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Redensarten über das Essen : Iss wie die Katze, trink wie der Hund

Verderben viele Köche wirklich den Brei? Der Volksmund glaubt es, die Wirklichkeit widerlegt es. Bild: Wonge Bergmann

Sprichwörter und Redewendungen verraten viel darüber, welchen Stellenwert gutes Essen in einem Land genießt. Und sie entlarven Deutschland nicht gerade als Feinschmeckernation. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Man isst, um zu leben, und lebt nicht, um zu essen“, geifert Molières Geizhals Harpagon, der so schrecklich knauserig ist, dass er sich dieses Motto noch nicht einmal selbst aus den Rippen geschnitten, sondern von Sokrates geklaut hat. Ein Bruder im Geiste des französischen Komödienkönigs ist er mit dieser lustfeindlichen Kostverachtung wahrhaftig nicht, denn Molière sagte von sich selbst, dass er von guter Suppe, nicht von schöner Rede lebe und dass seine Seele nach einem gargantuesken Mahl unerschütterlich genug sei, um auch schwerste Schicksalsschläge zu verkraften. Viel eher könnte der geizige Griesgram ein Deutscher sein. Denn kaum eine andere Kulturnation schätzt das gute Essen in ihrer Sprache so gering wie jenes Volk, das deutlich besser dichtet und denkt als kocht und schlemmt.

          Extrawürste und beleidigte Leberwürste

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Voller Bauch studiert nicht gern, sagt man bei uns so grundlos wie unbewiesen und glaubt allen Ernstes, dass viele Köche den Brei verderben, der Teufel in der Not Fliegen frisst, Hunger der beste Koch ist und die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten – nicht die klügsten, versiertesten, talentiertesten. „Willst du lange leben gesund, iss wie die Katze, trink wie der Hund“, reimt der Volksmund holprig, eine schauerliche Vorstellung für jeden Feinschmecker, der sich auch sonst vor der Geschmacksfeindlichhkeit der deutschen Sprache mit Grausen wendet: Wer übellaunig ist, hat schlecht gefrühstückt, wer aufdringlich ist, gibt zu allem seinen Senf, wer begriffsstutzig ist, trägt Tomaten auf den Augen. Mit boshaften Menschen ist nicht gut Kirschen essen, die Heißhungrigen unter uns fressen wie die Scheunendrescher, den gleichgültigen Zeitgenossen ist alles wurst, und neigen sie zusätzlich zur Divenhaftigkeit, verlangen sie andauernd Extrawürste oder führen sich als beleidigte Leberwürste auf.

          Dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten, dürfte ein Gerücht sein.
          Dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten, dürfte ein Gerücht sein. : Bild: dpa

          Besonders übel spielt die deutsche Sprache der Suppe mit. Sie schmäht eigenwillige Menschen als Suppenkasper, findet ständig ein Haar in der Suppe, spuckt anderen gerne in dieselbe, lässt es wie Hechtsuppe ziehen und mag es nicht, wenn man sein eigenes Süppchen kocht. Verlierer und Unterprivilegierte müssen die Suppe auslöffeln oder kommen vor allem in Bayern auf der Brennsuppe dahergeschwommen; das war das Schicksal all jener armen Tröpfe, die sich nur eine mit Mehl statt Sahne oder Butter eingebrannte, also gebundene Wassersuppe leisten konnten.

          Willkommen in Teufels Küche

          Keine Feinschmeckernation käme linguistisch auf den schändlichen Gedanken, jemandem Wasser in den Wein zu gießen, Salz in die Wunde zu streuen oder das Fass zum Überlaufen zu bringen, weil ihr das genussvolle Essen und Trinken heilig ist. Und ist es nicht ein schönes Kompliment, keinesfalls eine Schande, wenn etwas wie Kraut und Rüben aussieht oder jemand die Weisheit mit Löffeln gefressen hat? Kann man mit sauren Gurken nicht auch eine sehr vergnügliche, sehr appetitliche Zeit verbringen, ohne dabei herumzugurken? Hat man es wirklich versemmelt, wenn man aus alten Brötchen Serviettenknödel fabriziert? Und kann es nicht eine große Freude sein, in einen sauren Apfel zu beißen? Bei uns aber ist immer gleich Hopfen und Malz verloren, so dass uns nichts anderes übrigbleibt, als den Gürtel enger zu schnallen – da haben wir nun den Salat und können froh sein, wenn wir nicht auch noch in Teufels Küche kommen.

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