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Seit 50 Jahren in Deutschland : Ist es des Teufels, zu McDonald’s zu gehen?

  • -Aktualisiert am

Seit 50 Jahren prangt das „goldene M“ in Deutschland. Bild: dpa

Im Münchner Stadtteil Giesing fing alles an: Dort wurde 1971 der erste McDonald's in Deutschland eröffnet. Wir waren mal wieder da.

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          Während kulinarisch kundige Kollegen zum Probeessen in den Münchner Gourmettempel Tantris gehen, bleibt für den auf dem Gebiet eher Unbeleckten bloß der Besuch bei McDonald’s im früheren Arbeiterviertel Giesing. Immerhin handelt es sich bei dem Schnellrestaurant um den ersten McDonald’s in Deutschland, eröffnet am 4. Dezember vor 50 Jahren. 95 Pfennig kostete damals ein Hamburger. Sonst gab es nur noch Cheeseburger, Pommes, Cola, Limo und Kaffee.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Heute ist McDonald’s Weltmarktführer der Burgerketten, mit mehr als 38 000 Standorten auf der Welt, 1448 davon in Deutschland. Es sollen noch mehr werden: „Wir suchen aktiv nach neuen Standorten“, sagte ein McDonald’s-Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. Am Freitagmittag in Giesing ist diese in der Tradition wurzelnde Aufbruchstimmung zumindest zu erahnen. Es gibt zwar kein besonderes Birthday Meal, aber die ­Fenster und der Innenraum des Jubilars sind mit Hinweisen auf den Geburtstag reich dekoriert.

          Zu McDonald’s zu gehen ist natürlich des Teufels. Zwar hat der Franchisegeber den Verpackungsmüll im Lauf der Jahrzehnte reduziert – er taugt aber nach wie vor zum Mahnmal für die Idiotie des Menschengeschlechts. McDonald’s kam auch den Bedürfnissen der Vegetarier entgegen. Man hat zum Beispiel gute Milchshakes im Angebot, für Kinder gibt es Bioapfelschnitze in Folie. Aber das, wofür man zu McDonald’s geht, ist doch nach wie vor das Rindfleisch, das übrigens in Bayern, genauer gesagt im von Robert Gernhardt bedichteten Günzburg, zum Verzehr verarbeitet wird.

          Esskultur existiert bei McDonald's nicht

          Was Rindfleisch fürs Weltklima bedeutet, bedarf keiner Erklärung. Nicht ganz so eindeutig sind die Auswirkungen von Fast Food auf körperliche Konstitution und Potenz. Der Film „Super Size Me“ kam da zwar zu desolaten Ergebnissen, wurde aber ob seiner Methodik fast so stark kritisiert wie Streeck von Drosten. Keine zwei Meinungen gibt es jedoch in Sachen Esskultur. Die existiert bei ­McDonald’s nicht, schon gar nicht für Leute, die sich in München auf dem Wochenmarkt eindecken, um ihren Kindern dort mal die schwie­ligen Hände der Kartoffelbauern aus dem Umland zu zeigen.

          Insgesamt kann man sagen, dass sich ein McDonald’s-Abstecher etwa zum Tantris-Tantra verhält wie ein Hallenbadbesuch zu einem Urlaub an der Lagune von Bacalar. Doch wer schon mal in die leuchtenden Augen von Kindern geblickt hat, wenn sie zum Kindergeburtstag ins Hallenbad oder eben in den Giesinger McDonald’s stürmen, der weiß: Irgendwas ist da dran. Auch der Cola-Light-Liebhaber Markus Söder hat die Fast-Food-Kette als wichtigen Soziokosmos und damit als Impfpartner ausgemacht: Wie das bayerische Gesundheitsministerium der F.A.Z. mitteilte, gab es, wie von Söder angekündigt, tatsächlich Kooperationen der Impfzentren mit McDonald’s, zum Beispiel in Miesbach, Tirschenreuth und Regen.

          Einen Einblick, wie divers gerade nachts die Besucherschar bei McDonald’s ist, konnte man schon vor ein paar Jahren während des berühmten „Tuğçe“-Prozesses bekommen, der sich um eine Tat auf einem Offenbacher Mc­Donald’s-Parkplatz drehte. Doch nicht nur Rocker und Nachtvögel fühlen sich unter dem „Goldenen M“ wohl, sondern auch Politiker wie Roland Koch und Volker Bouffier, die dort gerne konspirierten. Selbst der Chefreporter der Süddeutschen Zeitung wurde einst in einem McDonald’s gesichtet – im Gespräch mit Söder.

          Ein bisschen Wärme beim Royal TS

          Das „Goldene M“, das zumeist bestenfalls goldgelb daherkommt, ist zum Leuchtturm der Autobahnkapitäne geworden, die sich nachts um drei, nicht wissend, mit wem ihr Mädchen zu Hause das Bett teilt, ein bisschen Wärme beim Royal TS holen. Wie so vieles im Leben, so verdankt auch McDonald’s seine ­Wirkung nicht sich selbst, sondern den Umständen: Der Giesinger McDonald’s etwa liegt in Nachbarschaft einer Tankstelle („Bavaria Petrol“), eines Wasch­salons, eines „Hamam Anatolia“, einer Bowlingbahn, eines „Wienerwald“-Restaurants und des Grünwalder Stadions. Dagegen ist es schwer abzufallen.

          Auch der zeitliche Kontext spielt McDonald’s in die Hände: Wenn die Welt aus den Fugen ist, finden die Leute Trost in Dingen, die überall mehr oder weniger gleich sind. Zuletzt hat sich sowieso gezeigt, dass alles, was mindestens 40 Jahre alt ist, keiner Rechtfertigung mehr bedarf. „Wetten, dass . .?“ ist das beste Beispiel – kein Wunder, dass der Mode­rator mal für McDonald’s Werbung gemacht hat. Auch aus virologischer Sicht könnte Fast Food das Essen der Stunde sein. Donald Trump jedenfalls soll sich auch wegen der standardisierten Produktion vornehmlich davon ernährt haben. Außerdem ist in diesen Tagen die Transparenz der Zubereitung, etwa der Pommes, Gold wert: Sie erhöht das Vertrauen, allerdings, bei Betrachtung der Zubereiter, nicht immer den Genuss.

          Am Freitagmittag wurde dann im Auto mit zwei Kindern verzehrt. Die Reinigung des Kindersitzes dürfte teurer sein als die Meals: 23,06 Euro haben die gekostet. Das soll das Tantris erst mal nachmachen.

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