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Weinanbau in Sachsen : Ein Ort, um der Welt abhanden zu kommen

Wein als Zweitwährung in der DDR

An dieser Struktur änderte sich in 40 Jahren DDR wenig. Aus der Sächsischen Winzergenossenschaft wurde in den fünfziger Jahren die VdgB Winzergenossenschaft Meißen. Die staatlichen oder durch Enteignung, Vertreibung und Kollektivierung in staatliche Hände gefallenen Flächen fanden sich irgendwann in Regie des Volkseigenen Weinguts Radebeul oder diverser LPGs wieder. Dass es in Sachsen immer mehr an Pfropfreben, Schleppern, Pfählen oder Pressen mangelte, machte nicht nur erfinderisch. Je länger die Weine neben der real existierenden Natur auch dem real existierenden Sozialismus abgerungen werden mussten, desto größer war der Stolz auf sie. In der DDR waren sie Bückware und Zweitwährung zugleich.

Das Duopol aus Staatsweingut und Genossenschaft hat die DDR überlebt. Das VEG Weingut Radebeul verwandelte sich nach Turbulenzen in den neunziger Jahren in das Erlebnisweingut Schloss Wackerbarth. So pompös der Name, so üppig die Rebfläche: Mit fast 100 Hektar ist das zwischen Meißen und Dresden gelegene Staatsweingut fast so groß wie die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach - mit dem Unterschied, dass deren Fläche einen Bruchteil der Rebfläche des Rheingaus ausmacht. Doch das Ensemble aus historischen Gebäuden und einer modernen Kellerei, das mit Krediten im höheren zweistelligen Millionenbereich herausgeputzt wurde, ist längst ein Anziehungspunkt für Einheimische und Fremde. Und es hält die Preise hoch, obwohl das Staatsweingut sich weitgehend von den aufwendig zu bewirtschaftenden Steil- und Terrassenlagen fernhält.

Nicht ganz so füllig barock präsentieren sich die „Winzer Meißen", die Sächsische Winzergenossenschaft. Aus dem sächsischen Weinbau ist sie nicht wegzudenken, auch wenn die Zahl der Freizeitwinzer sinkt. Noch immer verarbeitet die Genossenschaft die Trauben von etwa 1500 Mitgliedern mit insgesamt 135 Hektar Rebfläche. Die in der DDR entstandenen oder konservierten Großbetriebe bewirtschaften also fast die Hälfte der sächsischen Rebflächen - und prägen die Wahrnehmung des sächsischen Weins. Dieser hat bis heute wenige Gesichter und kennt auch nur wenige Geschichten.

Blick von der Rysselkuppe in das Elbtal mit den Tafelbergen der Sächsischen Schweiz und die Ausläufer des Erzgebirges
Blick von der Rysselkuppe in das Elbtal mit den Tafelbergen der Sächsischen Schweiz und die Ausläufer des Erzgebirges : Bild: Robert Gommlich

Nach dem Ende der DDR nahm sich Georg Prinz zur Lippe vor, an bürgerschaftliche Traditionen anzuknüpfen. 1945 hatten die Kommunisten seine Vorfahren enteignet. Nun kaufte er das frühere Rittergut Proschwitz zurück und schuf binnen weniger Jahre durch Kauf und Pacht ein Weingut, wie es Sachsen noch nicht gesehen hat. Mit fast 100 Hektar wuchs es zu einem der größten privaten Weingüter in Deutschland heran. Der erste Eiswein in Sachsen, der erste Rotwein, sächsischer Wein auch im Ausland - an Pionierleistungen war in den ersten Jahren kein Mangel.

Das Beste aus den kargen Rebflächen holen

Doch nicht nur der Frost hat manchen Plan zunichte gemacht. Auch der Ausflug in die Nähe von Weimar, wo Lippe mit Unterstützung des Freistaats Thüringen rund 40 Hektar aufrebte, war nicht von Dauer. Heute werden die Flächen bei Weimar von Sachsen-Anhalt aus bewirtschaftet, die Weine in der Winzervereinigung Freyburg an der Unstrut ausgebaut. Inzwischen muss Prinz zur Lippe auch seinen Besitz in Sachsen selbst arrondieren. Nachdem Schloss Wackerbarth einen Vertrag über die Lieferung von Trauben von gut zehn Hektar Rebfläche nicht verlängert hatte, trennte sich der Adelige von diesem Terrain. Die Flächen gingen über Umwege an Personen des Anbaugebiets Saale-Unstrut. Nimmt man einen Weinskandal bei den Winzern Meißen und Zerwürfnisse im Weinbauverband dazu, könnte man glauben, dass die Stimmung im sächsischen Weinbau derzeit nicht viel besser ist als in der Gesellschaft.

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