Rolle zu einer 4x5- und später zu einer 8x10-Zoll-Großformatkamera, während sich andere über immer kleinere Fotoapparate freuten.

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          Durch die Großformatkamera und das aufwendige Umstellen von Stativ und Kamera ging Shore bei der Bildauswahl überlegter vor. Er lief die Straßen auf und ab und überprüfte dabei, wie sich die Konstellationen vor seinen Augen veränderten. Man nehme nur eines seiner ikonischen Werke von der Kreuzung der beiden Boulevards La Brea und Beverly in Los Angeles. Von der Laterne zur Linken bis zum weit in den Bildmittelpunkt hineinreichenden Chevron-Tankstellenschild auf der Rechten ist alles geradlinig angeordnet.

          Von der Architektur zur Natur

          Der Himmel ordnet das Schilderchaos. Die strenge Formalität des Bildes in Kombination mit der Tiefenschärfe einer 8x10-Kamera grenzt an Perfektion. Das war zu viel für ihn. Also kehrte er einen Tag später zu der Kreuzung zurück und suchte sich einen weitaus diffuseren Blickwinkel.

          Nach fast zehn Jahren brach er mit der Architektur und erweiterte abermals den Ausschnitt – auf die Natur. Von 1984 bis 1988 widmete er sich in „Landscapes“ steinigen Tälern in Texas und struppigen Hügellandschaften in Schottland. Hier sollte sich ihm kein kompositorischer Anhaltspunkt bieten. Er wollte aus der Einöde den Eindruck eines dreidimensionalen Raums schaffen.

          Neues Konzept: Instagram

          Und wer einmal vor den großformatigen Aufnahmen von Brewster County steht, der lässt seine Augen tatsächlich nach einer gewissen Zeit wandern. Im Jahr 2000 kehrte Shore zur Schwarz-Weiß-Fotografie zurück (schließlich fotografierten nun alle in Farbe), als er Passanten in New York abbildete. Zuletzt widmete er sich seinem vielleicht persönlichsten Projekt und fotografierte Holocaust-Überlebende in der Ukraine.

          Heute fotografiert Stephen Shore nur noch mit seinem Smartphone. Das neue Konzept des Neunundsechzigjährigen heißt Instagram. „Mein Tagebuch.“ Natürlich im Quadrat, so wie es die App will und wie er schon früher fotografiert hat. Der Kreis scheint sich mit Bezügen auf die siebziger Jahre zu schließen. Es sind Katzen auf den Bildern zu sehen, Apfelbäume, Baumstümpfe, Schokoladenkuchen unter Frischhaltefolie.

          Vor allem unsexy

          „Natürlich weiß ich, wenn ich einen Schnappschuss von meiner Katze poste, dass das Millionen andere auch tun“, sagt er. Wer seine komplexen Straßenszenen liebt, könnte nun in der Tat enttäuscht sein. Sind die Instagram- Schnappschüsse womöglich wieder – oberflächlich? Fehlt die Nostalgie, das Timbre, die Stimmung? Oder geht es genau um diese Leerstellen?

          Würde man die nächste Aral-Tankstelle an der Autobahnauffahrt fotografieren: Wer fände das Ergebnis nicht seltsam? Wenn man die Tankstelle an einem verlassenen Highway in Amerika aufnähme, würde man über die Shore-Referenz womöglich zu einem Teil der Popkultur. Vielleicht schlägt uns der Fotograf mit seinen Instagram- Bildern noch ein Schnippchen, indem er genau das nicht macht, was alle machen, nämlich ihre Motive künstlich aufzuhübschen. Es geht nicht anders: Dieser „Foodporn“ ist vor allem unsexy.

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