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Fotografie : Anti-Foodporn

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In der Serie „Uncommon Places“ nahm er von 1973 bis 1981 statt einzelner Objekte verstärkt städtische Kulissen in den Blick. Die „Uncommon Places“ waren jedoch alles andere als ungewöhnlich. Es waren stinknormale Orte, Straßenkreuzungen, Häuserschluchten, Parkplätze.

Überlegte Bildauswahl

Mit dem vergrößerten Bildausschnitt wurden die dargestellten Szenen immer komplexer. Entsprechend wurden die Kameras größer. Shore wechselte erst von einer 35mm- Rolle zu einer 4x5- und später zu einer 8x10-Zoll-Großformatkamera, während sich andere über immer kleinere Fotoapparate freuten.

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Durch die Großformatkamera und das aufwendige Umstellen von Stativ und Kamera ging Shore bei der Bildauswahl überlegter vor. Er lief die Straßen auf und ab und überprüfte dabei, wie sich die Konstellationen vor seinen Augen veränderten. Man nehme nur eines seiner ikonischen Werke von der Kreuzung der beiden Boulevards La Brea und Beverly in Los Angeles. Von der Laterne zur Linken bis zum weit in den Bildmittelpunkt hineinreichenden Chevron-Tankstellenschild auf der Rechten ist alles geradlinig angeordnet.

Von der Architektur zur Natur

Der Himmel ordnet das Schilderchaos. Die strenge Formalität des Bildes in Kombination mit der Tiefenschärfe einer 8x10-Kamera grenzt an Perfektion. Das war zu viel für ihn. Also kehrte er einen Tag später zu der Kreuzung zurück und suchte sich einen weitaus diffuseren Blickwinkel.

Nach fast zehn Jahren brach er mit der Architektur und erweiterte abermals den Ausschnitt – auf die Natur. Von 1984 bis 1988 widmete er sich in „Landscapes“ steinigen Tälern in Texas und struppigen Hügellandschaften in Schottland. Hier sollte sich ihm kein kompositorischer Anhaltspunkt bieten. Er wollte aus der Einöde den Eindruck eines dreidimensionalen Raums schaffen.

Neues Konzept: Instagram

Und wer einmal vor den großformatigen Aufnahmen von Brewster County steht, der lässt seine Augen tatsächlich nach einer gewissen Zeit wandern. Im Jahr 2000 kehrte Shore zur Schwarz-Weiß-Fotografie zurück (schließlich fotografierten nun alle in Farbe), als er Passanten in New York abbildete. Zuletzt widmete er sich seinem vielleicht persönlichsten Projekt und fotografierte Holocaust-Überlebende in der Ukraine.

Heute fotografiert Stephen Shore nur noch mit seinem Smartphone. Das neue Konzept des Neunundsechzigjährigen heißt Instagram. „Mein Tagebuch.“ Natürlich im Quadrat, so wie es die App will und wie er schon früher fotografiert hat. Der Kreis scheint sich mit Bezügen auf die siebziger Jahre zu schließen. Es sind Katzen auf den Bildern zu sehen, Apfelbäume, Baumstümpfe, Schokoladenkuchen unter Frischhaltefolie.

Vor allem unsexy

„Natürlich weiß ich, wenn ich einen Schnappschuss von meiner Katze poste, dass das Millionen andere auch tun“, sagt er. Wer seine komplexen Straßenszenen liebt, könnte nun in der Tat enttäuscht sein. Sind die Instagram- Schnappschüsse womöglich wieder – oberflächlich? Fehlt die Nostalgie, das Timbre, die Stimmung? Oder geht es genau um diese Leerstellen?

Würde man die nächste Aral-Tankstelle an der Autobahnauffahrt fotografieren: Wer fände das Ergebnis nicht seltsam? Wenn man die Tankstelle an einem verlassenen Highway in Amerika aufnähme, würde man über die Shore-Referenz womöglich zu einem Teil der Popkultur. Vielleicht schlägt uns der Fotograf mit seinen Instagram- Bildern noch ein Schnippchen, indem er genau das nicht macht, was alle machen, nämlich ihre Motive künstlich aufzuhübschen. Es geht nicht anders: Dieser „Foodporn“ ist vor allem unsexy.

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