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Wein ist mein ganzes Herz

Von DANIEL DECKERS, Fotos ROBERT GOMMLICH

15.11.2017 · Das nördlichste deutsche Anbaugebiet hat alle Breitengrade hinter sich gelassen. Sogar herbe DDR-Zeiten macht die Region Saale-Unstrut vergessen. Auch bei dieser Reformation hilft Martin Luther.

S chulpforte: Vier Jahrhunderte lang lebten und arbeiteten Zisterziensermönche hier im Tal der Saale. In der Reformation wurde die Abtei Sanctae Mariae ad Portam aufgehoben, an ihre Stelle trat eine der drei sächsischen Fürstenschulen. Hochbegabte Jungen sollten hier zu Persönlichkeiten heranreifen. Die Liste der bekanntesten „Pförtner“ liest sich wie ein Gotha der Kunst und der Wissenschaften: Klopstock, Fichte, Ranke, Nietzsche, Bethmann-Hollweg, Hofmann, Ney, Niebelschütz, Freyer. Heute beherbergt das weitläufige Areal die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium mit dem Schwerpunkt Begabtenförderung.

Zwischen Bad Kösen und Naumburg gedieh über alle Zeiten aber nicht nur Gelehrsamkeit. Noch vor den Zisterziensern hatten fränkische Siedler den Weinbau nach Mitteldeutschland gebracht. Bis heute ist er geblieben, allen Widrigkeiten des Klimas, allen biologischen Katastrophen und allen politischen Umbrüchen zum Trotz. Mehr noch: Die Weine, die in Deutschlands nördlichstem Weinbaugebiet entstehen, auf dem 51. Breitengrad gelegen, sind heute besser denn je.

Breitengrad 51 – nach der nördlichen Weinbaugrenze nennt sich auch ein acht Mitglieder zählender Zusammenschluss von Weingütern aus der Region Saale-Unstrut. 2010 fanden die ersten Weingüter zusammen, im August luden sie zum zweiten Mal in den Klostergarten von Schulpforte ein, um die Weine des Jahrgangs 2016 zu präsentieren. Ein Riesling und ein Weißburgunder aus der Lage Naumburger Steinmeister, ein Spätburgunder aus dem Freyburger Schweigenberg oder ein Blauer Zweigelt aus dem Höhnstedter Kreisberg: Nur die beiden besten Weine eines jeden Weinguts und eines jeden Jahrgangs dürfen das Breitengrad-51-Signet tragen. Traubenlese von Hand, der Ertrag nicht höher als 5000 Liter je Hektar, das Mostgewicht mindestens 95 Grad Oechsle – da können selbst viele Weine vom Rhein und von der Mosel nicht mehr mithalten.

Noch vor den Zisterziensern hatten fränkische Siedler den Weinbau nach Mitteldeutschland gebracht.

Die Breitengrad-Weine sind so individuell wie die Winzer. André Gussek etwa hat die letzten Jahre der DDR als Kellermeister im Volkseigenen Gut (VEG) Weinbau Naumburg erlebt. Heute bewirtschaftet er von seinem Weingut in den ehemaligen Räumlichkeiten der Staatlichen Weinbauverwaltung Naumburg aus Parzellen in den besten Lagen von Naumburg bis in das saaleaufwärts gelegene Weindorf Kaatschen. Einer seiner Spitzenweine des Jahrgangs 2016 trägt den Zusatz „Bin 90“. Im kommenden Jahr wird er „Bin 91“ lauten. Der Weinberg, aus dem die Silvaner-Trauben stammen, war 1926 im Zuge des Wiederaufbaus der Rebflächen an Saale und Unstrut angelegt worden. Die Reblaus, aber auch der Falsche Mehltau sowie der Heu- und Sauerwurm hatten ausgangs des 19. Jahrhunderts ganze Arbeit geleistet. Angesichts billiger Konkurrenz vom Rhein gab niemand mehr etwas auf den Weinbau in Mitteldeutschland.

Matthias Hey, der Kopf der Gruppe, kehrte nach dem Studium der Önologie an der Hochschule Geisenheim und einer Diplomarbeit, die er in Italien schrieb, schnurstracks an die Saale zurück. 2001 hatten seine Eltern ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude samt Weinberg mitten in der Lage Naumburger Steinmeister erworben. Alte, zugewucherte Flächen wurden vom Wildwuchs befreit und neu bestockt. Alte Reben, die zum Teil noch vor dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt worden waren, ließen sie stehen. Mittlerweile sind Heys filigrane Weine nicht nur in Mitteldeutschland begehrt.

Weintrauben der Sorte Traminer
Weinlese auf dem Weingut Born (Lage Steiger) in der Nähe von Höhnstedt
Transport der Trauben zum Weingut in Hohnstedt.
Elisabeth Born und Jochen Hinderer beim Verkosten eines 2016er Weißburgunders aus dem Edelstahlfass im Weinkeller des Weingutes in Höhnstedt

Und dann ist da noch Elisabeth Born. Die junge Mutter, wie Hey eine „Geisenheimerin“, hat den weitesten Weg nach Schulpforte. Fast 70 Kilometer liegen zwischen dem Saaletal und dem Weingut in Höhnstedt, das ihr Vater ihr und ihrem Mann Jochen mit Wirkung zum 1. September endgültig überschrieben hat. Nach Eisleben, in den Geburtsort Martin Luthers, sind es von hier aus nicht mal 15 Kilometer. Wenn es Weine gäbe, die wirklich den Namen Luther verdienten, dann müssen sie hier gewachsen sein.

Unzählige Male hat der Reformator das heimatliche Mansfelder Land rings um Höhnstedt durchstreift und sicher auch die namenlosen Weine getrunken, die damals hier das Alltagsgetränk waren. Einfach waren sie, aber verträglicher als Wasser und immer noch haltbarer als Bier. Doch auch an schmackhaftem Bier und gutem Wein fehlte es Luther selten. Als es im Januar 1546 wieder einmal in die Grafschaft Mansfeld ging, kredenzte ihm sein Freund, der Hallenser Pfarrer Justus Jonas, noch „gut Torgisch bier und guten Reinischen Wein“. Von Halle ging es weiter nach Eisleben. Die Weinberge von Höhnstedt lagen kaum hinter ihm, da erlitt Luther etwas, was ein Herzinfarkt gewesen sein könnte. „Und wahr ist’s, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein solch kalter Wind hinten in den Wagen ein auf meinen Kopf durchs Baret, als wollt mir’s das Hirn zu Eis machen.“ Die Schuld an dem Malheur vom 28. Januar 1543 gab Luther den Juden, die in dem Ort Rißdorf lebten. Sie hätten ihn „hart angeblasen“. Wenige Tage später war der Reformator tot. Heute hält ein kleiner Weinberg zwischen Unterrißdorf und Wormleben die Erinnerung an „Luthers kalte Stelle“ fest.

Das Gemälde „Der Weinberg des Herrn“ von Lucas Cranach d. J., 1569, zeigt in einem Detail die Reformatoren Martin Luther mit Harke und Johannes Bugenhagen im rosa Gewand, wie sie den Weinberg pflegen. Foto: © epd-bild / Norbert Neetz

Auch der Lutherweg führt dort vorbei und bald aus dem Tal nach Höhnstedt hinauf, am Weingut Born vorbei. Hier gibt es keinen Lutherwein, wie auch die meisten Pilger nicht ahnen, dass auf den Buntsandsteinformationen rund um den Süßen See heute auf etwa 80 Hektar Reben stehen. Und dass es eine knappe Handvoll Winzer gibt, die diesen Beruf im Haupterwerb ausüben.

Günter Born, Elisabeths Vater, hat es vorgemacht. In den siebziger Jahren begann der Ingenieur die kleinen Parzellen des „Höhnstedter Kelterbergs“ zu bearbeiten, den sein Großvater Otto Ende der zwanziger Jahre mit Terrassenmauern befestigt und nach und nach wiederaufgerebt hatte. Der Anfang war vielversprechend. In den Aufzeichnungen über eine Verkostung „selbstgebauter Weine“ des Jahrgangs 1940 der Winzervereinigung Freyburg an der Unstrut, die Anfang 1942 von der „Bewertungskommission des Weinbauwirtschaftsverbands Sachsen-Anhalt“ in Halle stattfand, hieß es mit leicht erstauntem Unterton über einen Silvaner aus der Lage Höhnstedter Kelterberg, dieser Wein sei von „hervorragender Qualität“. Auch die drei anderen Weine aus dem Seekreis, eine Partie Müller-Thurgau und zwei Chargen Riesling aus dem Rollsdorfer Mühlberg, fanden bei den Prüfern Anklang.

Dann kam die DDR. Vater Werner Born widmete sich dem Weinbau, so gut es unter den Bedingungen der sozialistischen Mangelwirtschaft ging. Schwere Maschinen brauchte es im Steilhang nicht. Aber es fehlte an Spritzmitteln und an Dünger. An moderne Geräte im Keller war noch weniger zu denken als an neue Reben, um abgängige Pflanzen zu ersetzen. Der Wein, den die 1933 gegründete Winzer-Vereinigung in Freyburg/Unstrut zu DDR-Zeiten aus den Trauben der Borns und der vielen kleinen Weinbergbesitzer aus dem Mansfelder Land als „Lohnware“ machte, war für den Handel nicht zugelassen. Umso begehrter war er als Tauschware. Dabei ähnelten die Müller-Thurgaus und Silvaner, die roten Portugieser und Rieslinge den Weinen aus Luthers Zeiten mehr als jedermann lieb sein konnte.

Denn in guten wie in schlechten Jahren zerquetschen die aus der Sowjetunion stammenden Hochleistungspressen in Freyburg mit den Trauben die Kerne gleich mit. „Er schmeckte nicht“, sagte Günter Born schon vor Jahren, wenn er auf den DDR-Wein zurückblickte.

Morgenstimmung am Weinanbaugebiet „Kreisberg“
Anlieferung der Trauben von der Weinlese am Weingut Born in Höhnstedt

Was tun? Verwandte aus dem Westen zerlegten eine Rückenspritze mit Motor in ihre Einzelteile. In Höhnstedt wurde sie wieder zusammengesetzt. In der Nähe von Leipzig tat Günter Born eine alte hydraulische Presse auf, eine Bohrmaschine sollte die Pumpe antreiben. Endlich mussten die Trauben nicht mehr nach Freyburg transportiert werden. Der Besitzer des historischen Kelterbergs kelterte seinen Wein selbst. Durchgegoren, ungeschönt, unfiltriert – „der Wein schmeckte uns“. Getrunken wurde nicht nur im kleinen Kreis. Aus 25 Liter fassenden gläsernen Ballons wurde der Wein für Freunde „wie bei den Ungarn“ in Korbflaschen umgefüllt. Bald machten die Bornschen Weine auch im Studentenclub der Landwirtschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle Furore. Neben den süßen roten Ungarweinen schmeckten sie nochmal so trocken.

D ann kam die Wende. Günter Born war der erste Höhnstedter, der seine Liebe zum Wein zum Beruf machte. „Anfang der neunziger Jahre wollte sich hier niemand mehr bücken.“ Doch nicht nur das. „Als Private hatten wir es anfangs schwer“, erinnert sich Born. „Unsere Weine standen neben denen der Winzergenossenschaft.“ Als die Flaschen das Deutsche Weinsiegel in gelb (für trocken) trugen, wurde es besser. Günter Born ließ sich auch nicht irremachen, als er sein junges Weingut vergrößern wollte und von der Treuhand nicht einen Quadratmeter Rebfläche bekam. „Gegen die Agrargenossenschaften hatte ich keine Chance.“ Also kaufte er Parzelle um Parzelle von Privatleuten zu, noch vor sechs Jahren einen Hektar Riesling.

An dieser anspruchsvollsten aller Weißweinrebsorten hängt jedoch das Herz seines Schwiegersohns mehr als das seiner Tochter. Elisabeth, die vierte Born-Generation, schwärmt für Weißburgunder. Und nicht nur sie. 1990 waren die meisten Flächen an Saale und Unstrut mit Müller-Thurgau und Silvaner bestockt. Heute ist der Weißburgunder überall im Gebiet führend. In den Trias-Böden Muschelkalk, Keuper und Bundstandstein kommt er gut zurecht, selbst in ungünstigen Jahren sind die Säurewerte nicht so hoch, dass der Wein unharmonisch schmeckte.

Weinschrank in der Vinothek des Weingutes Born

Kaum noch vom Westen zu unterscheiden ist auch das Spektrum der Rotweine. Die österreichische Neuzüchtung Blauer Zweigelt hat längst den Portugieser als Brot-und-Butter-Rebe abgelöst. Immermehr Winzer experimentieren auch mit Spätburgunder. Doch der braucht wie Riesling optimale Reifebedingungen, die an der nördlichen Weinbaugrenze nur in wenigen Lagen vorhanden sind. Aber Vollreife ist bei den roten Rebsorten nicht immer das Ziel. Auch im Osten liegt Roséwein im Trend. „Der läuft wie Sau“, sagt Elisabeth lachend. Die plastische Sprache Luthers hat sich im Mansfelder Land erhalten. Wie hatte Dr. Martinus seinem Gönner Johann Friedrich dem Großmütigen, Kurfürst von Sachsen, am 2. Juli 1540 von Weimar aus geschrieben? „Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher, das sei Gott gedankt.“

Anstoß genommen hat der Kurfürst daran nie. Im Gegenteil. Im Winter 1536 fand nicht nur ein wildes Schwein den Weg von Schweinitz nach Wittenberg, sondern auch ein Fass von sechs Eimern Wein. Der Inhalt: Gorrenberger. Im Herbst 1543 machte Johann Friedrich „Dr. Martinum Lutherum“ gleich zwei Fässer zum Geschenk: „ains mit aldem wein, Das ander mit heurigem gewachsnen Most, ain Suptezer (Süptizer), so gut uns der almechtige denselben diß Jahr bescheret hat“. Mit diesem Wein aus der Torgauer Flur war nicht viel Staat zu machen, wie Johann Friedrich freimütig avisierte: „Wir hetten Euch den gern besser geschickt, So ist er uns doch dißmals besser nit gewachsen noch einkomen.“

So war es damals oft. Mehr als einen passablen Landwein gaben die sandigen Weinberge flussaufwärts von Wittenberg kaum her. Doch Franken- und Rheinwein gar Südweine waren teuer und rar. Außerdem mussten sie den Transport nach Osten unbeschadet und unverwässert überstehen. Der Wertschätzung des Weins tat all dies keinen Abbruch. „Der Wein ist gesegnet und hat das Zeugnis in der Schrift, das Bier dagegen ist menschliche Tradition“, ließ Martin Luther im Frühjahr 1542 bei Tisch wissen.

Günter Born mit seine Tochter Elisabeth und ihr Partner Jochen Hinderer auf dem Hof des Weingutes in Höhnstedt
Inhaberin des Weingutes Elisabeth Born

Nach dem Tod des Reformators verlieren sich die Spuren des Gorrenbergers. Bezeugt ist nur, dass die sächsischen Kurfürsten schon bald nach der Jahrhundertmitte überlegten, einen Großteil der landesherrlichen Weinberge mangels Rentabilität zu verkaufen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die sächsischen Weinberge von kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitleidenschaft gezogen – der Dreißigjährige Krieg hinterließ nicht weniger Spuren der Verwüstung als der Siebenjährige. In der mörderischen Schlacht bei Torgau 1760 kam nicht nur der preußische General Ziethen auf eine heute sprichwörtliche Weise „aus dem Busch“. Ein Großteil der Süptizer Weinberge wurde so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass sie nicht wieder bestockt wurden. Doch der Gorrenberger war nicht auszurotten – bis heute nicht.

Was im 17. und 18. Jahrhundert die Kriege waren, das waren im 19. und 20. Jahrhundert für das Jessen-Schweinitzer „Sandweingebiet“ der Zollverein, Fröste, pflanzliche und tierische Schädlinge, das im Weinbau verbreitete Festhalten an alter Väter Sitte und die zunehmende Rentabilität des Obstbaus. 1889 befand ein aus dem Rheinland in die preußische Provinz Sachsen entsandter Weinbaufachmann, man solle in den warmen Sandböden der Region lieber Tafel- statt Weintrauben anbauen. Erstere ließen sich leicht in den mit der Eisenbahn gut erreichbaren Metropolen Berlin, Halle, Leipzig, Dresden und Hamburg absetzen. Weintrauben dagegen würden hier „nur in wenigen Jahren reif“. Aber der Weinbau blieb.

Hätte sich die Reblaus in der Region ausbreiten können, das Schicksal von Jessen und Schweinitz als Weinbaugemeinden wäre besiegelt gewesen. Doch sie kam nicht, den Sandböden sei Dank. Auch die Ernteausfälle und die Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre konnten dem Weinbau nicht den Garaus machen. Dabei war die Rebfläche von 200 Hektar um das Jahr 1880 im Jahr 1900 auf 25 Hektar zurückgegangen. Und die Aussichten waren düster. „Der Ertrag im Weinbau ist in den letzten Jahren so gering ausgefallen, dass von einer Verwertung kaum die Rede ist. In absehbarer Zeit wird der Weinbau ganz eingehen“, ist in einem Fragebogen vom November 1927 zu lesen. Beerenobst und Spargel, das schien die Zukunft zu sein. Wie es zwischen 1933 und 1945 dem Weinbau rund um Jessen erging, ist nicht überliefert. Dafür sind die Erinnerungen an die Zeit der DDR umso lebendiger. Noch immer wollte der Weinbau nicht eingehen. Das lag an zwei Männern. Der eine, der passionierte Winzer Harry Hofmann, hatte 1960 alle seine Flächen in die örtliche Genossenschaft einbringen müssen. 1976 erlaubte ihm die SED-Kreisleitung Jessen, auf 1,8 Hektar Weinreben zu pflanzen. „Der Mann war nicht ausgelastet“, sagt Ingo Hanke schmunzelnd. 1986 kam ein weiterer Hektar hinzu.

Die Inhaber des Weingutes Hanke: Frank Hanke und sein Bruder Ingo Hanke begutachten einen 2016er Chardonnay im Weinkeller.

Der andere, Erhard Hanke, hatte sich geärgert: Irgendwann in den fünfziger Jahren wollte der Besitzer des Weinausschanks Petzold ihm keinen Wein mehr überlassen. Der Obstbaumeister und spätere Brigadeleiter für Obst- und Weinbau in der LPG Gartenbau „Hermann Matern“ beschloss daraufhin, selbst Wein zu machen. Umgehend wurden 1000 Rebstöcke gepflanzt. Dass diese zum Grundstock des heutigen Weinguts Hanke werden sollten, konnte damals niemand wissen. Auch im Wendejahr 1989 noch nicht, als im gesamten Gebiet noch 4,5 Hektar mit Reben bestockt waren. Aber eine Vorahnung gab es.

Am zweiten Augustsonntag 1988, erzählt Ingo Hanke, sollte das 150. Schul- und Heimatfest in Jessen gefeiert werden. Vater Erhard und seine vier Kinder beschlossen, es so zu halten wie in den zwanziger und dreißiger Jahren – damals gab es hier und da in den Weinbergen einen Ausschank, in dem es zu Winzer- und Obstweinen Hausmacherwurst gab. Ein wirtschaftlicher Erfolg wurde das Fest nicht, es fehlte nicht an Schikanen. „Die Flaschen durften nicht auf den Tischen stehen“, sagt Hanke, „Lohnware aus der Winzergenossenschaft Meißen, nicht zum Handel zugelassen.“ Dabei war der Andrang auf dem Hof so groß, dass weder die provisorischen Sitzgelegenheiten noch die mühsam beschafften 200 Gläser reichten.

Bald nach der Wende überdachte Ingo Hanke die Entscheidung, den Winzerberuf auszuschlagen. Hatten sich die Weinberge rings um Radebeul nicht bei jeder Zugfahrt nach Freiberg in Sachsen, wo er 1987 eine Ausbildung zum Baumschuler angefangen hatte, in neuem Licht gezeigt? Im Winter 1992, nach der Ausbildung zum Weinbautechniker im württembergischen Weinsberg, beschlossen Ingo und sein Bruder Frank, ein Agrotechniker, die Flächen rings um den „Gorrenberg“ wieder aufzureben. Doch das war auch im Osten leichter gesagt als getan, obwohl die damalige EG dem Weinbaugebiet Sachsen, zu dem Jessen bis heute gehört, Pflanzrechte für insgesamt 400 Hektar zusprach. Eine aus Weißenfels an der Saale angereiste Kommission traute Ende Januar 1993 ihren Augen nicht, als die Weinberge zwischen Jessen und Schweinitz sich nicht als Fata Morgana entpuppten. 5,5 Hektar Neuanlagen wurden genehmigt.

Weingut Gebrüder Hanke, Weinanbau in Jessen

Wie es die Weinberge dort verlangen, pflanzten die Hankes vorwiegend frühreife und frostharte Sorten, darunter den aus Württemberg importierten seltenen Schwarzriesling. Anspruchsvollere Sorten wie Kerner und Weißburgunder kamen hinzu. Heute lesen sie ihre Wein- und Tafeltrauben auf 16 Hektar. Und wie zu Luthers Zeiten finden die Weine aus dem Gorrenberg wieder den Weg nach Wittenberg, Torgau, Leipzig und darüber hinaus.

Wie alt die Riesling-Reben sind, gar ob es noch wurzelechte und keine Pfropfreben sind, vermag niemand zu sagen. Aber der Wein, den die Hankes aus den wenigen Trauben keltern, die die alten Reben auf dem Gorrenberg hervorbringen, ist nicht nur im Reformationsjahr eine Rarität. Vielleicht hat ja Martin Luther einen Gorrenberger im Becher gehabt, als er während einer Tischrede im Sommer des weithin gerühmten Weinjahres 1540 den Trinkspruch ausbrachte: „Trink und iß, Gott nicht vergiß. / Bewahr dein Ehr, dir wird nicht mehr / Von deiner Habe denn ein Tuch zum Grabe.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 15.11.2017 13:24 Uhr