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Weinanbau in Sachsen : Ein Ort, um der Welt abhanden zu kommen

Blick auf das Weingut Martin Schwarz (Mitte), morgendliche Stimmung mit Nebel über der Elbe. Bild: Robert Gommlich

Bückware und Zweitwährung in der DDR: Der Wein hat eine lange Tradition in Sachsen. Doch was mittlerweile dort entsteht, darf sich auch der Westen schmecken lassen.

          6 Min.

          Porzellan und Pegida, Semperoper und Sachsensumpf, Malerweg und brauner Mob - an starken Kontrasten mangelt es nicht zwischen dem Elbsandsteingebirge und einer sich im Nirgendwo verlierenden Ebene, der Handelsmetropole Leipzig und der Residenzstadt Dresden. Über Jahrhunderte war Sachsen ein Schlachtfeld, auf dem mit dem Blut Hunderttausender europäische Geschichte geschrieben wurde. Dann, vor drei Jahrzehnten, wurde das Land zum Schauplatz der einzigen friedlichen Revolution auf deutschem Boden. Heute mutet der Freistaat mitunter an wie ein einziges großes Krähwinkel, in dem der Phantomschmerz vergangener Größe nicht vergehen will.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Nicht aufgeben, neu anfangen, sich zurückkämpfen: Auch so kann man sächsische Geschichte erzählen. Beim Wein, über Wein, über sächsischen Wein. Das Elbtal um Dresden und Meißen liegt weiter südlich als das Anbaugebiet Saale-Unstrut, aber auch weiter östlich. Mit 499 Hektar Rebfläche ist Sachsen ein winziges Anbaugebiet - kleiner sind nur noch der Mittelrhein und die Hessische Bergstraße.

          Das muss kein Manko sein. Doch die guten Rebflächen sind meist kleinteilig und entsprechend kostspielig zu bewirtschaften. Und in Sachsen wird eine so geringe Menge Most geerntet wie nirgends sonst in Deutschland - 47 Hektoliter je Hektar im langjährigen Durchschnitt. Im Regenschatten der Mittelgebirge ist die Wasserversorgung der Reben selbst in gewöhnlichen Jahren limitiert, von trockenen Sommern wie in diesem Jahr gar nicht zu reden. Sächsischer Wein ist daher eine Rarität. Er macht gerade einmal 0,3 Prozent der deutschen Weinerzeugung aus.

          Sachsens lange Wein-Tradition

          Aber muss er deswegen auch so teuer sein wie nirgends sonst in Deutschland? Halten wir dagegen. Schon der widrigen Natur wegen kommt es fast einem Wunder gleich, dass es sächsischen Wein überhaupt gibt. Nimmt man die jüngere Geschichte hinzu, müsste man sagen: noch gibt. Vielleicht aber auch: wieder gibt. Denn nicht nur Kälte und Trockenheit setzen den Reben immer wieder zu. Im 19. Jahrhundert war der Weinbau nach dem Auftreten der Reblaus sowie dem echten und dem falschen Mehltau dem Untergang geweiht. Im 20. Jahrhundert kamen menschengemachte Rückschläge wie die Weltwirtschaftskrise und die Mangelwirtschaft der DDR hinzu. Weine und Winzer aus Sachsen sind vor allem Überlebenskünstler.

          Stadtbürger aus Meißen und Dresden hielten im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert die prekäre Weinbautradition in Ehren. 1799 wurde in Sachsen die erste bürgerliche „Weinbaugesellschaft" gegründet - sie sollte in Europa Schule machen. Gut zehn Jahre später entstand in Sachsen die erste Weinbau- und Winzerschule weit und breit. Aber viele Missernten, mangelndes Interesse des Staates und die steigende Einfuhr von Weinen aus dem Westen Deutschlands ließen das Engagement erlahmen.

          Ein Jahrhundert verging, ehe 1913 in der Hoflössnitz bei Radebeul die Winzerausbildung wiederaufgenommen wurde. Damals hatte die Reblaus fast alle Weinbauflächen vernichtet, die noch nicht zu Bauland umgewidmet oder aus Mangel an Arbeitskräften aufgegeben worden waren. Träger der Weinkultur an der Elbe wurde zunehmend der Staat. Er unterhielt eine „Weinbau- und Lehranstalt", den preußischen Weinbaudomänen im Westen vergleichbar. Im Nationalsozialismus kam die Sächsische Winzergenossenschaft hinzu, in der sich Hunderte Klein- und Freizeitwinzer zusammengeschlossen hatten.

          Wein als Zweitwährung in der DDR

          An dieser Struktur änderte sich in 40 Jahren DDR wenig. Aus der Sächsischen Winzergenossenschaft wurde in den fünfziger Jahren die VdgB Winzergenossenschaft Meißen. Die staatlichen oder durch Enteignung, Vertreibung und Kollektivierung in staatliche Hände gefallenen Flächen fanden sich irgendwann in Regie des Volkseigenen Weinguts Radebeul oder diverser LPGs wieder. Dass es in Sachsen immer mehr an Pfropfreben, Schleppern, Pfählen oder Pressen mangelte, machte nicht nur erfinderisch. Je länger die Weine neben der real existierenden Natur auch dem real existierenden Sozialismus abgerungen werden mussten, desto größer war der Stolz auf sie. In der DDR waren sie Bückware und Zweitwährung zugleich.

          Das Duopol aus Staatsweingut und Genossenschaft hat die DDR überlebt. Das VEG Weingut Radebeul verwandelte sich nach Turbulenzen in den neunziger Jahren in das Erlebnisweingut Schloss Wackerbarth. So pompös der Name, so üppig die Rebfläche: Mit fast 100 Hektar ist das zwischen Meißen und Dresden gelegene Staatsweingut fast so groß wie die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach - mit dem Unterschied, dass deren Fläche einen Bruchteil der Rebfläche des Rheingaus ausmacht. Doch das Ensemble aus historischen Gebäuden und einer modernen Kellerei, das mit Krediten im höheren zweistelligen Millionenbereich herausgeputzt wurde, ist längst ein Anziehungspunkt für Einheimische und Fremde. Und es hält die Preise hoch, obwohl das Staatsweingut sich weitgehend von den aufwendig zu bewirtschaftenden Steil- und Terrassenlagen fernhält.

          Nicht ganz so füllig barock präsentieren sich die „Winzer Meißen", die Sächsische Winzergenossenschaft. Aus dem sächsischen Weinbau ist sie nicht wegzudenken, auch wenn die Zahl der Freizeitwinzer sinkt. Noch immer verarbeitet die Genossenschaft die Trauben von etwa 1500 Mitgliedern mit insgesamt 135 Hektar Rebfläche. Die in der DDR entstandenen oder konservierten Großbetriebe bewirtschaften also fast die Hälfte der sächsischen Rebflächen - und prägen die Wahrnehmung des sächsischen Weins. Dieser hat bis heute wenige Gesichter und kennt auch nur wenige Geschichten.

          Blick von der Rysselkuppe in das Elbtal mit den Tafelbergen der Sächsischen Schweiz und die Ausläufer des Erzgebirges
          Blick von der Rysselkuppe in das Elbtal mit den Tafelbergen der Sächsischen Schweiz und die Ausläufer des Erzgebirges : Bild: Robert Gommlich

          Nach dem Ende der DDR nahm sich Georg Prinz zur Lippe vor, an bürgerschaftliche Traditionen anzuknüpfen. 1945 hatten die Kommunisten seine Vorfahren enteignet. Nun kaufte er das frühere Rittergut Proschwitz zurück und schuf binnen weniger Jahre durch Kauf und Pacht ein Weingut, wie es Sachsen noch nicht gesehen hat. Mit fast 100 Hektar wuchs es zu einem der größten privaten Weingüter in Deutschland heran. Der erste Eiswein in Sachsen, der erste Rotwein, sächsischer Wein auch im Ausland - an Pionierleistungen war in den ersten Jahren kein Mangel.

          Das Beste aus den kargen Rebflächen holen

          Doch nicht nur der Frost hat manchen Plan zunichte gemacht. Auch der Ausflug in die Nähe von Weimar, wo Lippe mit Unterstützung des Freistaats Thüringen rund 40 Hektar aufrebte, war nicht von Dauer. Heute werden die Flächen bei Weimar von Sachsen-Anhalt aus bewirtschaftet, die Weine in der Winzervereinigung Freyburg an der Unstrut ausgebaut. Inzwischen muss Prinz zur Lippe auch seinen Besitz in Sachsen selbst arrondieren. Nachdem Schloss Wackerbarth einen Vertrag über die Lieferung von Trauben von gut zehn Hektar Rebfläche nicht verlängert hatte, trennte sich der Adelige von diesem Terrain. Die Flächen gingen über Umwege an Personen des Anbaugebiets Saale-Unstrut. Nimmt man einen Weinskandal bei den Winzern Meißen und Zerwürfnisse im Weinbauverband dazu, könnte man glauben, dass die Stimmung im sächsischen Weinbau derzeit nicht viel besser ist als in der Gesellschaft.

          Martin Schwarz lässt sich nicht verdrießen. Neben seiner Tätigkeit als Betriebsleiter auf Schloss Proschwitz begann er vor 15 Jahren, Weinberge selbst zu bewirtschaften. „Mein Motor ist der Wein", sagt der Kasselaner, der 1996 nach dem Studium in Geisenheim nach Sachsen „rübermachte". Mittlerweile ist er sein eigener Herr, bildet aus und holt aus den kargen Rebflächen das Beste heraus.

          Martin Schwarz in einem von ihm gepachteten Weinberg an der Weinlage „Radebeuler Johannisberg“.
          Martin Schwarz in einem von ihm gepachteten Weinberg an der Weinlage „Radebeuler Johannisberg“. : Bild: Robert Gommlich

          Es ist nicht Nostalgie, die Schwarz antreibt. Im Meißner Kapitelberg, einer Rebfläche, schon durch den Verweis auf die einstige Bestimmung der Weine für die hohe Geistlichkeit als Spitzenlage ausgewiesen, entsteht ein Riesling, der mit seiner festen Struktur und der von Holzeinsatz nicht überdeckten Subtilität in jeder Blindprobe als großer Pfälzer Riesling durchgehen könnte.

          Dasselbe gilt für den im Edelstahltank ausgebauten Riesling aus der nur einen Hektar großen Radebeuler Lage Friedstein, die Schwarz nach 80 Jahren Brache mit Unterstützung des Unternehmers Karl-Erivan Haub aufgerebt hat. Dort stehen auch Chardonnay, Pinot - und Nebbiolo, eine Rebsorte, die höchste Ansprüche an Standort und Klima stellt. Im Piemont ist sie das Synonym für Rotweine von Weltklasse. Davon ein Fass im Jahr - und Schwarz käme seinem Ziel noch näher, die naturgegebene Exotik sächsischer Weine in den Grenzbereich des Menschenmöglichen zu steigern.

          Klaus Zimmerling in seinem Weinberg in Dresden Pillnitz.
          Klaus Zimmerling in seinem Weinberg in Dresden Pillnitz. : Bild: Robert Gommlich

          Klaus Zimmerling hat das längst erreicht - auf einem anderen Weg. In den letzten Jahren der DDR konstruierte der im Brandenburgischen geborene Sohn eines NVA-Offiziers in Dresden Küchenmaschinen. In seiner Freizeit suchte er in Sachsen und dem elbaufwärts gelegenen Böhmen nach allem, was auch nur entfernt mit Wein zu tun haben könnte. Als die Winzergenossenschaft Meißen von Mitte der achtziger Jahre an Rebflächen an Privatleute vergab, die sie in eigener Regie bewirtschaften konnten, nahm Zimmerling mit einem bunt zusammengewürfelten Haufen die verbuschte Terrassenlage Königlicher Weinberg Wachwitz in Angriff.

          Drei Jahrzehnte später: Weithin sichtbar markiert die Rysselkuppe den südöstlichen Ausläufer des Dresdner Elbhangs. Die Terrassen schichten sich übereinander und verjüngen sich in der Spitze wie bei einer aztekischen Pyramide. Und irgendwo mittendrin ist Zimmerling zu finden - ein Arbeiter im eigenen Weinberg. Oder er ist bei seinen Weinen und den Skulpturen von Malgorzata Chodakowska im Keller, der wie ein Stollen im Fuß des Berges liegt. Mit seiner aus Lodz stammenden Frau hat er am Fuß des Pillnitzer Königlichen Weinbergs vor 25 Jahren ein Gut gegründet. Kaum Geld, wenig Fläche, geringe Erträge, mit Müller-Thurgau, Bacchus und Kerner nicht die edelsten Sorten - doch sie gaben nicht auf. Die Menge war so gering, dass 0,75-Liter-Flaschen Hochstapelei gewesen wären - ein halber Liter musste genügen.

          So ist es bis heute geblieben. Geändert hat sich nur das Etikett. Anfangs zeigte es den Winzer, wie seine Frau ihn sah: als Büste, ähnlich dem im Dreißigjährigen Krieg nach der Schlacht von Lützen gefallenen Schwedenkönig Gustav II. Adolf. Jetzt schmückt jedes Jahr eine andere Skulptur von Malgorzata die Flaschen. Verändert hat sich auch das Sortiment. Riesling, Weißburgunder und Traminer dominieren die Rysselkuppe. Und mit jedem Jahr, in dem Zimmerling und seine Reben älter werden, entstehen noch entspanntere und hintergründigere Weine.

          Die Skulpturen verkaufen sich mittlerweile in der ganzen Welt. Diesen Ehrgeiz hat Zimmerling nicht. Am besten munden seine Weine ohnehin dort, wo sie gewachsen sind, an der Rysselkuppe. Von hier reicht der Blick übers Elbtal bis weit in die Sächsische Schweiz und nach Böhmen. Es ist ein Ort, wie es nur wenige gibt, um der Welt abhanden zu kommen.

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