https://www.faz.net/-hrx-7iscl

Weißweine : Ja, es ist Saar!

Die Zilliken-Rieslinge besitzen die schier unglaubliche Fähigkeit frucht- und edelsüßer Rieslinge, mit dem Alter immer komplexer zu werden. Statt mit Primär-Aromen von Aprikose bis Grapefruit zu blenden, bezaubern sie mit Gärungs- und Reife-Aromen, die bei alten Weinen ein Spektrum von Honig bis Kaffee abdecken können. Reife Weine aber verbreiten nicht nur Ruhe und Wohlgeruch. Sie schlagen sich auch hervorragend in einer Disziplin, in der sich junge Rieslinge zumeist schwer tun: als Essensbegleiter.

Das grandiose Potential Jahr um Jahr tiefer ausloten

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Das beweist seit mittlerweile fast zehn Jahren das Weingut von Othegraven, dessen Geschichte mit dem Kanzemer Altenberg so eng verwoben ist, wie das Leben der Egon Müllers mit dem Scharzhofberg. 1995 erbte die Kölner Ärztin Heidi Kegel das Weingut von ihrer Patentante Maria von Othegraven. Schnell wurde die unbekümmerte Rheinländerin zum Dreh- und Angelpunkt einer weitgehend von Männern dominierten Schar von Spitzenwinzern. Aus der Jungweinprobe, zu der sie in jedem Frühjahr nach Kanzem einlud, entstand vor zwei Jahren jener Saar-Riesling-Sommer, der auch in diesem Jahr an einem sonnigen Tag Ende August Tausende zur Verkostung des neuen Jahrgangs in die Weingüter von Filzen bis Serrig lockte.

Andreas Barth verwaltet für Günther Jauch das Weingut von Othegraven in Kanzem.
Andreas Barth verwaltet für Günther Jauch das Weingut von Othegraven in Kanzem. : Bild: Frank Röth

Auch Heidi Kegel musste Lehrgeld zahlen - es sollte nicht vergebens sein. Nach der Lese im Jahr 2004 spannte ihr ein Weingutsbesitzer von der Ruwer den Betriebsleiter aus. Unter Kollegen ist das eigentlich ein Sakrileg. Ersatz war bald zur Stelle. Seitdem entstehen unter der Hand von Andreas Barth, der nebenher noch ein eigenes kleines Weingut in seinem Heimatort Niederfell an der Terrassenmosel führt, trockene Weine, die das grandiose Potential des von Vulkangestein durchzogenen „Altenberg“ Jahr um Jahr tiefer ausloten.

Schon von Krankheit gezeichnet, verkaufte Heidi Kegel ihr Weingut im Frühjahr 2011 an Günther Jauch - aber nicht an den Unterhaltungskünstler aus dem Fernsehen, sondern an ihren weinbegeisterten Verwandten, dessen Großmutter eine geborene von Othegraven war. Im Sommer vergangenen Jahres wurde Heidi Kegel in Köln zu Grabe getragen.

So schließt sich der Kreis, und so sind denn auch die Weine, die im Keller unter dem Gutshaus ausgebaut werden und dann mit dem Signet „vO“ auf den Markt kommen, keine Promi-Weine, sondern Saar-Rieslinge im besten Sinne. Dazu gehört aber nicht nur, dass sie „lockeln“, sondern auch, dass man sie unbesorgt trinken kann.

Wenn das keine schöne Allegorie auf diese Jahreszeit ist: Steinfigur „Herbst“ im Park des Weinguts von Othegraven.
Wenn das keine schöne Allegorie auf diese Jahreszeit ist: Steinfigur „Herbst“ im Park des Weinguts von Othegraven. : Bild: Frank Röth

Das aber wusste schon der Trierer Weihbischof Nikolaus von Hontheim, der im 18. Jahrhundert unter dem Pseudonym Febronius mit romkritischen Schriften von sich reden machte. Hontheim wird bis heute die treffendste Charakteristik zugeschrieben, die je über Mosel- und damit auch Saarwein in Worte gefasst wurde: „Des Moselweins Fülle, Güte, Zuträglichkeit und Kraft ist Niemand unbekannt, er macht fröhliche, am anderen Tage wohlthätige, Brust und Kopf nicht beschwerende Räuschchen.“

Weitere Themen

Der Sprengmeister von der Y-Burg

Weingut Karl Haidle : Der Sprengmeister von der Y-Burg

Das Remstal hat sich, fast klammheimlich, in das gelobte Land des württembergischen Weinbaus verwandelt. Das ist Winzerfamilien wie den Haidles aus Stetten zu verdanken. Die Kolumne Geschmackssache.

Topmeldungen

Die menschenleere Innenstadt von Hannover Anfang April: Die Ausgangssperre ist auch ein deutliche Zeichen an die Leichtsinnigen und Gleichgültigen.

Bundes-Notbremse : Leichtsinnige, Verbohrte, Gleichgültige

Es liegt nicht am „Versagen“ von Bund, Ländern und Kommunen, dass die Notbremse überfällig ist. Es liegt an widersprüchlichen Interessen, deren Gegensätze größer, nicht kleiner werden.
Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet

K-Frage der Union : Führende CDU-Politiker werben für Laschet

Besonders deutlich stellt sich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hinter den CDU-Vorsitzenden. Inzwischen ist in der Partei allerdings zu hören, es werde „eng“ für Laschet. Eine Entscheidung am Samstag wird für möglich gehalten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.