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Schön gemacht

Fotos: LUKAS KORSCHAN, Texte: QUYNH TRAN

04.12.2018 · Sie stammen aus Afghanistan, Thailand und Äthiopien, aus Berlin und Buenos Aires. Fünf Frauen und ihre Schönheitsrezepte.

Sara Nuru

V on der Straße aus wirkt das backsteinerne Industriegebäude im Berliner Wedding unscheinbar. Nur die Fotos von tropischen Früchten und das bunte Schild mit der Silhouette des afrikanischen Kontinents weisen auf den Punjab Afro Shop hin. Seit Sara Nuru zwischen München und Berlin pendelt, ist der Supermarkt ihre Anlaufstelle für Haarpflege. In den neonbeleuchteten Gängen gibt es nämlich nicht nur seltene Sorten Obst und Gemüse, arabisches Gebäck und außergewöhnliche Gewürze, sondern auch eine große Abteilung mit Ölen, afrikanischen Haar-Pflegeprodukten und Kosmetik mit Farbpaletten für dunklere Hauttypen, die man andernorts nicht bekommt.

Als Sara Nuru den Supermarkt betritt, verändert sich die Stimmung dort. Die Kosmetikberaterin ist aufgeregt, und viele der Kundinnen fragen nach einem Foto. Es ist ein kurzes Zusammentreffen, aber es zeigt, wie wichtig Nuru für viele Frauen ist: „Sie ist ein echtes Vorbild für schwarze Deutsche“, sagt die Verkäuferin. Nach ihrem Sieg bei „Germany's Next Topmodel“ 2009 hat Nuru zunächst weiter als Model und Moderatorin gearbeitet.

In jüngerer Vergangenheit ist es etwas ruhiger um sie geworden - das liegt auch an Nuru Coffee. Gemeinsam mit ihrer Schwester hat sie 2017 ein soziales Unternehmen gegründet, das äthiopischen Kaffee vertreibt und mit dem Gewinn über den Verein Nuru Women e.V. Frauenprojekte unterstützt. Sara Nurus Mutter floh 1985 mit ihren Geschwistern vor den politischen Unruhen aus Äthiopien über Ägypten durch ein Schlupfloch über die DDR in die Bundesrepublik, der Vater kam ein Jahr später nach. Sie selbst kam 1989, wie sie sagt, „als erstes schwarzes Baby im Erdinger Krankenhaus zur Welt“.


„Seit dem ersten Tag bin ich eine Schlagzeile.“
Sara Nuru

Die ersten Jahre verbrachte die Familie auf dem Dorf. Die Einkaufsmöglichkeiten waren begrenzt. Zutaten für traditionell äthiopische Gerichte gab es nicht, und ihre Mutter schloss sich damals mit anderen Frauen zusammen, um Großbestellungen für ausländische Lebensmittel wie Teffmehl aufzugeben. Erst mit dem Umzug nach München gab es für sie türkische und arabische Lebensmittelgeschäfte in unmittelbarer Umgebung. Gewürze, Kräuter und Honig hat ihre Familie oft aus Äthiopien bekommen. Und diese Zutaten wurden nicht nur fürs Essen benutzt, sondern auch für hausgemachte Schönheitsrezepte.

„Man muss erfinderisch sein, wenn man in Afrika aufwächst“, sagt Sara Nuru. „Die Menschen bedienen sich natürlicher Mittel und altern in Würde. Meine Großmutter liebt es zum Beispiel, Gesichts- und Haarmasken selbst zu machen.“ Je älter sie selbst werde, umso mehr setze sie sich mit diesem Thema auseinander. „Mit der Zeit wird man sicherer, und Schönheit hat viel mit der Einstellung zu tun. Meine Mutter hat sich gar nicht so sehr für andere zurechtgemacht, sondern für sich selbst.“

Ihr Rezept für eine Haarmaske

Für die regenerierende Eier-Ingwer-Haarmaske 1-2 Eigelb, 5 Esslöffel Olivenöl und eine mittelgroße Ingwerknolle pürieren. Die Maske auf die Haare geben und sie mit einem Tuch abdecken. Zwei Stunden ziehen lassen, dann mit Zitronenwasser auswaschen. Alternativ eine Ölmaske aus je einem Anteil Mandelöl, Kokosöl und Olivenöl mischen und über Nacht einziehen lassen.


Wana Limar

B eim Thema Schönheit spricht Wana Limar aus langjähriger Erfahrung. „In orientalischen Kulturen spielt Schönheit eine große Rolle. Frauen sagen sich gegenseitig, wie schön sie sind", erzählt die Fernsehmoderatorin. Auch ihre Eltern hätten ihr immer Komplimente für ihre Schönheit gemacht. „Andererseits gehen aber häufig auch Scherze auf Kosten des Äußeren."

Wana Limar wurde 1990 in Kabul geboren. Als Kleinkind floh sie mit ihren Eltern nach Deutschland, wo sie die ersten fünf Jahre in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft verbrachte. „In meiner Kindheit haben wir am Existenzminimum gelebt. Aber meine Eltern haben mich das nie spüren lassen. Vielleicht habe ich deshalb ein Verhältnis zu materiellen Dingen, das stark von Dankbarkeit geprägt ist."

Aufgewachsen ist Limar in Hamburg-Langenhorn, das schon in den neunziger Jahren wegen der Flüchtlinge multikulturell geprägt war. „Man hat gemerkt, wie sich das Stadtbild änderte: Es eröffneten Restaurants von sogenannten Zuwanderern, die Essenskultur veränderte sich, und Essen bringt Menschen eben zusammen. Afghanische Gerichte und indische DVDs haben wir am Steindamm gekauft.“

Mit MTV Style und ihrem eigenen Youtube-Kanal „Wernsehen“ ist Wana Limar zu einer der unterhaltsamsten Beauty- und Mode-Moderatorinnen geworden. Was sie in Hamburg auf dem Steindamm hatte, findet sie in Berlin, wo sie mittlerweile lebt, in Schöneberg. Dort, wo sich auf der Potsdamer Straße Kunstgalerien, Concept-Stores und teure Restaurants mit Ein-Euro-Discountern und Handy-Shops abwechseln. Und wo es afghanische, persische und türkische Läden gibt. Hier finden sich nicht nur orientalische Gewürze und Konfekt, sondern auch Kosmetikprodukte.


„Meine Familie war immer politisch und Verantwortung ein Thema. Als Kind habe ich viel Liebe erfahren, wurde immer bestätigt und unterstützt. Das möchte ich weitergeben.“
WANA LIMAR

„In der afghanischen Kultur geht es darum zu zeigen, dass man sich für sich selbst und andere Mühe gegeben hat“, sagt sie. „Mehr ist mehr, und Schlichtheit wird mit Fahrlässigkeit gleichgesetzt. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Ich habe schon in der Schule gemerkt, dass meine Outfits durchdachter waren als die meiner Mitschüler. Aber in gewisser Hinsicht bin ich auch ein Mischling: Für afghanische Verhältnisse mache ich mich zu wenig zurecht, für deutsche zu viel.“

Wana Limar produziert nicht nur Schmink-Tutorials und Mode-Sendungen. Seit 2012 engagiert sie sich auch für den Verein Visions for Children e.V., der Bildung in Ländern wie Afghanistan und Sri Lanka fördert und in Deutschland Patenschaften für Minderjährige vermittelt. „Meine Familie war immer politisch und Verantwortung ein Thema. Als Kind habe ich viel Liebe erfahren, wurde immer bestätigt und unterstützt. Das möchte ich weitergeben.“

Ihr Rezept für Enthaarungspaste

In afghanischen Badezimmern finden sich Naturbimssteine und Peeling-Handschuhe, denn man ist nicht sauber, solange man sich nicht ordentlich durchgeschrubbt hat. Zuckerpaste zum Enthaaren gibt es in afghanischen Shops fertig zu kaufen, viele Frauen mischen sie aber selbst. Dafür weißen Zucker, Zitronensaft und gefiltertes Wasser nach Gefühl mischen und zu einer Paste kochen. Und noch ein zweiter Tipp: Kohlepulver auf den Augen hat in Afghanistan nicht nur dekorative Funktion. Auch Kleinkindern wird es wegen der antiseptischen Wirkung aufgetragen.


Julia Malik

M ancherorts fühlt man sich, als käme das Land in die Stadt: Gerade in Berlin gibt es viele Bauernmärkte und urbane Gärten. Und in einigen Bezirken bilden sich Nachbarschaftsinitiativen, die Kinderbetreuung, Transporte und Straßenfeste organisieren. „Das kenne ich noch von meinen Eltern“, sagt Julia Malik. „Sie haben gemeinsam mit anderen Familien in den achtziger Jahren während ihres Studiums einen Kinderladen organisiert. Die Mütter und Väter haben sich damit abgewechselt, die Kinder zu betreuen und mit ihnen Ausflüge zu unternehmen. Ich habe das Gefühl, dass diese Art des gemeinschaftlichen Denkens wieder zurückkommt.“

Als sie 2001 nach Prenzlauer Berg zog, gab es dort kaum etwas. Aus dem anfänglich etwas wilderen Pflaster mit Clubs und Bars ist ein schicker, sanierter Bezirk mit jungen Familien geworden. Wo einst fast nur Deutsch gesprochen wurde, hört man nun viele Sprachen. Ob Julia Malik in ihrem beschaulichen Kiez in den Bioladen geht oder auf dem roten Teppich steht - die Schauspielerin fällt mit ihrem farbenfrohen Stil und ihrer fröhlichen Art auf. „Dabei glaube ich, dass ich früher nicht mal wusste, dass es Mode überhaupt gibt. Es gab Kleidung, und es gab Kostüme. Wir sind in die Oper gegangen, ins Theater, haben uns verkleidet. Mode als Kontinent habe ich erst viel später erschlossen, das entstand für mich aus dem Spiel heraus. Vielleicht bin ich deswegen freier und kreativer.“

Ihre Eltern hätten eine solche Angst vor stereotypen Mädchenbildern gehabt, dass sie in einer geschlechtsneutralen Umgebung ohne Schönheitsideale aufgewachsen sei. „Es klingt banal, aber für mich entsteht Schönheit in der Art, wie man lebt. Ich mag nicht nur gesund leben, ich brauche auch Rausch und Unvernunft und Wildheit. Wenn ich die ganze Nacht tanze und liebe, strahlt auch meine Haut.“

Neben ihren Schauspielengagements und Konzerten mit ihrer Band Hands Up - Excitement! arbeitet die 42 Jahre alte Mutter zweier Kinder zur Zeit an ihrem ersten Buch. Der Titel: „Arschmama“.

Ihr Rezept für eine Gesichtsmaske

Für die straffende Eiweißmaske einfach zwei Eiweiße steif schlagen. Die Masse auf das Gesicht auftragen und 15 Minuten ziehen lassen.


Dalad Kambuh


„In Thailand ist es eine wahre Kunst, Essen zu präsentieren.“
Dalad Kambuh

„Als Kind habe ich in Thailand nicht dem Schönheitsideal entsprochen“, sagt Dalad Kambhu. Das sei zu der Zeit konventionell weiblich gewesen. „Als schön galt, wer eine kleine Nase hatte, helle Haut, eine kurvige Figur und einen femininen Stil. Meine Mutter ist ethnische Chinesin, mein Vater ist Thailänder. Ich habe die dunkle Haut meines Vaters geerbt, war immer viel zu dünn und eher schräg gekleidet.“ Geprägt von ihrer Umgebung, probierte sie als Jugendliche Kosmetik aus, die ihre Haut aufhellen sollte - in vielen Teilen Asiens ist das gang und gäbe. Das Gefühl, dass diese Produkte auf der Haut verursachten, mochte sie aber nicht. „Ich habe dann einfach für mich beschlossen, die bestmögliche Haut zu haben, egal wie hell oder dunkel sie ist.

Mit 20 Jahren zog Dalad Kambhu nach New York - um zu modeln. Dort lernte sie, was Schönheit mit Auftritt und Selbstbewusstsein zu tun hat. Ein längerer Aufenthalt in Paris hat ihr Schönheitsbild weiter verändert: „Ich fand diesen nonchalanten Stil in Frankreich toll. Die Frauen haben manchmal zum Arbeiten tagsüber und zum Ausgehen abends dasselbe Outfit getragen und es nur durch Details wie roten Lippenstift komplett anders wirken lassen. Die Jahre in New York und Paris haben meine Wahrnehmung von Stil und Schönheit sehr geprägt.“

Vor zwei Jahren ist Dalad Kambhu nach Berlin gezogen, nicht mehr, um zu modeln, sondern um ein Restaurant zu eröffnen, das „Kin Dee“ in Schöneberg. Hier kocht sie mit regionalen Zutaten thailändische Gerichte. „In meiner Kindheit in Thailand habe ich gelernt, wie wichtig Ernährung ist. Ich esse viel grünes Gemüse, weil es das Hautbild sichtlich verbessert. Die Haut ist unser größtes Organ, und egal, was man zu sich nimmt, man sieht es ihr sofort an.“

Davon abgesehen hält Dalad Kambhu es mit der Hautpflege einfach. Morgens und abends eine gründliche Reinigung, Toner, Augencreme, Feuchtigkeitspflege. Tagsüber Sonnenpflege. In der Regel verwendet sie Produkte aus der Apotheke. Auf Make-up verzichtet sie - das mache die Haut fahl. „Aber auch für meine Speisen spielt die Ästhetik eine Rolle: Natürlich geht es in erster Linie um den Geschmack. Ich versuche überwiegend regionale Produkte zu verwenden und auf künstliche Inhaltsstoffe zu verzichten. Dafür gehe ich auf den Dienstags- und Samstagsmarkt in der Markthalle Neun.“ Es sei ihr aber auch wichtig, dass das Essen ansprechend aussieht. „In Thailand ist es eine wahre Kunst, Essen zu präsentieren.“

Ihr Schönheitsdrink

Für zwei große Gläser Green Smoothie 500 ml Kokoswasser, eine halbe Fenchelknolle, eine Karotte, eine Viertel Gurke und eine kleine Ingwerknolle im Mixer pürieren und mit Honig abschmecken. Außerdem: Die Haut vor dem Schlafengehen mit Olivenöl eincremen.


Lorena Maza

D em Gemüseverkäufer am Maybachufer fällt Lorena Maza sofort auf. „Du warst seit Monaten nicht da“, ruft er, als sie Petersilie und Limetten aussucht. Man kennt sich, Lorena Maza ist seit Jahren Stammkundin auf dem türkischen Markt, auch wenn sie in jüngster Vergangenheit nach Meinung des Gemüseverkäufers abtrünnig geworden ist. „Es hat sich schon etwas verändert. Früher lagen hier normale Produkte vom Bauern“, sagt sie. „Heute werden genau diese Produkte als Bio bezeichnet. Neben den Ständen, die schon immer da waren, gibt es jetzt eine afrikanische Ecke und einen lateinamerikanischen Supermarkt ein paar Straßen weiter.“


„Das Äußere ist wichtig. In Argentinien pflegt man sich einfach“
LORENA MAZA

Lorena Maza wurde in Buenos Aires geboren, unter ihren Vorfahren sind argentinische Toba-Ureinwohner, chilenische Mapuche-Ureinwohner, syrisch-libanesische und bosnische Einwanderer. Aufgewachsen ist sie unter Deutschtürken in Kreuzberg. Argentinien besucht sie noch immer regelmäßig. „Schönheit ist dort Familiensache. Schönheitsritualen geht man zusammen zu Hause nach oder in Salons, die größer sind als in Deutschland.“ Es sei nicht teuer, und oft gebe es Sonderangebote, zum Beispiel Tage, an denen man zwei Behandlungen bekommt und nur eine bezahlen muss. Ein Besuch im Kosmetiksalon sei auch nicht unbedingt ein Luxus, sondern vielmehr Alltag. Hausmittel, die von Müttern und Großmüttern weitergereicht werden, gebe es zur Genüge: Natron für weiße Zähne, gekühlte Salatblätter gegen Sonnenbrand, Kaffeesatz und Öl gegen Cellulite und Mate-Tee für die Vitalität.

„Das Äußere ist wichtig. In Argentinien pflegt man sich einfach“, sagt Lorena Maza. Schon fast ein Jahrzehnt lang arbeitet sie als Stylistin für deutsche und internationale Magazine, hat also Einblick in den Wandel des Schönheitsbildes. Erst in den vergangenen Jahren seien hierzulande mehr Models mit Migrationshintergrund in den Strecken aufgetaucht. Vielfalt sei im Hinblick auf Schönheit ein junges, aber wichtiges Thema.

Ihr Rezept für ein Peeling

Eine kleine halbe Papaya, 2 Esslöffel Haferflocken, ein Esslöffel Kokosöl und den Saft von einer Viertel Zitrone pürieren. 15 bis 20 Minuten auf dem Gesicht wirken lassen und anschließend abspülen. Für rauhe Ellenbogen und Knie: vier Esslöffel Haferflocken, Petersilie und den Saft von einer halben Zitrone grob zerkleinern und in die Haut einreiben.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.12.2018 10:59 Uhr