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Im „Café Traxlmayr“ in Linz : Auf einen Verlängerten

Das Finanzamt akzeptiert die Kosten als Betriebsausgaben und folgt damit Traxlmayrs Lesart, dass für das angemessene Dasein eines Kaffeehauses der Bezug von Zeitungen ein so selbstverständlicher Kostenbestandteil sei wie Aufwendungen für Personal oder Kaffeemaschinen. Aber um Kosten absetzen zu können, muss das Geld trotzdem erst einmal verdient sein. Und in der Tat: Herr Traxlmayr erhebt so etwas wie eine Rundfunkabgabe, nur eben auf Zeitungen. „Es stimmt schon: Der Kaffee ist etwas teurer bei uns.“ Die Kalkulation läuft darauf hinaus, dass die Kundschaft im „Traxlmayr“, ob sie nun Zeitung liest oder nicht, die vielen Abonnements finanziert, indem sie ein wenig mehr als anderswo für einen Kleinen Braunen oder den Verlängerten zahlt. Von einer Zwangsgebühr kann dennoch nicht die Rede sein, denn es wird ja niemand gezwungen, im „Traxlmayr“ einzukehren, und es kommt auch keiner in Haft, der dem Café fernbleibt. „Ich kenne kein Café in Österreich“, rechtfertigt Herr Traxlmayr seinen kleinen Pressezins, „das so viele Zeitungen im Angebot hat. Das ,Café Landtmann‘ in Wien ist zwar größer, die haben weniger Zeitungen als wir.“

Thomas Bernhard im Olymp der Nörgler

Herr Traxlmayr sagt das keinesfalls triumphierend. Er tritt leise und freundlich auf wie sein Personal, das die Gäste nicht im Ton garstiger Grantelei bedient, der angeblich das Markenzeichen von Kaffeehauskellnern ist. Granteln und Kaffeehaus, das gehört vermeintlich unauflöslich zusammen, nicht zuletzt im Fall des ziemlich großen Schriftstellers Thomas Bernhard, der in Wien für gewöhnlich im „Bräunerhof“ grollte und schmollte, zeitweilig aber auch im verflossenen „Casino Zögernitz“ im 19. Bezirk. Im „Zögernitz“ kann man allerdings nicht mehr auf Bernhards Spuren griesgrämig sein, da das Haus zu einem Altenheim oder zu einem Komplex aus Eigentumswohnungen umgebaut wird, zu irgendetwas Gerontologischem jedenfalls.

Das liets man etwas länger: Im Café Traxlmayr im Linz liegen um die 100 aktuelle Ausgaben verschiedener Tageszeitungen und Journale aus.
Das liets man etwas länger: Im Café Traxlmayr im Linz liegen um die 100 aktuelle Ausgaben verschiedener Tageszeitungen und Journale aus. : Bild: Mafalda Rakoš

Bernhards Ruf als Kaffeehausmissmutiger ist längst Legende. Die Süddeutsche Zeitung feierte den Dichter 2008 noch vergleichsweise bescheiden als „schreibenden Grantler“, die Welt nobilitierte ihn 2019 schon zum „unvergleichlichen Grantler“, und die taz (die im Hause „Traxlmayr“ allerdings nicht geführt wird, denn alles hat seine Grenzen) nannte ihn unlängst gar „einen der größten Grantler der Weltliteratur“. Thomas Bernhard hat sich offenbar postum hochgegrantelt in den Olymp der Nörgler. Als die eigentlich Missgelaunten in der Kaffeehauswelt gelten indes die Kellner. Dass postkakanische Kaffeehauskellner unverbesserliche Dauergrantler seien, mag in unvordenklichen Zeiten zutreffend gewesen sein, doch heutzutage kommt der waschechte Wiener Kaffeehauskellner meist aus Bosnien, Kroatien oder Rumänien, heißt Bogdan, Zoran oder Dacian und hat womöglich zwar auch einmal schlechte Laune, zum authentischen Granteln aber nicht den passenden Akzent.

Kaffeehaussymphonie in a-Moll

So auch im „Traxlmayr“, wo allerdings ohnehin nur Kellnerinnen arbeiten. „Ich hätte gerne eine gemischte Mannschaft, wegen des Arbeitsklimas und auch für die Gäste. Damen wollen gern von einem netten Herrn bedient werden, und Herren freuen sich, wenn ihnen eine Dame den Kaffee serviert“, sagt Herr Traxlmayr. „Wir haben schon Kellner gehabt, aber die sind uns wieder abhandengekommen.“ Warum ihm seine Kellner entlaufen sind, verrät Herr Traxlmayr nicht – sondern nur, dass es schwer sei, gute zu finden. Deshalb gibt es im „Traxlmayr“ allein Serviererinnen (im roten Gilet) und Kellnerinnen (im schwarzen). Alle sind löblich höflich, ihre angenehmen Stimmen fügen sich in die dezent musikfreie Geräuschkulisse ein, als seien sie eigens hinzukomponiert worden.

So entsteht eine herrliche Kaffeehaussymphonie in a-Moll, aufgeführt vor einer Kulisse aus rotem Plüsch und weißen Marmortischchen: Das Knarren des Parketts nach dem Übergang vom alten Saal zum Neubau von 1907, das gelegentliche Zeitungsrascheln nicht nur von Tisch 41, dazu als Leitmotiv ein Klimpern von Besteck und Tellern auf einem gedämpften Klangteppich aus Plaudereien.

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