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Weinanbau in Sachsen : Ein Ort, um der Welt abhanden zu kommen

Martin Schwarz lässt sich nicht verdrießen. Neben seiner Tätigkeit als Betriebsleiter auf Schloss Proschwitz begann er vor 15 Jahren, Weinberge selbst zu bewirtschaften. „Mein Motor ist der Wein", sagt der Kasselaner, der 1996 nach dem Studium in Geisenheim nach Sachsen „rübermachte". Mittlerweile ist er sein eigener Herr, bildet aus und holt aus den kargen Rebflächen das Beste heraus.

Martin Schwarz in einem von ihm gepachteten Weinberg an der Weinlage „Radebeuler Johannisberg“.
Martin Schwarz in einem von ihm gepachteten Weinberg an der Weinlage „Radebeuler Johannisberg“. : Bild: Robert Gommlich

Es ist nicht Nostalgie, die Schwarz antreibt. Im Meißner Kapitelberg, einer Rebfläche, schon durch den Verweis auf die einstige Bestimmung der Weine für die hohe Geistlichkeit als Spitzenlage ausgewiesen, entsteht ein Riesling, der mit seiner festen Struktur und der von Holzeinsatz nicht überdeckten Subtilität in jeder Blindprobe als großer Pfälzer Riesling durchgehen könnte.

Dasselbe gilt für den im Edelstahltank ausgebauten Riesling aus der nur einen Hektar großen Radebeuler Lage Friedstein, die Schwarz nach 80 Jahren Brache mit Unterstützung des Unternehmers Karl-Erivan Haub aufgerebt hat. Dort stehen auch Chardonnay, Pinot - und Nebbiolo, eine Rebsorte, die höchste Ansprüche an Standort und Klima stellt. Im Piemont ist sie das Synonym für Rotweine von Weltklasse. Davon ein Fass im Jahr - und Schwarz käme seinem Ziel noch näher, die naturgegebene Exotik sächsischer Weine in den Grenzbereich des Menschenmöglichen zu steigern.

Klaus Zimmerling in seinem Weinberg in Dresden Pillnitz.
Klaus Zimmerling in seinem Weinberg in Dresden Pillnitz. : Bild: Robert Gommlich

Klaus Zimmerling hat das längst erreicht - auf einem anderen Weg. In den letzten Jahren der DDR konstruierte der im Brandenburgischen geborene Sohn eines NVA-Offiziers in Dresden Küchenmaschinen. In seiner Freizeit suchte er in Sachsen und dem elbaufwärts gelegenen Böhmen nach allem, was auch nur entfernt mit Wein zu tun haben könnte. Als die Winzergenossenschaft Meißen von Mitte der achtziger Jahre an Rebflächen an Privatleute vergab, die sie in eigener Regie bewirtschaften konnten, nahm Zimmerling mit einem bunt zusammengewürfelten Haufen die verbuschte Terrassenlage Königlicher Weinberg Wachwitz in Angriff.

Drei Jahrzehnte später: Weithin sichtbar markiert die Rysselkuppe den südöstlichen Ausläufer des Dresdner Elbhangs. Die Terrassen schichten sich übereinander und verjüngen sich in der Spitze wie bei einer aztekischen Pyramide. Und irgendwo mittendrin ist Zimmerling zu finden - ein Arbeiter im eigenen Weinberg. Oder er ist bei seinen Weinen und den Skulpturen von Malgorzata Chodakowska im Keller, der wie ein Stollen im Fuß des Berges liegt. Mit seiner aus Lodz stammenden Frau hat er am Fuß des Pillnitzer Königlichen Weinbergs vor 25 Jahren ein Gut gegründet. Kaum Geld, wenig Fläche, geringe Erträge, mit Müller-Thurgau, Bacchus und Kerner nicht die edelsten Sorten - doch sie gaben nicht auf. Die Menge war so gering, dass 0,75-Liter-Flaschen Hochstapelei gewesen wären - ein halber Liter musste genügen.

So ist es bis heute geblieben. Geändert hat sich nur das Etikett. Anfangs zeigte es den Winzer, wie seine Frau ihn sah: als Büste, ähnlich dem im Dreißigjährigen Krieg nach der Schlacht von Lützen gefallenen Schwedenkönig Gustav II. Adolf. Jetzt schmückt jedes Jahr eine andere Skulptur von Malgorzata die Flaschen. Verändert hat sich auch das Sortiment. Riesling, Weißburgunder und Traminer dominieren die Rysselkuppe. Und mit jedem Jahr, in dem Zimmerling und seine Reben älter werden, entstehen noch entspanntere und hintergründigere Weine.

Die Skulpturen verkaufen sich mittlerweile in der ganzen Welt. Diesen Ehrgeiz hat Zimmerling nicht. Am besten munden seine Weine ohnehin dort, wo sie gewachsen sind, an der Rysselkuppe. Von hier reicht der Blick übers Elbtal bis weit in die Sächsische Schweiz und nach Böhmen. Es ist ein Ort, wie es nur wenige gibt, um der Welt abhanden zu kommen.

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