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Rot, weiß oder rosé? : Orange ist der Wein!

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Orange ist das neue weiß: Zumindest, wenn es nach den Liebhabern von Naturweinen geht. (hier ein Pinot Grigio) Bild: Pein, Andreas

Er ist jetzt angesagt: Naturwein, hergestellt ohne Zusatzstoffe und Chemie. Immer mehr Winzer setzen auf die Tropfen mit der ungewöhnlichen Farbe. Doch nicht immer ist „natürlich“ gleich „großartig“.

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          Lange Zeit regierte auf Weinkarten das heilige Dreigestirn Weiß, Rot, Rosé. Doch nun geistert eine vierte Farbe durch die Weinwelt. Sie ist vor allem bei Sommeliers, Winzern und Weinhändlern ein großes Thema und sorgt für einige Aufregung: Orange. Die einen glauben daran und richten ihre Weinwelt neu aus, die anderen tun das Ganze als Verirrung ab. Es geht um eine neue, alte Art von Naturwein, weg von industrieller Vorhersehbarkeit, zurück zur Natur, lebendig, rein und komplex. Das meinen zumindest die Schwärmer; die Gegner klagen über Weinfehler und Gerbstoffe.

          Eines sei gleich klargestellt: Nicht alle sogenannten Naturweine (mehr zu diesem nicht unproblematischen Begriff später) sind orangefarben. Doch sind es die Auffälligsten, Ungewöhnlichsten und Umstrittensten unter ihnen, besonders im Kontext deutscher Tradition, da es sich um mit den Schalen vergorene weiße Traubensorten handelt, während Moselriesling und Konsorten als Most zu Wein werden.

          Die heilige Grotte der vins naturels lag anfangs im Beaujolais, doch inzwischen werden sie nicht nur in nahezu allen französischen Anbaugebieten, sondern auf der ganzen Welt erzeugt. Ursprünglich waren sie günstig und unkompliziert und stammten von einer Handvoll kleiner Erzeuger, die als Gegenreaktion auf die Industrialisierungswelle in den Sechzigern und Siebzigern beschlossen, im Weinberg ohne Chemieeinsatz zu arbeiten und im Keller auf Schwefel und Holz weitgehend zu verzichten – nicht zuletzt, weil sie als Vieltrinker das Kopfschmerzrisiko am Morgen danach minimieren wollten. Diese Weine tauchten Mitte der Achtziger als Alternative zum seelenlosen, kommerziell frisierten Beaujolais in einigen unauffälligen Pariser Bistros auf (obgleich der Begriff viel später geprägt wurde).

          Naturwein, auch in rot: Quinto Quarto

          Richtig Schwung bekam die Bewegung jedoch erst in den vergangenen drei Jahren. Heute sind natural wines unter angesagten Sommeliers geradezu ein Muss und besonders auch in der englischsprachigen Gastroszene beiderseits des Atlantiks sehr verbreitet. Pascaline Lepeltier zum Beispiel, Weinchefin des ganz auf gesunde, marktorientierte Küche ausgerichteten New Yorker Sternerestaurants „Rouge Tomate“, beschreibt natural in ihrer großartigen Weinkarte folgendermaßen: „Es gibt weder eine offizielle Definition noch ein Klassifizierungssystem für natürliche Weine. Einfach ausgedrückt, ist natürlicher Wein vergorener Traubensaft, ohne hinzugefügte Zusatzstoffe.“

          Selbstgekeltert und naturrein seit 1910

          Historisch bewanderte Weintrinker werden sich erinnern, dass der Begriff „Naturwein“ hierzulande bereits besetzt ist. Oder zumindest war: Der 1910 gegründete Verband der Naturweinversteigerer garantierte seinen Kunden selbstgekelterte, naturreine Weine, die nicht chaptalisiert waren, also ohne Zuckerzusatz vor oder während der Gärung (für mehr Alkohol im fertigen Wein) erzeugt wurden. „Wer gezuckerten ,Wein‘ als Naturwein verkauft“, so drohte das Reichsweingesetz von 1901, „wird mit Gefängnis bis zu 6 Monaten und Geldstrafe bis zu 3000 Mark etc. bestraft.“

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