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Weinanbau in Sachsen : Ein Ort, um der Welt abhanden zu kommen

Blick auf das Weingut Martin Schwarz (Mitte), morgendliche Stimmung mit Nebel über der Elbe. Bild: Robert Gommlich

Bückware und Zweitwährung in der DDR: Der Wein hat eine lange Tradition in Sachsen. Doch was mittlerweile dort entsteht, darf sich auch der Westen schmecken lassen.

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          Porzellan und Pegida, Semperoper und Sachsensumpf, Malerweg und brauner Mob - an starken Kontrasten mangelt es nicht zwischen dem Elbsandsteingebirge und einer sich im Nirgendwo verlierenden Ebene, der Handelsmetropole Leipzig und der Residenzstadt Dresden. Über Jahrhunderte war Sachsen ein Schlachtfeld, auf dem mit dem Blut Hunderttausender europäische Geschichte geschrieben wurde. Dann, vor drei Jahrzehnten, wurde das Land zum Schauplatz der einzigen friedlichen Revolution auf deutschem Boden. Heute mutet der Freistaat mitunter an wie ein einziges großes Krähwinkel, in dem der Phantomschmerz vergangener Größe nicht vergehen will.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Nicht aufgeben, neu anfangen, sich zurückkämpfen: Auch so kann man sächsische Geschichte erzählen. Beim Wein, über Wein, über sächsischen Wein. Das Elbtal um Dresden und Meißen liegt weiter südlich als das Anbaugebiet Saale-Unstrut, aber auch weiter östlich. Mit 499 Hektar Rebfläche ist Sachsen ein winziges Anbaugebiet - kleiner sind nur noch der Mittelrhein und die Hessische Bergstraße.

          Das muss kein Manko sein. Doch die guten Rebflächen sind meist kleinteilig und entsprechend kostspielig zu bewirtschaften. Und in Sachsen wird eine so geringe Menge Most geerntet wie nirgends sonst in Deutschland - 47 Hektoliter je Hektar im langjährigen Durchschnitt. Im Regenschatten der Mittelgebirge ist die Wasserversorgung der Reben selbst in gewöhnlichen Jahren limitiert, von trockenen Sommern wie in diesem Jahr gar nicht zu reden. Sächsischer Wein ist daher eine Rarität. Er macht gerade einmal 0,3 Prozent der deutschen Weinerzeugung aus.

          Sachsens lange Wein-Tradition

          Aber muss er deswegen auch so teuer sein wie nirgends sonst in Deutschland? Halten wir dagegen. Schon der widrigen Natur wegen kommt es fast einem Wunder gleich, dass es sächsischen Wein überhaupt gibt. Nimmt man die jüngere Geschichte hinzu, müsste man sagen: noch gibt. Vielleicht aber auch: wieder gibt. Denn nicht nur Kälte und Trockenheit setzen den Reben immer wieder zu. Im 19. Jahrhundert war der Weinbau nach dem Auftreten der Reblaus sowie dem echten und dem falschen Mehltau dem Untergang geweiht. Im 20. Jahrhundert kamen menschengemachte Rückschläge wie die Weltwirtschaftskrise und die Mangelwirtschaft der DDR hinzu. Weine und Winzer aus Sachsen sind vor allem Überlebenskünstler.

          Stadtbürger aus Meißen und Dresden hielten im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert die prekäre Weinbautradition in Ehren. 1799 wurde in Sachsen die erste bürgerliche „Weinbaugesellschaft" gegründet - sie sollte in Europa Schule machen. Gut zehn Jahre später entstand in Sachsen die erste Weinbau- und Winzerschule weit und breit. Aber viele Missernten, mangelndes Interesse des Staates und die steigende Einfuhr von Weinen aus dem Westen Deutschlands ließen das Engagement erlahmen.

          Ein Jahrhundert verging, ehe 1913 in der Hoflössnitz bei Radebeul die Winzerausbildung wiederaufgenommen wurde. Damals hatte die Reblaus fast alle Weinbauflächen vernichtet, die noch nicht zu Bauland umgewidmet oder aus Mangel an Arbeitskräften aufgegeben worden waren. Träger der Weinkultur an der Elbe wurde zunehmend der Staat. Er unterhielt eine „Weinbau- und Lehranstalt", den preußischen Weinbaudomänen im Westen vergleichbar. Im Nationalsozialismus kam die Sächsische Winzergenossenschaft hinzu, in der sich Hunderte Klein- und Freizeitwinzer zusammengeschlossen hatten.

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