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Zehn Chipssorten im Test : Der Europameister unter den Snacks

  • -Aktualisiert am

Gute „Snackability“: Chips gehören zu einem Fußballspiel einfach dazu. Bild: Getty

Crunchips, Chipsfrisch oder Chio? Am Dienstag startet das deutsche Team in die ­Fußball-EM, also ran an die Chips! Wir haben mit dem Spitzenkoch Stephan Hentschel zehn Produkte für Sie getestet und empfehlen ein Dip-Rezept.

          2 Min.

          Der Vergleich mit Pommes frites liegt nahe. Schließlich haben Kartoffelchips mit ihnen nicht nur den Rohstoff gemein, sondern auch die Farbe sowie die aromatische Sensation. In erster Linie beruht sie auf einer frittierten Kruste und in zweiter auf der stärkehaltigen Knolle, die den Röstgeschmack gut abbildet und selbst nicht allzu viel Geschmack mitbringt. Auch Herstellungsweise und Gehalt unterscheiden sich nicht prinzipiell von denen der Stäbchen aus dem heißen Fettbad. Dennoch handelt es sich um eine Verwandtschaft, die so eng nicht ist.

          Kartoffelchips bewegen sich eher auf einer Ebene mit salzigen Keksen. Erdnussflips, Cracker, Linsenchips, Reis­crisps, Salzstangen und Trockenbrezeln, Tortilla-Chips sowie Krupuk aus gemahlenen Shrimps gehören zu ihrem unmittelbaren Umfeld. Der Unterschied zum Knabbergebäck, das man ebenso wie Chips zumeist nebenbei verzehrt, besteht nur darin, dass sie nicht aus Teig gemacht werden.

          Testet für uns Kartoffelchips: der Berliner Spitzenkoch Stephan Hentschel
          Testet für uns Kartoffelchips: der Berliner Spitzenkoch Stephan Hentschel : Bild: Andreas Pein

          Im Gegensatz zu den aus Kartoffelpüreepulver fabrizierten Chipsletten beziehungsweise Stapelchips entstehen sie in einem herkömmlichen Verfahren. Dafür werden die Kartoffeln geschält (inzwischen gibt es auch Marken, die Chips aus ungeschälten Kartoffeln anbieten), in feine Scheiben geschnitten, gewässert, getrocknet und schließlich in siedendem Öl schwimmend ausgebacken. Der Fettanteil im fertigen Produkt – zumeist handelt es sich um Sonnenblumenöl – macht 30 bis knapp 40 Prozent des gesamten Produkts aus.

          Für industrielle Fertigungsverhältnisse mag das ein ungewöhnlich kurzer und konservativer Prozess sein, zumal es sich auch um eine bewährte Form der Haltbarmachung von Kartoffeln handelt. Weniger Zügel legen sich die auf Massenproduktion eingestellten Unternehmen an, wenn sie ihre Chips mit würzenden Zusätzen im Gespräch halten und den Absatz stimulieren möchten.

          Ein Wettlauf der Aromen

          Geschmackliche Varianten wie Bacon, Barbecue, Brathuhn, Burger, Cheddar, Chili-Limette, Döner, Garnelencocktail, Hawaii Style, Kräuterbutter, Pizza, Sauerrahm, Senf, Tomate, Zwiebel und sogar weiße Trüffel liefern zum Teil drastische Beispiele dafür, wie weit gespannt die Möglichkeiten der Geschmackslaboratorien inzwischen sind. Der Wettlauf der Aromen hat längst zu einer Verschmelzung von Nahrungsaufnahme und Amüsement ge­führt. Das Beiwerk von früher buhlt heute um immer mehr Aufmerksamkeit. Fast ist es, als wollte es dem Kinofilm, der Quizsendung im Fernsehen, dem Abend mit Freunden die Show stehlen.

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          Kommen bloß Versionen in die Tüte wie die ungebrochen beliebte Paprika oder Rosmarin, dann erscheint das ­manchen Konsumenten altmodisch. Dagegen gerade wieder im Trend, der sich ursprünglich, unverfälscht und plain auf die Fahnen geschrieben hat, liegen Chips, die aus nichts weiter als den Grundzutaten bestehen. Letztlich sind sie es, durch die auch noch die krasseste aromatische Verrenkung ihre Daseinsberechtigung findet.

          Wir testen Klassiker

          Zusammen mit dem Berliner Spitzenkoch Stephan Hentschel haben wir als gesalzen, salted oder natural deklarierte Chips verkostet. Mit seinen Menüs hat es der 39 Jahre alte Sachse geschafft, dass das „Cookies Cream“ als einziges vegetarisches Restaurant der Hauptstadt vom Guide Michelin in den Sternenrang erhoben wurde. Der Werktagsvegetarier (am Wochenende kann man ihn schon einmal bei einem Gulasch ertappen) lässt bewusst Pasta, Reis und Tofu beiseite, um originellen Kreationen der fleischlosen Küche mehr Raum zu geben.

          Natürliche Intensität
          Wie alle anderen auch, bloß aus Kartoffeln, Öl und Salz – und doch ziemlich anders. Zunächst erlaubt eine genau austarierte Scheibenstärke das Sieden bis hin zu einem tiefen Bräunungsgrad und fein strukturiertem Crunch. Das verhilft zu erstaunlichen Gratin- und Karamelltönen. Salz und Öl, beide perfekt dosiert, heben die natürlich bleibende Intensität. Sie überschreitet den Snackbereich und zügelt besinnungsloses Vertilgen.

          Note 1


          La Santa María Patatas fritas en sartén, 140 g, 3,64 Euro, www.bosfood.de

          Voll, rund und würzig
          Die Marke aus der italienischen Provinz Mantua weckt nostalgische Gefühle und Erinnerungen an lokale Chips ohne Tütenaufdruck. Dazu gehört der Eindruck des Vollen, Runden und Würzigen genauso wie die Tatsache, dass die etwas fluffigen Scheiben ein klein wenig unknusprig sind. Salz und Öl scheinen die Plätze getauscht zu haben. Ersteres wirkt von innen, Letzteres ist verwoben mit der äußeren Röstschicht.

          Note 2


          Amica Chips La Trasparente, 190 g, 1,80 Euro, italienische Feinkosthandlungen, www.feinkost-partner.de

          Gemüsiger Anflug
          Dass gleich zwei Salzsorten in die Rezeptur Eingang gefunden haben, verwunderte den Sternekoch umso mehr, als das Produkt eher untersalzen wirkt. Deshalb könne sich erst, vermutete Hentschel, aus der zwischen den Zähnen knackenden, am Gaumen keksigen Beschaffenheit allmählich ein gemüsiger Anflug herausschälen und den gelblichen Ovalen fast etwas Hausgemachtes mitgeben.

          Note 3+


          Lorenz Crunchips Salted, 175 g, 1,49 Euro, Edeka, Kaufland, Rewe

          Achtung, Dauerknabbern!
          Dünn wie Furnier, dazu leicht ins Graue spielend: Man könnte schon auf die Idee kommen, der Branchenriese würde Chips lediglich zu paraphrasieren versuchen. Was originären Kartoffelgeschmack betrifft, so bleibt er minimal. Der Ölgehalt von etwa 35 Prozent hat zu einer porösen Textur geführt, die sich auf der Zunge auflöst. Der leise, zarte Knack kann allerdings zu Dauerknabbern verleiten.

          Note 3


          Funny-frisch Chipsfrisch gesalzen, 175 g 1,46 Euro, Edeka, Rewe etc.

          Ziemlich kartoffelig
          Die Küchenmannschaft des „Cookies Cream“ votierte geschlossen für das Erzeugnis des Cola-Konzerns, allerdings in der Salt-&-Vinegar-Version. Die maisgelben Scheiben mit der dunklen Röstkante beeindrucken durch ihre rösche Art, die schon einmal den Gaumen zu piksen versteht. In die Kruste geht das Salz bruchlos ein, als wäre es eingebrannt. „Für Industriechips schon ziemlich kartoffelig“, so der Sternekoch.

          Note 3-


          Pepsico Lay’s Classic Gesalzen, 175 g, 1,59 Euro, Edeka, Rewe

          An der Grenze des Faden
          Die großen, nur leicht zum Sattel gebogenen, an manchen Stellen durchscheinenden Blätter möchten mit ihrer neutralen Art ein großes Publikum ansprechen. Begeisterung kommt zwar nicht auf, aber in diesen Grenzen wirkt Snack Day sehr ausgewogen – „bis an die Grenze des Faden“, wie Hentschel hinzufügte. Zudem sei der unaufdringliche Effekt von Öl ein Pluspunkt. Wie gemacht für einen Dip!

          Note 3-4


          Snack Day Salz Chips, 200 g, 0,79 Euro, Lidl

          Anklang an ranziges Fett
          Sie splittern beim Biss und stechen manchmal ins Zahnfleisch. Die Berliner haben ziemlich dicke, farblich zum Orange tendierende Chips konzipiert, die man lieber frisch aus der Pfanne goutieren würde. Aus der Tüte wirken sie wie getrocknete Bratkartoffeln, die mit Öl und Salz traktiert wurden. Sie erinnerten den Koch entfernt an ein „Brataroma fast wie von einer Currywurstbude, die das Fett nicht so oft wechselt“.

          Note 4+


          Rob’s Chips Meersalz Natural, 120 g, 1,99 Euro, Kaufland

          Ein „Fish & Chips“-Typ
          Die im englischen Herefordshire beheimatete Chips-Farm gibt als einziger Testteilnehmer die verwendete Kartoffelsorte an: die hellgelbe Taurus. Die kleinen Oblaten kleben sofort hinter den Zähnen fest und sorgen so für einen anhaltenden Eindruck. Auch wegen dezenter Salzung und einem Hauch Backkartoffel bezeichnete Hentschel sie als „,Fish & Chips‘-Typ, dem nur ein paar Spritzer Malt Vinegar fehlen“.

          Note 4


          Tyrrells hand-cooked English crisps lightly sea salted, 150 g, 2,39 Euro, Hit Markt, Rewe

          Zu viel Sonnenblumenöl
          Die ziemlich dünnen, fast weißen, eingetrübt-transparenten Scheibchen von mittleren Kartoffeln erwiesen sich als nicht ganz so knusprig, wie es das Aussehen zunächst einmal nahelegt. Dem luftigen Eindruck am Gaumen wirkt das Sonnenblumenöl so erfolgreich entgegen, dass der Koch es als bestimmendes Element ansah. Verstärkt wird dies durch zurückhaltend zugesetztes Salz und überhaupt wenig Körper.

          Note 4-


          Chio Ready Salted Chips, 175 g, 1,99 Euro, Edeka, Kaufland, Rewe

          Ein echter Tiefpunkt
          Zwischen dem Prolog, der als unangenehmer Duft aus der Tüte steigt, und einem Abgang, den Stephan Hentschel als speckig bezeichnete, befindet sich ein echter Tiefpunkt. Die braunen Scheiben sind fest und weisen Brandmale auf. Wie ein Gewicht legt sich ein gar nicht so neutrales Öl auf die Zunge. „Könnte aus einer Frittierstraße stammen, in der zuvor Kroketten oder Nuggets fabriziert wurden“, so der Koch.

          Note 4-5


          Kettle Chips Sea Salt, 150 g, 1,99 Euro, Edeka, Rewe

          Obwohl Hentschel in seiner Küche auf biologisch-dynamische Zutaten großen Wert legt, missfielen ihm ausgerechnet die Biochips im Test. Aber womöglich passt deren unausgeglichener Charakter, ihre eingeschränkte „Snackability“ auch nicht recht zu den Übertragungen der Europameisterschaft. Fußballspiele bieten bereits genug Anlass zu Unmut.

          Chili-Ahornsirup-Dip

          • 100 g rote Peperoni, ohne Stiel grob zerkleinert
          • 120 g Öl
          • 25 g Ahornsirup
          • 1 Stück rote Thai-Chili,      ohne Stiel grob zerkleinert
          • 25 g Sambal Oelek
          • 2 EL Tomatenmark
          • 2 geschälte Knoblauchzehen
          • 75 g Kokoswasser
          • Meersalz

          Peperoni, Chili und Knoblauch in 20 g Öl goldbraun anschwitzen, Tomatenmark hinzufügen, leicht karamellisieren lassen und mit Kokoswasser ablöschen, kurz aufkochen. Sambal Oelek unterrühren und dann auskühlen lassen. Mit einem Stabmixer pürieren und mit weiteren 100 g Öl emulgieren, das heißt vermischen. Mit Ahornsirup und wenig Salz abrunden.

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